Die Frau für Osteuropa

Die Basler Diplomatin Heidi Tagliavini vermittelt in der Ukraine im Konflikt zwischen dem ehemaligen Sowjetstaat und Russland. Es ist nicht ihr erster Einsatz in einem Krisengebiet.

War Leiterin der UN-Mission in Georgien: Heidi Tagliavini im Jahr 2003.

War Leiterin der UN-Mission in Georgien: Heidi Tagliavini im Jahr 2003. Bild: Keystone

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Sie spricht inzwischen acht Sprachen und sucht auch in den Krisengebieten stets den Kontakt zur Bevölkerung. Jetzt wurde die frühere Schweizer Topdiplomatin Heidi Tagliavini (64) von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) nach Kiew geschickt, um Gespräche zwischen der Ukraine und Russland zu begleiten.

Botschafterin Heidi Tagliavini ist für den Job, der sowohl diplomatisches Feingefühl wie einiges Stehvermögen verlangt, bestens gerüstet. «Sie hat deutsche Disziplin, ein italienisches Herz und französischen Charme», sagt eine frühere Mitarbeiterin. Und sie ist erfahren im Umgang mit Politprominenz: Als es 1985 zum legendären Treffen zwischen US-Präsident Ronald Reagan und dem russischen Präsidenten Michail Gorbatschow in Genf kam, war Tagliavini als Übersetzerin für den damaligen Bundespräsidenten Kurt Furgler dabei – und trichterte ihm zur Begrüssung der Gäste aus Moskau drei Sätze Russisch ein.

«Zeichen der Zerstörung»

Zur Diplomatenkarriere musste Tagliavini zuerst überredet werden: von ihrem Cousin, dem späteren Staatssekretär Franz Blankart. 1995 wurde «die Frau für Russland» erstmals in den Kaukasus geschickt – mitten in den ersten Tschetschenienkrieg. Als einzige Frau einer Sechserdelegation sollte sie im zerschossenen Grosny für die OSZE vermitteln. Acht Wintermonate lang lebte sie in einer «Situation mit absolut unklarem Ausgang», sah Leichen, Gewalt, Zerstörung, Brutalität: Szenen, die sie fotografisch festhielt und im Bildband «Zeichen der Zerstörung» veröffentlichte. «Das hat schon nachhaltig gewirkt», sagt sie. Und es führte zum Wendepunkt in ihrer Arbeit: Anstatt in der klassischen Diplomatie wollte sie künftig nur noch in Krisengebieten arbeiten. Drei Jahre später reiste sie erstmals nach Georgien, als stellvertretende Leiterin der UNO-Mission (Unomig); 2001 ernannte sie der Bundesrat zur Botschafterin in Bosnien-Herzegowina, bevor sie wiederum nur ein Jahr später nach Georgien zurückkehrte, diesmal als Leiterin der UNO-Mission.

Vier Jahre arbeitete sie in Georgien, musste sich zuerst als Frau Respekt verschaffen, um dann als Krisendiplomatin anerkannt zu werden. Dies immer im Bewusstsein: «Ein Vermittler ist kein Zauberer. Er kann nur helfen, Ideen auszuformulieren oder tragfähige Handlungen zu ermöglichen.» Die Lage blieb angespannt, aber die Frau mit ihrem bunten Schal inmitten der grauen Diplomaten hielt sich an ihr Credo: «Ein schlechter Status quo ist immer noch besser als ein guter Krieg.» Angesprochen auf das mühsame Treten an Ort, gab sie jeweils zu Protokoll: «Es gibt keine Fortschritte, aber auch keine Alternativen. Also arbeite ich an den Fortschritten.» Und als im August 2008 tatsächlich für fünf Tage wieder ein Krieg ausbrach, hielt sich Heidi Tagliavini an die düstere Erkenntnis: «Mit Frustration kann man leben, mit Krieg kann man nicht leben. Das ist die Tragödie!»

Genaue Zuhörerin

Russisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Holländisch, Bosnisch, Deutsch: Wo immer Tagliavini auf Posten ist, will sie die Sprache können. Und selbst in den diffizilen Situationen einer diplomatischen Vermittlung zwischen den Konfliktparteien weiss sie: «Humor ist absolut zentral.» Dazu seien allerdings differenzierte Kenntnisse der jeweiligen Kulturen und Mentalitäten nötig.

Das hat Heidi Tagliavini früh gelernt. Aufgewachsen ist sie als zweites von vier Geschwistern in Basel. Ihr Vater, ein Architekt, ist italienscher Abstammung, ihre Mutter Lehrerin für Porzellanmalerei, begnadete Illustratorin und Karikaturistin. Im Kindergarten der «Missione catolica» hatte Heidi einst ein Erlebnis, das sie prägen sollte: Als sie an der Weihnachtsfeier auf der Bühne stand und ein italienisches Gedicht aufsagen sollte, war das Lampenfieber so gross, dass sie kein Wort hervorbrachte. Erst nachdem ihr eine Stimme von hinten soufflierte, konnte sie den Text aufsagen. Die Furcht, den Start zu verpassen, sollte ihr bis heute bleiben. Weshalb sich die Topdiplomatin vor wichtigen Auftritten wie etwa jenem vor dem UNO-Sicherheitsrat jeweils peinlichst genau vorbereitet und gar nie den Versuch einer spontan improvisierten Rhetorik wagt. Im vertrauten Kreis hingegen fühlte und fühlt sie sich stets wohl und machte sich sogar einen Spass daraus, alle ihre Lehrer nachzuahmen. Das bedingte die Fähigkeit des genauen Zuhörens. Und das wiederum kommt ihr auch heute zugute. Heidi Tagliavini weiss inzwischen, was in ihrem Job als Krisendiplomatin wirklich wichtig ist: «Zuhören, was die Konfliktparteien wirklich wollen, und erkennen, wo Konzessionen möglich sind.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.06.2014, 11:13 Uhr

Zur Person

Die 1950 in Basel geborene Heidi Tagliavini hat Romanistik und Russisch studiert. 1982 trat sie in den diplomatischen Dienst ein. 1995 gehörte sie der OSZE-Unterstützungsgruppe in Tschetschenien an, während sechs Jahren war sie Sonderbeauftragte der UN-Beobachtermission in Georgien. 2009 leitete sie die Untersuchungskommission zum Georgien-Konflikt. 2012 trat sie offiziell in den Ruhestand. Seit Anfang Juni ist sie OSZE-Sondergesandte für die Ukraine.(asr)

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