Portrait

Die Getriebene

SVP-Nationalrätin Natalie Rickli erleidet während ihrer steilen politischen Karriere einen Rückschlag. Das Burn-out hat sich angekündigt.

Mit ihrem forschen Stil eckt sie an, auch in der SVP: SVP-Nationalrätin Natalie Rickli stellt im Nationalrat eine Frage. (5. März 2012)

Mit ihrem forschen Stil eckt sie an, auch in der SVP: SVP-Nationalrätin Natalie Rickli stellt im Nationalrat eine Frage. (5. März 2012)

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Natalie Rickli sagt es klar und deutlich: Bis zur nächsten Session will sie wieder fit sein, in zwei Monaten also. Deswegen nehme sie jetzt eine Auszeit, liess sie am Donnerstag auf Facebook verlauten. Als ob man einer Krankheit befehlen könnte, wie lange sie bleiben darf.

Der Befehlston gehört zu ihr. Selbstbewusst, forsch und mit geschliffenem Mundwerk hat Rickli in den letzten zehn Jahren eine steile politische Karriere absolviert: Mit 25 Jahren wurde sie in den Winterthurer Gemeinderat gewählt, fünf Jahre später sass sie im Nationalrat. Dort bestätigten die Wähler sie im Herbst 2011 mit dem schweizweit besten Ergebnis von knapp 146'000 Stimmen.

Parteiinterne Feindschaften

Das war Freude und Fluch zugleich. Letzteres, weil Rickli mit dem Wahlresultat Christoph Blocher überflügelt hatte, was ihr parteiintern zusätzliche Feindschaften eintrug. Wie früher im Gemeinderat, wo Rickli der behäbigen SVP-Fraktion mit ihrer vorlauten Art und dem Hang zum Rampenlicht auf den Wecker ging (Kollegen nannten sie «Vorstoss-Schleuder»), eckt sie auch heute in ihrer Fraktion an. Das zeigte sich letzten Herbst, als die SVP-Bundeshausfraktion ihre Spitze wählte und Rickli zunächst unterlag. Nach langem Ringen erhielt sie den Sitz im Fraktionsvizepräsidium dann doch noch.

Eine Freude war das Wahlergebnis, weil die Wähler sie damit bestätigten – eine Wohltat nach jahrelanger Prügelei durch Medien und politische Gegner. Und nicht zuletzt war es eine Genugtuung für Rickli, dass die junge Parteikollegin Anita Borer kläglich scheiterte, obwohl sie mit ähnlichen Voraussetzungen kandidiert hatte wie Rickli 2007. Das zeigte: Gutes Aussehen und ein Listenplatz gleich hinter dem Wahlkampf-Götti Blocher genügen nicht. Rickli hatte 2007 für ihren Wahlkampf viel Geld gesammelt und mit einer eigenen Werbekampagne auf die Neuen Medien gesetzt.

Keine Kompromisse

Was brauchte es sonst noch für den Erfolg? Ricklis politischer Leistungsausweis ist umstritten. Wer sie aus dem Fernsehen kennt, hält sie für telegen, aber nicht sonderlich dossierkompetent. Thematisch einseitig auf Medien, Ausländer und Law-and-Order-Politik fokussiert, wiederholt sie die immer gleichen Positionen und scheint gegen alle Einwände immun zu sein. Im Parlament arbeitet Rickli mit Maximalforderungen, bei den Radio- und TV-Gebühren («die Hälfte reicht») ebenso wie beim Opferschutz, wo sie ein rechtsstaatlich umstrittenes «Pädophilenregister» verlangt. Die Leser in Online-Foren sind zu 90 Prozent auf ihrer Seite, doch politisch sind beide Forderungen vom Tisch.

Rickli macht keine Kompromisse: kein Überdenken, kein Abwiegeln, keine Nuancen. Es gilt nur Schwarz oder Weiss. Lieber knallt sie den Parlamentskollegen einen radikalen Vorstoss vor die Nase, statt Verbündete und gangbare Wege zu suchen.

