«Die Gleichung ‹Je kränker, desto gefährlicher› gilt nicht»

Für Psychiater Thomas Knecht muss die Bluttat von Würenlingen nicht zwingend mit der psychischen Erkrankung des Täters zusammenhängen.

Thomas Knecht ist Leiter der Forensischen Psychiatrie des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden, Gefängnispsychiater und lehrt an Schweizer Hochschulen. Foto: PD

Thomas Knecht ist Leiter der Forensischen Psychiatrie des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden, Gefängnispsychiater und lehrt an Schweizer Hochschulen. Foto: PD

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Simon B. will aus der psychiatrischen Klinik entlassen werden. Er nimmt an Therapien teil, schluckt Medikamente, verhält sich unauffällig. Seine Ärzte heben seine fürsorgerische Unterbringung auf, er tötet vier Menschen. Hat er seine Therapeuten allesamt getäuscht?
Faktisch ja. Es muss aber gesagt werden, dass Tötungsdelikte nicht auf das Vorhandensein einer psychischen Störung angewiesen sind. Die Gleichung «Je kränker, desto gefährlicher» gilt nicht – auch nicht im umgekehrten Sinn: «Je gesünder, desto ungefährlicher».

Was wollen Sie damit sagen?
Die meisten Tötungsdelikte werden von Leuten begangen, die nicht psychisch krank sind. Sie haben ein Motiv und eine gewisse Skrupellosigkeit. Inwiefern das auch auf den Täter von Würenlingen ­zutrifft, kann ich aus der Distanz nicht ­beurteilen.

Es gibt nicht zwingend einen Zusammenhang zwischen seiner psychischen Krankheit und der Tat?
Nein, aber natürlich ist ein Zusammenhang nicht völlig ausgeschlossen. Denkbar wäre etwa eine verminderte Impulskontrolle aufgrund seiner psychischen Krankheit. Aber das Motiv für die Tötungen ist vermutlich nicht aus der Krankheit alleine zu erklären.

Was könnte dieses gewesen sein?
Zum Motiv und möglichen psychischen Erkrankungen äussere ich mich nicht, das wäre zu spekulativ. Sagen lässt sich einzig, dass der Mann wiederholt in psychiatrischer Behandlung war. Und dass gewisse Diagnosen die Wahrscheinlichkeit von Gewaltdelikten erhöhen. Das ist bewiesen.

Welche zum Beispiel?
Eigentlich fast alle: Persönlichkeitsstörungen, Psychosen, organische Hirnschäden, Suchterkrankungen zum Beispiel. Alles, was das Gehirn enthemmt, kann Gewalt ermöglichen.

Wie ist es mit Verfolgungswahn? An einem solchen soll der Mann laut Nachbarn gelitten haben. Er habe etwa eine Überwachungskamera bei seiner Haustür installiert.
Wahnhafte Störungen werden dann gefährlich, wenn jemand einen personenbezogenen Wahn hat und sich kaum mehr davon abbringen lässt. Eine Überwachungskamera ist ein Hinweis auf ein verstärktes Kontrollbedürfnis im Sinne eines Beeinträchtigungswahns – jedoch kein Beweis. Es haben auch schon Leute ohne psychopathologischen Hintergrund Überwachungskameras montiert.

Zwangseinweisungen in die Psychiatrie sind erlaubt, wenn es anders nicht geht. Was heisst das genau?
Die fürsorgerische Unterbringung, kurz FU, zielt in erster Linie auf die Selbstgefährdung ab. Wenn diese mit ambulanten Mitteln nicht mehr zu beherrschen ist, ist eine FU gerechtfertigt.

Was ist mit der Fremdgefährdung? Die Klinik sagt, der Mann sei auch deswegen eingewiesen worden.
Wenn vom aktuellen Geisteszustand eines Menschen eine unmittelbare Gefahr für das Leben und die Gesundheit Dritter besteht, spricht man von Fremdgefährdung. Als Begründung für eine Zwangseinweisung reicht das nicht aus. Die fürsorgerische Unterbringung ist nicht für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit gedacht.

Warum nicht?
Wer nur für Dritte gefährlich ist, sollte prinzipiell mit den Mitteln des Strafgesetzes unschädlich gemacht werden. Nun gibt es aber viele Fälle, die sowohl selbst- als auch fremdgefährlich sind.

