Porträt

Die Frau, die Obdachlosen ein Asyl bot

Anni Lanz nahm diese Woche sechs Asylbewerber aus Eritrea in ihrer Basler Privatwohnung auf. Warum tut sie, was der Staat tun müsste? Und wer machte sie auf den Notstand aufmerksam?

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Als Almut Rembges am Sonntagnachmittag zufällig die Asylempfangsstelle des Bundes in Basel passierte, sah sie in 200 Meter Entfernung eine Familie am Boden sitzen. Erst gerade hatte der Winter in der Schweiz Einzug gehalten. Die Wetterverhältnisse luden bestimmt nicht zum Verweilen im Freien ein. «Andere Asylsuchende baten mich zu helfen», erzählt die Künstlerin und Aktivistin. Die Familie sei weggewiesen worden, weil es keinen Platz im Empfangszentrum mehr habe. Rembges diskutierte mit den Sicherheitsleuten beim Eingangstor, worauf der Familie Einlass gewährt wurde.

Für die Baslerin war aber sofort klar, dass ein Notstand drohte. Dass Menschen im Winter in der Schweiz im Freien übernachten müssen, geht nicht. Fortan wollte sie regelmässig in der Umgebung der Empfangsstelle patrouillieren, respektive mit Freunden und Bekannten einen entsprechenden Dienst organisieren. «Ich habe einen Doodle (Terminvereinbarungswebsite, Anm. der Redaktion) eingerichtet und es meldeten sich spontan 20 Leute.» Seither wechseln sie sich beim Gang zum Empfangszentrum ab.

Spontan 25 Schlafplatzangebote

Was aber, wenn sich einmal gar keine Plätze mehr finden? So geschehen am letzten Montag, als eine Gruppe aus Eritrea – drei Frauen, zwei Kinder und ein junger Mann – weggewiesen wurde. «Über E-Mail und Facebook habe ich einen Aufruf gemacht und spontan 25 Schlafplätze versprochen erhalten», erzählt Rembges. Ein Obdach wurde ihr von Anni Lanz angeboten, der schweizweit bekannten Kämpferin für die Rechte der Migranten.

Und sie und ihre Freundinnen waren es auch, welche die Eritreer in der Nacht von Montag auf Dienstag in ihre Wohnung aufnahmen. «Die Asylsuchenden haben bei uns geschlafen, wir haben ein grosszügiges Gästezimmer», sagt Lanz. Sie habe am Montag mit dem Chef der Empfangsstelle gesprochen und um Obdach für die Eritreer in der Asylanlage gebeten. Vergebens, «die hatten keine einzige Matratze mehr», erzählt Lanz. Die inzwischen Pensionierte bat um Transportdienst und bot kurzerhand ihr Zuhause als Notobdach an.

Kontrast zu den Protesten gegen Asylheime

Für Lanz ist das keine aussergewöhnliche Situation. Sie nimmt immer mal wieder Hilfsbedürftige bei sich auf und bietet diesen Menschen auch eine warme Mahlzeit an. «Mit den Eritreern haben wir Spaghetti Napoli gegessen.» Sie steht also dafür gerade, wofür eigentlich der Staat verpflichtet wäre. Ist sie deshalb wütend auf die Behörden oder enttäuscht? «Natürlich finde ich, der Staat sollte gastfreundlicher gegenüber Ausländern sein.» Aber Gastfreundschaft lasse sich nicht ausschliesslich an den Staat delegieren, «sie müsste auch zu unserer Kultur gehören». Auch die finanziellen Aufwendungen machen ihr kein Bauchweh: Sie habe ja eine AHV und das reiche gut, um auch anderen etwas zu geben.

Was für ein Kontrast zu den Stimmen, die sich jüngst gegen neue Asylbewerberheime wandten. Lanz selber sagt dazu: «Es sind nicht wenige Leute, die so wie ich handeln würden. In der Stadt sind die Leute vielleicht einfach etwas grosszügiger.» Probleme habe sie mit Menschen, denen sie Obdach bot, noch nie gehabt. «Die wenden sich doch nicht gegen diejenigen, die ihnen helfen.» Mit den Eritreern hat sie «ein wenig in Englisch» gesprochen.

«Heuchlerische» Rückschaffungen

Was Lanz aber nervt, ist, dass viele abgewiesene Asylbewerber wieder nach Italien zurückgeschafft werden. Dabei sei doch klar, dass die Verhältnisse dort meist noch schlimmer sind als in der Schweiz. «Dort haben sie gar nichts mehr, weder Obdach noch Essen.» Das sei doch «heuchlerisch», wenn man zwar aufschreie, weil Asylsuchende hier auf der Strasse landeten, gleichzeitig aber Leute nach Italien ausschaffe.

Vorerst hat sich die Lage in Basel entschärft. Seit die Zivilschutzanlage in Pratteln als Notobdach aufgemacht wurde, habe sie keine weggewiesenen Asylsuchenden mehr auf der Strasse gefunden, so Rembges. Patrouillieren wollen sie trotzdem weiterhin, man weiss ja nie. Im Falle der eingangs erwähnten Familie wurden nämlich die Männer wieder auf die Strasse gestellt.

Erstellt: 22.12.2011, 15:03 Uhr

«In der Stadt sind die Leute vielleicht einfach etwas grosszügiger»: Anni Lanz. (Bild: Claude Giger/2006)

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Angespannte Lage im Asylwesen

In Basel, im Tessin und in der Waadt sind in den vergangenen Wochen Asylbewerber von überfüllten Empfangszentren des Bundes weggeschickt worden, bevor sie einen Asylantrag stellen konnten. «Diese Leute sind noch nicht im Asylverfahren, deshalb wissen wir nicht, um wen es sich handelt», sagte Michael Glauser, Sprecher des Bundesamts für Migration (BFM), zur Nachrichtenagentur SDA. Nach Angaben des BFM waren in Basel nach jüngsten Angaben gegen 40 Personen betroffen, in Vallorbe VD soll es sich um Einzelfälle handeln, und im Tessin weise man seit Wochen Bewerber an andere Empfangszentren weiter. Frauen und Kinder seien jedoch immer aufgenommen worden - für sie gebe es Notfallplätze.

Die Flüchtlingsorganisation Solidarité sans frontières reagierte «schockiert» über die Zustände in Basel. Die Zustände seien unhaltbar, teilte sie mit. Ursache sei keine «Flutwelle von nordafrikanischen Asylgesuchen», sondern ein systematischer struktureller Abbau im Asylwesen. Auch die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) ist «zutiefst besorgt», wie sie am Mittwoch mitteilte. Aus ihrer Sicht verstossen die Behörden gegen das Asylgesetz.

In Basel ist inzwischen eine Lösung gefunden. Die Gemeinde Pratteln BL habe sich bereit erklärt, eine Zivilschutzanlage als Übergangslösung zur Verfügung zu stellen. (sda)

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