Hintergrund

Die Genfer lieben es extrem

Der streitlustige Kanton ergeht sich in der Rhetorik, misstraut der Politik und favorisiert radikale Bewegungen – mal rechts, mal links. Das war schon immer so.

Die Oppositionspartei MCG in Siegerlaune: Roger Golay, Eric Stauffer und Mauro Poggia (v. l.).

Die Oppositionspartei MCG in Siegerlaune: Roger Golay, Eric Stauffer und Mauro Poggia (v. l.). Bild: Salvatore di Nolfi/Keystone

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«Genève: état de crise», die Klage hört man oft in Genf. Zwar bleibt offen, ob die Krise den Genfer Staat ereilt oder die Krise ein Genfer Zustand ist. Tatsache bleibt, dass Genf permanent Krisen durchleidet: Regierungskrise, Immobilienkrise, Grenzgängerkrise, Verkehrskrise, Vertrauenskrise, Armutskrise. Man streitet hier lauter als andere, bleibt länger unzufrieden und hält die «grande gueule Genevoise», die grosse Genfer Klappe, für ein Kompliment. «Wir leben in einem politisch psychopathischen Kanton», sagt der Genfer SVP-Nationalrat Yves Nidegger, «denn wir sind unfähig, unsere Probleme vernünftig, also schweizerisch zu lösen.»

Seit Sonntag erlebt Genf – wieder einmal – eine politische Krise. Die Oppositionspartei Mouvement Citoyens Genevois (MCG) hat ihre zwei Staatsratskandidaten im ersten Wahlgang unter die ersten acht Kandidaten gebracht und droht im zweiten Wahlgang die Linke aus der Regierung zu werfen (TA vom Montag). Im Parlament erreichten die Unzufriedenen 20 Sitze (3 mehr). Ihr Missmut richtet sich gegen alle Machtträger, anders gesagt: Die Bewegung will sich weder links noch rechts einsortieren lassen. Sie stimmt gegen Ausländer und für die Beamten, für mehr Polizei und für mehr Sozialhilfe. Mitbegründet wurde sie vor acht Jahren und von Georges Letellier, einem damals 68-jährigen Fan von Christoph Blocher, der früher der französischen KP und dann dem Front National von Jean-Marie Le Pen angehörte. «Diese Bewegung», sagt Nidegger «ist kantonalsozialistisch.»

Von einem Extrem ins andere

Das Doppelprofil aus sehr linken und extrem rechten Ansichten bestimmt nicht nur den Mouvement, es passt auch zur lokalen Mentalität. Die Genfer lieben es extrem, weil sie dauernd streiten und selten einer Meinung sind. Die politische Mehrheit der Kantonsregierung wechselt immer wieder, gelegentlich auch die des Parlamentes. In den Neunziger Jahren bestellte das Wahlvolk eine gesamtbürgerliche Regierung – und korrigierte nach vier unerfreulichen Jahren nach.

In den Achtzigern erreichte die rechtsextreme Vigilance-Partei unter ähnlichen Umständen wie heute der Mouvement Genevois – Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit – 19 Sitze mit vielen linken Stimmen, acht Jahre später war die Bewegung weggewählt. Umgekehrt operieren links der SP und jenseits der Grünen mehrere Formationen, die es so im Rest des Landes nicht gibt.

Der Hang zum Extremen reicht weit zurück. Genf habe nicht nur eine radikal linke, sondern auch eine «knallharte rechtsextreme Tradition», sagt der Lausanner Historiker Hans-Ulrich Jost und erinnert an die Auftritte von Georges Oltramares und seiner faschistischen Bewegungen in der Zwischenkriegszeit. Dieses Wählerpotenzial lasse sich durch Schlangenfängerparteien immer wieder reaktivieren, wenn die Bevölkerung verunsichert oder frustriert sei.

Der Kampf zwischen den Machtfraktionen nahm schon in früheren Jahrhunderten radikale Formen an. Es habe «grosse Spannungen» zwischen der frankophilen, absolutistischen Garde und dem eidgenössischen Flügel gegeben, sagt Jost, als Genf noch kein Vollmitglied der Eidgenossenschaft war. Auch den berühmtesten Genfer der Welt hält der Historiker für einen Radikalen: Jean Calvin habe die extremste Form der Reformation gelehrt und eine «halb terroristische Theokratie» angestrebt.

Als calvinistische Gründerstadt, ergänzt der Soziologe Jean Ziegler, habe es Genf immer mit dem Geist, dem Geld und dem Wort gehalten. Dieses intellektuelle, rhetorische und politische Kämpfertum hat sich bis heute erhalten: in den Auftritten der Genfer Advokaten. 1700 Anwälte kämpfen in der internationalsten Stadt der Schweiz, einem Hauptsitz der Ölindustrie, im Auftrag ihrer Kunden gegeneinander. Dank der «unglaublichen Akkumulation von Wissen, Geld, Zynismus und protestantischer Verschwiegenheit», wie Jean Ziegler es in seinem leicht entflammbaren Vokabular formuliert, gibt es für Anwälte hier viel zu tun. Das rhetorische Niveau reicht weit höher als in der Deutschschweiz, und weil die meisten Parlamentarier Juristen sind, redet man im Genfer Kantonsrat schärfer, schlagfertiger und geistreicher aufeinander ein als anderswo im Land.

Die Sprache der Herablassung

Das hat viel mit der Herrschaft des Französischen zu tun, «der Sprache der Könige und der Herablassung», sagt Yves Nidegger, der SVP-Mann. Der Kanton Genf ist von Frankreich praktisch umschlossen, die Stadt kulturell auf Paris fixiert. Genf ist auch die einzige Schweizer Stadt, die von Frankreich wahrgenommen wird.

Nur garantieren Streitlust und rhetorische Brillanz noch keine nützliche Politik. Das ist selbst den Genferinnen und Genfern aufgefallen, die ihren Hang zu Aufregung, Skandal und Leerlauf mit dem Eigennamen «La Genferei» bedacht haben. Ändern tue sich nichts, sagt Historiker Jost. Die Genfer Rhetorik gebe sich radikal, doch die Politik bewirke wenig. Die Krise als Zustand hat auch ihre Vorteile.

Erstellt: 08.10.2013, 07:27 Uhr

Das Interview

Lesen Sie um 13 Uhr auf genf.tagesanzeiger.ch das Interview mit MCG-Chef Eric Stauffer.

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