Geiselnahmen

Die Flucht

Der St. Galler Tierpräparator Lorenzo V. ist gestern nach 34 Monaten in Geiselhaft in die Schweiz zurückgekehrt. Er hat sich selbst auf abenteuerliche Art befreit.

So plante er die Flucht und machte sich dann aus dem Staub: Lorenzo V. berichtet nach seiner Ankunft in Kloten, wie er sich aus den Fängen der Abu-Sayyaf-Terroristen befreite. Video: Anja Metzger

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Der Nashornvogel steht am Anfang und am Ende einer Reise in die Philippinen, die ungewollt 34 Monate in Anspruch nahm. Lorenzo V., Angestellter des ­Naturmuseums St. Gallen, wollte im Februar 2011 das seltene Tier mit dem Dreifachschnabel ablichten. Dabei wurde er entführt. Fast drei Jahre wurde er festgehalten. Er war in ständiger Gefahr. Oft griffen Regierungstruppen Lager auf der Insel Jolo an, in denen die islamistischen Abu Sayyaf V. und seinen Reisegefährten Ewold H. festhielten. Während der Holländer sich weiter in Gewalt seiner Geiselnehmer befindet, ist Lorenzo V. am Freitag früh in die Schweiz zurückgekehrt. Vor einzelnen Medienvertretern erzählte er von seiner dramatischen Flucht und was er mit dem Foto des Nashornvogels macht. Seine Schilderung leicht angepasst und gekürzt.

Der Entschluss

Es war um meinen Geburtstag herum im November, als ich entschied: Ich muss raus. Sonst bringe ich einen um. Ich hatte die Schnauze richtig voll. Ewold sagte: «Nee, das kommt schon gut. Es ­arbeiten viele Leute dran.» Ich sagte: «Ewold, wenn wir nicht Teil der Lösung sind, sind wir Teil des Problems. Wir müssen es selber in die Hand nehmen.» Es gab lange Zeit keinen Kontakt mit der Familie. Wir haben alle paar Tage ein neues Camp aufgebaut. Das Militär ist uns hinterher. Es gab Schusswechsel. Ich sagte: «Ewold, ich will nicht eine dritte Weihnacht auf Jolo verbringen. Das ist mein Ziel. Ich will die nächste Weihnacht mit meiner Familie, mit meinen Kindern verbringen. Ich bring dich hier raus.»

Die Vorbereitung

Wir haben angefangen, uns darauf vorzubereiten. Er sagte mir: «Gib mir drei Tage Zeit, damit ich meinen lädierten Körper vorbereiten kann.» Das Militär hat sich distanziert. Es herrschte mehr Ruhe im Camp. Die Abu Sayyaf feierten eine Hochzeit. Es war Vollmond. Ein Taifun näherte sich. Ich weckte Ewold in der Nacht. «Ewold, jetzt! Sie haben viel gegessen gestern Abend. Es sind Ehefrauen hier. Sie sind anders beschäftigt. Jener nebenan ist nicht da. Jener unten ist mit der Frau. Es ist nur noch einer hier, der uns bewacht. Lass uns gehen!» Eine halbe Stunde später leuchtete der eine Bewacher ins Haus rein. «You sleep?» – «Yes, we sleep.» Er ging weg. «Ewold, wohin geht er?» – «Nach hinten. Geh du alleine. Wenn du es alleine schaffst, kannst du von aussen helfen. Das bringt mir mehr. Dann ist wenigstens einer raus.»

Die Flucht

Der Mond war klar. Ich hatte mich schwarz angezogen. Doch ich merkte: Schwarz ist in diesem Licht blöd. Da falle ich mehr auf. Ich nahm eine Decke mit Blumen drauf und schnallte das Buschmesser an den Gurt. Ich wusste nicht, wo der andere ist. Ich ging zur Küche rüber. Wenn er mich hier erwischt, kann ich sagen, ich hätte Hunger. Aber da war keiner. Ruhe. Im ganzen Camp. Der nächste Schritt: zum Klo. Dort hatte ich den halben Weg zum Wald hinter mir. Wenn sie mich jetzt sehen, kann ich sagen: Ich habe Durchfall. Tut mir leid. Ich gehe schon zurück.

