Die Forschernation Schweiz will mehr Nobelpreise

Mittels gezielter Massnahmen wollen die Rektoren der Schweizer Universitäten einheimische Forscher besser präsentieren. Nobelpreisträger Jacques Dubochet ist skeptisch.

Jacques Dubochet erhält im Dezember 2017 aus den Händen des schwedischen Königs Carl Gustav den Nobelpreis für Chemie. Foto: Jonas Ekstromer (Reuters)

Jacques Dubochet erhält im Dezember 2017 aus den Händen des schwedischen Königs Carl Gustav den Nobelpreis für Chemie. Foto: Jonas Ekstromer (Reuters)

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Kein Land dieser Welt erhielt gemessen an der Anzahl seiner Einwohner mehr Nobelpreise als die Schweiz. In den letzten Jahren bedachte das Nobelpreiskomitee in Stockholm Schweizer Wissenschaftler allerdings eher selten. Zwischen der Nobelpreisvergabe an Chemiker Kurt Wüthrich (2002) und der Auszeichnung an den Biophysiker Jacques Dubochet (2017) lagen 15 Jahre. Doch letzte Woche kamen gleich zwei Schweizer Forschende zum Zug. Die Genfer Astrophysiker Michel Mayor und Didier Quelot gewannen den Preis für ihre Entdeckung von Exoplaneten.

Solche Momente lösen in einer Forschernation wie der Schweiz höchste Glücksgefühle aus. Auch die Schweizer Uni-Rektoren hätten sie gerne häufiger. Kann die Schweiz häufiger Nobelpreise gewinnen? Falls ja, wie?

Mit den Fragen beschäftigten sich die Rektoren der zehn Schweizer Universitäten und der beiden Eidgenössischen Hochschulen ETH in Zürich und EPFL in Lausanne im Juli 2018 an einer Arbeitssitzung in Lugano. Diskutiert wurde im informellen Rahmen. Ein Wortprotokoll gibt es nicht.

Potenzielle Preisträger identifizieren

«Die Idee war, Schweizer Forscherinnen und Forscher zu identifizieren, die für den Gewinn eines Nobelpreises infrage kommen», erinnert sich Yves Flückiger, Rektor der Genfer Uni. «Wir wollten die Forscher und ihre Pionierarbeiten danach systematisch für renommierte internationale Wissenschaftspreise präsentieren, die als Eingangshalle zum Tempel der Nobelpreise gelten», so Flückiger. Universitäten, ETH und EPFL sollten für die Kandidaten Unterstützungsbriefe verschicken. Als Vorbild dient das Vorgehen amerikanischer Universitäten. Dass sich dortige Universitäten geballt und uneingeschränkt hinter Forschende stellen, ist gemäss Yves Flückiger mit ein Grund, dass amerikanische Wissenschaftler bei Preisvergaben so oft berücksichtigt würden.

«Wenn wir Gutes tun, müssen wir auch darüber reden.»Michael Hengartner, Rektor der Uni Zürich

Auch Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, sähe gerne, «dass Schweizer Unis ihre helvetische Zurückhaltung ein wenig ablegen». Hengartner betont: «Wenn wir Gutes tun, müssen wir auch darüber reden.» Wie man Schweizer Forschende nach bahnbrechenden Entdeckungen in höhere Sphären hebt, ist für die Rektoren klar. Der Weg führt über renommierte Preise, die als Vorstufe zum Nobelpreis gelten. Dazu gehören der Wolf-Preis oder der Lasker Award.

Schweizer Wissenschaftler sollen in Kommissionen und Expertengremien Einsitz nehmen und sich nicht scheuen, Landsleute für Preise vorzuschlagen. So will man sie in den Fokus des Nobelpreiskomitees rücken. Weiter sollen die Presseabteilungen der Hochschulen Forscher und deren Leistungen gezielt in Medien platzieren. Gemäss Michael Hengartner nützt auch, wenn Hochschulen Nobelpreisträger für Vorlesungen, Workshops und Seminare zu sich einladen und diesen Gästen bei Gelegenheit wichtige Forschungsarbeiten präsentieren, da Nobelpreisträger Empfehlungen abgeben können, wer den Preis in Zukunft verdient hat.

Empfehlung ehemaliger Preisträger

Was man für einen Nobelpreis tun muss oder kann, müsste Biophysiker Jacques Dubochet bekannt sein. Vor über 30 Jahren entwickelte er ein Verfahren der Kryo-Elektronenmikroskopie. Für diese Entdeckung wurde er 2017 mit dem Nobelpreis geehrt. Im letzten Jahr schickte ihm die Schwedische Akademie der Wissenschaften einen Brief und erkundigte sich, welche Forscher die Akademie zuhanden des Nobelpreiskomitees als künftige Preisträger vorschlagen solle. Er war völlig frei, die Namen von Physikern, Chemikern, Biologen und Medizinern zu nennen.

Wen Dubochet nach Stockholm empfahl, bleibt sein Geheimnis. Von den Diskussionen der Hochschulrektoren weiss er nichts, stellt aber sogleich klar, dass er keine Forscher unterstützen würde, nur weil sie Landsleute sind. Es heisse, Frankreich habe dies praktiziert, mit mittelmässigem Erfolg, so Dubochet. Werde zu viel Druck erzeugt, könne dies auch kontraproduktiv sein.

«Ich verdächtige gewisse Leute, mich empfohlen zu haben.»Jacques Dubochet, Nobelpreisträger

«Ich habe keine Sympathien für koordinierte Aktionen. Die Schweiz hat in den letzten zwei Jahren drei Nobelpreisträger hervorgebracht: Das ist eine ansehnliche Quote», findet der Waadtländer.

Wie er selbst den begehrten Preis gewonnen hat? «Ich verdächtige gewisse Leute, mich empfohlen zu haben», sagte Dubochet. Wer diese Leute waren, dürfte er nie erfahren. Die Nobelstiftung verlangt Diskretion, was die Wissenschaftler in der Regel respektieren. Für den 77-Jährigen war der Gewinn des Nobelpreises jedenfalls eine grosse Überraschung, wie er gesteht. Sein Palmarès an Preisen bezeichnet er als «ziemlich miserabel». Als Doktorand bekam er einen unbedeutenden Fotografiepreis der britischen Royal Photography Society. Kurz vor dem Nobelpreis wurde ihm jedoch die Philippson-Medaille verliehen.

Hat dieser Preis den Waadtländer in den Kreis potenzieller Nobelpreisträger befördert? «Da habe ich meine Zweifel», sagt Dubochet. «Glück und die Aussenwahrnehmung der wissenschaftlichen Arbeiten spielen bei der Preisvergabe eine zentrale Rolle», hält er fest. Der Prozess, wer einen Nobelpreis bekommt, ist für Michael Hengartner darum ein Stück weit «eine Lotterie». Doch er ist sich sicher: «Wenn man lange genug würfelt, kommt der Erfolg.»

Erstellt: 17.10.2019, 20:08 Uhr

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