Aus Überzeugung handeln

Wer Natalie Rickli persönlich kennen lernt, mag sie. Sie ist freundlich, verbindlich, authentisch. Ob sie mit einem Kind spricht oder im Fernsehen referiert – es klingt sehr ähnlich. Redet sie über Politik, wird bald klar, dass sie nicht nur Vorgegebenes wiederkäut. Es sind ihre eigenen Ideen, die sich mit denen der Zürcher SVP zu 100 Prozent decken.

Dass sie aus starker Überzeugung handelt, zeigt ein Vorfall von Heiligabend 2010. Auf dem Nachhauseweg von der Familienfeier trifft Rickli in der Winterthurer Altstadt auf ein streitendes Paar. Der Mann schlägt die Frau, Rickli geht dazwischen und begleitet die Frau zur Polizei. Dort harrt sie stundenlang mit ihr aus und ärgert sich über die Polizistin, die das Opfer heimschicken will. Einen Facebook-Eintrag über die Episode löscht Rickli bald darauf wieder, um die Frau zu schützen. Noch Wochen später erkundigt sich die SVP-Nationalrätin, wie es der Frau geht.

Die Welt vereinfachen

Rickli weiss aus eigener Erfahrung, dass es nicht nur gerade Lebensläufe gibt, dass Leute unverschuldet in eine ausweglose Situation geraten können. Dass sie politisch trotzdem mit einem Schwarzweissraster hantiert, liegt vielleicht daran, dass sie die komplizierte Welt vereinfachen will. Die Geschichte vom «linken KV-Lehrer», der sie angeblich in die Politik getrieben habe mit seiner EWR-Beitritts-Propaganda, erzählt sie immer wieder. Am Anfang ihrer Politkarriere schien Natalie Rickli, Fussballfan und Anhängerin des AC Milan, die Kritik zu suchen wie eine sportliche Herausforderung. Mit ihrer Kolumne im damaligen linksliberalen «Stadtblatt» eckte sie an. Abwechselnd wetterte sie über Lärmemissionen des Islam-Zentrums, staatliche Bevormundung und die SRG – bis sich in der Leserschaft Widerstand formierte. An einer Diskussionsrunde mit Rickli und «Stadtblatt»-Lesern fragte Gesprächsleiter Karl Lüönd: «Warum regt man sich über so etwas überhaupt auf? Wenn die Kolumnen wenigstens intelligent geschrieben wären, könnte ich das noch verstehen.» Rickli nahm es hin, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch in letzter Zeit ertrug sie Kritik schlechter.

Zeichen der Übermüdung

Bei der SVP-Nationalrätin traten Zeichen der Übermüdung auf. «Ich habe schlecht geschlafen, habe ich Augenringe?», fragte sie kürzlich die Journalistin der «Schweizer Illustrierten». Medienschaffende erreichten Rickli kaum noch, im Fernsehen sah man sie nicht mehr. Die 70-Prozent-Kaderstelle bei einer Medien-Vermarktungsfirma und das Nationalratsmandat, etwa ein Halbzeitjob, wären wohl machbar. Hinzu kommen aber der Einsitz in zwei Kommissionen, das Fraktionsvizepräsidium, der Sitz im Vorstand der Kantonalzürcher SVP, das Engagement für die «Aktion Medienfreiheit» und die Dauerpräsenz auf allen Kanälen, inklusive Twitter und Facebook. Es falle ihr manchmal schwer, alles unter einen Hut zu bringen, sagte Rickli kürzlich. Hinzu komme, dass ihre Mutter mit 59 Jahren an Parkinson leide, was für sie, Natalie Rickli, und ihre beiden Schwestern sehr schwer sei. «Ich fühle mich extrem ausgeliefert», sagte sie.

Als sie diese Wochen über das Burn-out informierte, reagierten Politiker von links bis rechts verständnisvoll. Es gab aber auch hämische Kommentare, Hinweise auf den Umgang der SVP mit psychisch Kranken. Würde ein «Linker» in seinen Überzeugungen erschüttert, quittierte Natalie Rickli dies wohl auch mit einer spitzen Bemerkung – ergänzt mit einem kumpelhaften Smiley.

Hinweis der Redaktion: Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurde dieser Text nachträglich leicht abgeändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2012, 08:45 Uhr

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