Doch keiner kommt. Es ist ruhig. Jetzt kann ich nicht weitergehen, man hört jeden Schritt. Unten ist ja noch das Haus mit dem anderen und seiner Frau. Es kann ja sein, dass er noch wach ist. Da kommt eine Windböe, Taifun Ruby meldet sich langsam. Äste fallen runter, ziemlich laut. Das ist die Gelegenheit! Ich kann runter, ohne dass meine Schritte gehört werden. Der Wald verschluckt mich. Ich verschwinde hinter den Bäumen. So schnell wie möglich runter zum Bach. Das erste grosse Ziel. Eigentlich bin ich jetzt gerettet. Aber es gibt noch ein paar heikle Punkte.

Die Hügel

Der Wald ist meine Heimat. Ich weiss, wie ich mich darin unsichtbar machen kann. Ich kenne den philippinischen Urwald seit 1988. Wunderschöne Landschaft, herrliche Blumen, einheimische Tiere, die es sonst nirgends gibt. Ich schlüpfe durch den Wald, als wäre ich Teil davon, den zweiten Hügel hoch, ein wichtiger Orientierungspunkt für uns. Die Abu Sayyaf sind gerne in diesem Gebiet. Also kann überall jemand sein. Der Hügel ist ohne Vegetation. Ich bin gut sichtbar, als ich ihn überquere. Der Mond scheint wie eine Laterne. Ich sehe den Waldrand. Ich weiss: Wenn ich diesen Rand erreicht habe, bin ich raus.

Es fehlten noch 80 Meter, da steht er vor mir. Ein älterer Mann, vielleicht 60. Okay, ich bin auch schon 50. «Was machst du da? Geh zurück!» – «Bitte hilf mir! Ich will nach Hause.» – «Nein. Du musst zurück.»

Der Kampf

Er hat ein Riesensturmgewehr, er packt mich und sagt: «Zurück!» Gegenwehr hat keinen Zweck. Doch er ist allein und kleiner als ich und dünner. «Zurück!» Nein, ich will nicht zurück. Ich will nach Hause, nur nach Hause. Ich dreh mich um, Handkante in seine Gurgel, aber doch nicht so schnell, weil ich ihm ja nicht wehtun wollte. Ich will nur nach Hause.

Er ist überrascht und fängt an zu schiessen. Aber er hält das Gewehr in der Hand und es ist zu schwer und er schiesst in den Boden. Ich bekomme den Lauf zu fassen, aber ich verbrenne mir die Finger, weil er so schnell heiss wird. Ich trete ihm zwischen die Beine. Das wirkt immer Wunder. Ich beisse ihm in die Hand, er liegt auf dem Boden. Was ist, wenn ich jetzt weglaufe? Ich nehme mein Buschmesser. Ein bisschen so (V. macht eine Bewegung). Viel zu langsam. Ich hätte viel stärker müssen. Doch ich wollte ihm nicht weh tun. Aber ich bemerke Blut. Ich nehme sein Gewehr, er erwischt mein Buschmesser. Er ist nicht so zögerlich wie ich. Ich merke es gleich. Das waren Zähne. Ich spucke sie raus. Ich schmeisse das Sturmgewehr von ihm weg, renne in den Wald zurück. Er nimmt es, wechselt das Magazin, aber ich war schon im Wald verschwunden. Er schiesst wie blind auf den Weg.

