«Die Gesellschaft ist nicht mehr bereit, Todesfälle in Kauf zu nehmen»

Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit sagt, wieso heute schneller und heftiger auf Seuchen reagiert wird – und wieso man deshalb manchmal falsch liegt.

Krankheiten werden heutzutage durch die Mobilität rascher verbreitet: Ehec-Erreger unter dem Elektronenmikroskop.

Krankheiten werden heutzutage durch die Mobilität rascher verbreitet: Ehec-Erreger unter dem Elektronenmikroskop. Bild: EPA

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BSE, Sars, Vogelgrippe, Schweinegrippe, Ehec – noch nie gab es so viele Seuchen wie im Moment. Oder täuscht dieser Eindruck?
Ja. Allerdings wird das Gefahrenpotenzial von Krankheiten anders beurteilt. Die Risikobereitschaft der Gesellschaft in puncto Gesundheit ist heute sehr tief. Wir sind uns nicht mehr gewöhnt, dass Menschen an übertragbaren Krankheiten sterben – und sind auch nicht mehr bereit, Todesfälle in Kauf zu nehmen.

Was sind die Folgen?
Wir reagieren viel schneller auf mögliche Bedrohungen und sind viel eher bereit, einschneidende Massnahmen zu akzeptieren, um einer möglichen Gefahr zu begegnen.

Welche Rolle spielt dabei die Globalisierung?
Die Mobilität sorgt dafür, dass sich Krankheiten rascher verbreiten. Gleichzeitig ist es viel schwieriger geworden, in der Krise zu kommunizieren. Durch die Vernetzung und das Internet zirkulieren Informationen schneller und verselbstständigen sich. Die Behörden sind nicht mehr die einzige Informationsquelle. Dadurch entgleitet ihnen die Informationshoheit, und die Entscheidungsträger geraten unter Zeitdruck.

Mit welchen Folgen?
Wir müssen möglichst früh auf eine potenzielle Bedrohung reagieren. Das erschwert die Beurteilung. Je früher wir entscheiden, desto grösser ist die Unsicherheit. Darum liegen wir manchmal falsch. Das liegt in der Natur der Sache.

Wie etwa bei der Schweinegrippe?
Rückblickend kann man sicher sagen, dass es sich bei der Schweinegrippe um einen Fehlalarm gehandelt hat. Zwar hat sich das Virus extrem schnell verbreitet und auch eine grosse Zahl von Menschen befallen – in der Schweiz gehen wir von bis zu 1,5 Millionen Erkrankungen aus –, aber der Krankheitsverlauf war milder als die normale Grippe. Das konnten wir aber nicht von Anfang an wissen. Es gibt aber auch das gegenteilige Beispiel, wo wir dank der frühen Reaktion wohl Schlimmeres verhindert haben.

Was denn?
Die Lungenseuche Sars wurde früh als sehr gefährlich eingestuft, und man hat entsprechend einschneidende Massnahmen verhängt. Dadurch ist es gelungen, die Verbreitung relativ rasch einzudämmen. Am Ende waren nur einzelne Städte von Sars betroffen – etwa Toronto und Singapur. Die Kollateralschäden in diesen beiden Städten waren riesig. Stellen Sie sich vor, die Seuche hätte sich in Zürich ausgebreitet.

Toronto und Singapur litten aber vor allem auch unter der Angst vor der Seuche. Und die wurde auch durch die frühen Massnahmen geschürt. War das im Nachhinein nicht einfach nur Panikmache?
Nein. Bei Sars handelte es sich sicher um keinen Fehlalarm. Das ist, als ob Sie sagten, das Tragen eines Sicherheitsgurts hätte sich nicht gelohnt, nur weil Sie noch nie einen Autounfall hatten. Präventionsbemühungen lassen sich nie aus einer Einzelfallbetrachtung heraus rechtfertigen. Es braucht den Blick von oben, um das Gesamtbild zu sehen.

Und Ehec? Alarm oder Fehlalarm?
Für einen Rückblick ist es sicher noch viel zu früh. Es liegt auch nicht in unserer Kompetenz, die Situation in Deutschland zu kommentieren. Wir wissen, dass die europäischen und die deutschen Behörden mit Hochdruck daran arbeiten, die Quellen ausfindig zu machen. Für die Schweiz ist der Fall derzeit klar: Hier besteht keine Gefahr. Das haben wir von Anfang an gesagt, und darum haben wir auch keine Massnahmen angeordnet. Wenn man sich hingegen die Situation in Deutschland anschaut – die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle –, dann sind dort sicher Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung angebracht.

Besteht die Gefahr, dass wir uns an den Alarmzustand gewöhnen?
Das ist schwer zu beurteilen. Grundsätzlich ist die Angst der Gesellschaft vor übertragbaren Krankheiten sehr gross. Das sieht man etwa an der Reaktion der Schweizer Konsumenten, die aufs Gemüseessen verzichten, obwohl wir von Anfang an Entwarnung gegeben haben.