Die Fahndung

Ich habe mich auf allen Vieren im Wald verkrochen. Ich habe meine Brille verloren, habe geblutet. Ich bin gerobbt durch die Vegetation. Irgendwo war ein Bach. Ich bin reingefallen. Mein Knie machte nicht mehr mit. Okay, mal liegen bleiben, im Bach drin. Ich habe Autos kommen hören, ein Motorrad. Verstärkung von Abu Sayyaf. Jetzt suchen mich alle. Ich habe geschlafen oder ich bin in Ohnmacht gefallen. Es war nass, der Regen setze ein, es war richtig dunkel. Keine Stimmen mehr.

Bleibe ich hier liegen mit dem ganzen Blut, das ich verloren habe, ist bald Game over. Hier findet mich keiner. Ich muss raus aus dem Wald. Egal wer mich findet, ich muss raus. Laufen geht nicht mehr. So bin ich gekrochen, gerobbt, dem Bach entlang runter. Runter ist einfacher als hoch. Ein Weg hat den Bach gekreuzt. Ich wusste, der Weg geht raus. Ich fand einen Stock, konnte mich daran ein bisschen hochziehen, kam ins offene Gelände. Da war eine Plantage. Das ist gut. Da arbeiten Leute.

Die Bomben

Dann war mein Akku leer. Ich habe mich hingelegt. Es kamen Bomben. Von rechts, von links schossen Kanonen ins Gebiet hinein. Granaten wurden abgefeuert. Sie schiessen blind dorthin, wo vorher die Schüsse fielen. Also vermuten sie, dass oben was läuft.

Ich blieb liegen. Einen Granatsplitter hatte ich schon einmal erwischt. Ich wollte keinen zweiten. Ich realisierte: Das Militär ist nur 100 Meter von mir oder 150. Doch ich brauchte drei Stunden für 50 Meter oder 100 Meter, ich weiss es nicht. Die Sonne stand schon hoch, es war warm. Ich hörte Stimme von Zivilisten, ich schrie. Sie haben mich nicht gehört. Ich musste noch näher hinrobben. Mein Knie wollte nicht.

Die Retter

Dann haben sie mich gefunden. Haben mich gefragt: «Hast du eine Waffe dabei?» Ich: «Nein.» Ich hatte die Sprache ein bisschen gelernt, um mich auf die Flucht vorzubereiten. Damit ich sagen kann, wer ich bin und wo das Problem liegt. Sie haben auch meine Wunden ­gesehen. Sie fragten, ob sie mich zu den Soldaten bringen sollen. Ich habe gesagt: «Bitte. Gehen kann ich nicht mehr.» – «Dann müssen wir dich tragen.» Sie haben mich rübergetragen. Es waren noch 50 Meter. Die Soldaten nahmen mich entgegen. Das Erste, was sie mich ­fragten: «Die Verletzung – war es eine Granate?» – «Nein. Buschmesser.»

Der Geheimdienst

Bald hörte ich Helikopter. Sie haben mich kurz bandagiert und verpflegt. Sie konnten keine Infusion stecken. Sie ­haben mich dann auf ein Tragtuch platziert. Ich habe einen Helikopter landen hören. Rein. Nach Jolo, Flughafen. Die Amerikaner waren schon da, amerika­nischer Geheimdienst, amerikanische Ärzte. Sie haben mich gleich übernommen. Erste Hilfe. Ein zweiter Helikopterflug, dann hat mich ein Militärarzt bearbeitet. Er hat das wunderbar gemacht.

Die Woche seit der Flucht

Jeder wollte alles wissen von mir. Wir haben stundenlang Landkarten angeschaut. Wo warst du? Warst du hier? Wir verglichen Satellitenaufnahmen. Es war sehr interessant. Da arbeiten sehr viele gute Leute. Nicht mit den gleichen Mitteln wie an anderen Orten. Aber sie wollen. Wir haben alles unternommen, damit Ewold auch bald nach Hause kann.

Die Zukunft

Und ja, jetzt bin ich hier. Es ist sagenhaft. Die Familie habe ich schon gesehen. Wir freuen uns, dass wir nach Hause können. Ich werde meinen Körper in Ordnung bringen. Ich habe schlagartig drei Zähne verloren. Es gibt noch ein paar andere Reparaturen, die gemacht werden müssten.

Ich werde zu Hause als Erstes das beste Bild von meinem Nashornvogel im Internet aufschalten. Ich werde darunter schreiben: «Geht nicht dahin! Meidet das Gebiet grossräumig! Es ist zu ge­fährlich.»

Es ist der längste Entführungsfall, den wir hatten. Doch jeder Fall ist anders. Es gibt keine durchschnittliche Entführung. Man kann nun rückblickend ­sagen: Gut Ding will Weile haben.

Erstellt: 12.12.2014, 22:15 Uhr

Geiselnahmen

«Die Schweiz bezahlt kein Lösegeld»

Laut Ralf Heckner, dem obersten Geiselbefreier des Bundes, zeigt die lange Entführung auf den Philippinen, dass die Schweiz nicht erpressbar ist.

Was können Sie aus Bern für die Geisel in Fernost unternehmen?
Die Verantwortung im Entführungsfall liegt in erster Linie beim Staat, in dem die Tat geschah. Deshalb hat sich Bundespräsident Didier Burkhalter am Wochenende beim philippinischen Präsidenten Benigno Aquino bedankt. Ich leitete eine Taskforce mit Vertretern aus drei Departementen. Wir leisten viel Arbeit, zu der ich mich nicht äussern kann.

Wie ist der oberste Verantwortliche für Geiselbefreiungen vom Schicksal der Opfer betroffen?
Enorm und direkt. Es herrscht eine grosse menschliche Belastung, die viele Leute mittragen.

US-Medien haben dokumentiert, dass bei Entführungen von Schweizern Lösegeld bezahlt wurde. Abu Sayyaf operiert mit solchen Forderungen. Wie war das konkret?
Die Schweiz bezahlt kein Lösegeld. Das ist eine Vorgabe für die Taskforce. Die lange Geiselhaft zeigt auch, dass diese Politik durchgesetzt wird. Es war eine authentische Flucht, von der das Opfer heute erzählt hat.

Können Sie beziffern, was der Aufwand bei Ihnen gekostet hat?
Zuerst möchte ich betonen, dass wir uns freuen, dass das Opfer am Leben und zurück ist. Das ist das Allerwichtigste. Wir machen nun – wie immer – eine Kostenzusammenstellung, die wir dem Bundesrat zu gegebener Zeit unterbreiten. Es gibt eine Gebührenverordnung, die wir anwenden. Wir schauen die gesetzlichen Vorgaben, frühere Fälle, aber auch jeden Fall einzeln an. Dann wird eine Rechnung gestellt – oder nicht.

Lorenzo V. sagt, er habe einen ­Bewacher verletzt. Medien vor Ort schreiben, der Mann sei umgekommen. Was stimmt?
Wichtig ist, dass wir die Aussage der ehemaligen Geisel anschauen. Das ist für mich die verlässliche Stellungnahme.

Wieso dauerte der Fall so lange?
Wie geht es weiter?
Der Kanton St. Gallen kümmert sich über die Opferhilfe um die Ex-Geisel und seine Angehörigen. Wir vom EDA werden 2015 ein Treffen mit der Familie haben, um die Sache abzuschliessen. Und dann werden alle froh sein, wenn sie uns nicht mehr sehen (schmunzelt).
Mit Ralf Heckner sprach Thomas Knellwolf

Botschafter Ralf Heckner ist Chef des Krisenmanagement-Zentrums des Bundes. Dort kümmert er sich um terroristische Entführungsfälle. Im Sommer wird er Botschafter in Kenia.

Nach fast drei Jahren in die Schweiz zurückgekehrt: Lorenzo V. am Freitagmorgen am Flughafen Zürich. Foto: Doris Fanconi

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