Hat die Masse Angst vor dem Essen?
Das hoffe ich nicht. Dafür gibt es in der Schweiz keinen Grund.

Erstellt: 07.06.2011, 22:42 Uhr

Daniel Koch
Der Dr. med. MPL leitet die Abteilung
für übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit.

Seuchen-Alarm

Was die Risiko-Aversion kostet

Die geringere Risikotoleranz der Gesellschaft führt dazu, dass heute schneller und heftiger auf übertragbare Krankheiten reagiert wird als früher. Manchmal auch zu heftig – wie etwa im Fall der Schweinegrippe. Was das kostet, zeigen die letzten vier grossen Fälle:

1996: BSE/Creutzfeldt-Jakob
Erst waren es nur die Rinder, die wahnsinnig wurden. Erst ab 1996 ahnte man, dass der Mensch via infiziertes Fleisch an Creutzfeldt-Jakob erkranken kann. Die Folge: Der Kampf gegen den Rinderwahnsinn wurde verschärft. In der Schweiz sind bislang 464 Rinder an BSE erkrankt, ein Vielfaches davon wurde sicherheitshalber notgeschlachtet. Laut Bundesamt für Landwirtschaft kostete dies zwischen 1997 und 2001 rund 14 Millionen Franken. Seither belaufen sich die Kosten für Überwachung der Rinderbestände und BSE-Tests noch auf 2 Millionen pro Jahr. Weltweit erkrankten bislang etwa 200 Menschen an der speziellen Form von Creutzfeldt-Jakob, die meisten davon in England. In der Schweiz gab es keinen einzigen Fall. Der deutsche Ökonom Walter Krämer – bekannt für markige Sprüche – erklärte im «Handelsblatt»: «Die Hysterie um BSE hat inzwischen weit mehr Menschen umgebracht als der Erreger selbst.» Denn: Allein in England seien 150 Selbstmorde von Farmern registriert worden, deren Existenz durch die BSE-Panik vernichtet worden sei.

2003: Lungenseuche Sars
Die Lungenseuche trat 2002 erstmals in China auf und wurde ein Jahr später nach Hongkong und von dort vor allem nach Singapur und Kanada verschleppt. In Ostasien brach die Wirtschaftsleistung je nach Schätzung um 0,5 bis 2 Prozent ein, zahlreiche Firmen erlitten Umsatzeinbrüche. Der Weltluftfahrtverband Iata schätzte den Schaden für die Branche auf mindestens 10 Milliarden Dollar. In der Schweiz fiel der Seuche ein Teil der Baselworld zum Opfer. Aus Angst vor einer Epidemie hatte der Bund der Uhrenmesse verboten, Asiaten aus den betroffenen Gebieten zu beschäftigen. Weltweit erkrankten 8000 Menschen an Sars, knapp 800 starben. In der Schweiz gab es 30 Verdachtsfälle, keiner davon wurde bestätigt. Seit 2004 ist weltweit kein Fall mehr aufgetaucht.

2005: Vogelgrippe H5N1
2005 wurde bekannt, dass das Vogelgrippevirus H5N1 in Thailand erstmals auf den Menschen übertragen worden war. Die Panik war gross. Es regnete tote Zugvögel vom Himmel. Um eine Übertragung auf die Zuchtvögel zu verhindern, wurde die Stallpflicht eingeführt. Kein einziges Schweizer Huhn ist seither an der Seuche erkrankt. Weltweit wurden die Kosten für die Geflügelindustrie auf 15 Milliarden Dollar geschätzt. Insgesamt erkrankten gut 500 Menschen an H5N1, davon starben über die Hälfte. Weder in der Schweiz noch in Europa wurde ein Fall verzeichnet.

2009: Schweinegrippe H1N1
Bei der Vogelgrippe kam die Welt glimpflich davon. Der erste Schreck bei der Schweinegrippe war darum umso grösser. Das Virus H1N1 war hoch ansteckend und verbreitete sich im Frühling 2009 rasend schnell in Mexiko. Ökonomen rechneten bereits aus, dass die Schweizer Wirtschaft je nach Szenario zwischen 0,5 und 5 Prozent an Zugkraft verlieren würde – zusätzlich zur bereits angespannten Wirtschaftslage. Der Internationale Währungsfonds bezifferte die globalen Kosten auf bis zu 3000 Milliarden Dollar. Die Welt bereitete sich auf das Schlimmste vor – und deckte sich mit dem Grippemittel Tamiflu ein. Die Schweiz hatte Glück: Sie zwang Herstellerin Roche, Notvorräte für ein Viertel der Schweizer Bevölkerung anzulegen – kostenlos. Trotzdem kam die Schweinegrippe den Bund teuer zu stehen: Er kaufte 13 Millionen Dosen Impfstoff für 83 Millionen Franken. Die ganze Impfaktion kostete gar geschätzte 130 Millionen. Am Ende erkrankte zwar jeder fünfte Schweizer an H1N1, gestorben sind allerdings nur 20. Im Vergleich: An der saisonalen Grippe sterben jedes Jahr bis zu 1000 Leute. (aba)

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