Was macht man in diesen Fällen?
Die Zuständigkeit bleibt zunächst bei der Klinik, welche besondere Gefährdungsmomente und besonderen Betreuungsbedarf mit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) besprechen kann. Dabei kann sich auch die Frage der geeigneten Anstalt stellen. In seltenen Fällen kann dies auch einmal eine Hochsicherheitseinrichtung sein. Dafür müssten aber schon massive Gefährlichkeitsindikatoren vorliegen.

Was sind die Voraussetzungen für eine Entlassung aus einer fürsorgerischen Unterbringung?
Voraussetzung ist eine Besserung, sodass es möglich wird, einen Menschen ohne Freiheitsentzug psychiatrisch weiterzubehandeln. Dies immer in Bezug auf den Grund, weshalb er in die Klinik eingewiesen wurde.

Anders gefragt: Was hätte passieren müssen, dass der Mann nicht entlassen wird?
Eine FU ist immer auf eine Entlassung hin konzipiert. Sie ist keine Verwahrung. Wenn es aber untrügliche Zeichen dafür gibt, dass das Leben Dritter in Gefahr ist, kann der Arzt eine entsprechende Meldung an die Polizei machen, allenfalls an die Staatsanwaltschaft. Solche Zeichen waren aber offenbar nicht vorhanden.

Oder sie wurden nicht gesehen.
Bei fürsorgerisch untergebrachten Patienten wird gewöhnlich nicht das gesamte kriminalprognostische Instrumentarium mobilisiert. In einer Allgemeinpsychiatrie stehen die entsprechenden Experten und die speziellen Instrumente dafür normalerweise nicht zur Verfügung. Da die fürsorgerische Unterbringung in erster Linie für Selbstgefährdete bestimmt ist, erübrigt sich eine solche vertiefte Abklärung ja auch in den meisten Fällen.

Wie lange hätte die Klinik den Mann maximal in der Anstalt behalten können?
Eine FU auf ärztliche Anweisung ist vorerst auf sechs Wochen begrenzt und kann durch die Kesb verlängert werden. Nach sechs Monaten ist erneut eine solche Verlängerung nötig.

Während seiner Zeit in der Klinik durfte Simon B. zweimal tagsüber nach Hause. Ausserdem wurden zwei Belastungserprobungen zu Hause durchgeführt. Was muss man sich darunter vorstellen?
Das kann Verschiedenes bedeuten. Vielleicht hat man geschaut, wie er sich in Freiheit bewegt, ob sich sein psychischer Zustand verbessert. Allenfalls hat man ihn dabei begleitet. Um was es konkret ging, kann ich aus der Ferne nicht beurteilen.

Sind solche Belastungserprobungen zur Austrittsvorbereitung üblich?
Das kommt auf die Problemstellung an. Wenn jemand eine schwere Krankheit hinter sich hat, eine Depression oder einen psychotischen Schub, dann macht das durchaus Sinn. Diese Leute sind noch geschwächt und müssen schrittweise auf das Leben ausserhalb der Psychiatrischen Klinik vorbereitet werden. Man darf nicht davon ausgehen, dass sie sofort alles wieder können.

Vor seiner Entlassung hat der Mann ein Depotmedikament verabreicht bekommen, das zwei Wochen wirksam ist. Was bringt das?
Das sind Psychopharmaka, die beruhigende und sogar antipsychotische Wirkung haben. Man verabreicht sie per Spritze, und zwar vor allem an Patienten mit Schizophrenie und anderen Psychosen. Das Medikament hat den Vorteil, dass der Patient weniger häufiger an die Medikamente denken und sich behandeln lassen muss.

Für den Fall, dass er sie vergisst oder nicht nehmen will?
Genau. Die Behandlung ist zumindest bis zu einem gewissen Zeitraum gesichert.

Könnte das Depotmedikament ein Anzeichen dafür sein, dass sich die Ärzte nicht sicher waren, ob der Mann wirklich stabil ist?
Diese Frage musste ja kommen. (lacht) Aber es ist tatsächlich so: Immer dann, wenn es Zweifel an der Einnahmedisziplin eines Patienten gibt, drängt man auf diese Art von Behandlung. Das ist eine Sicherheitsmassnahme.

Das ist im Wissen um Simon B.s Tat eine recht brisante Aussage.
Sie ist ziemlich aufschlussreich, ja. Man wollte offenbar sichergehen, dass der Mann das Medikament bis zur nächsten Arztkontrolle intus hat.

Erstellt: 12.05.2015, 23:40 Uhr

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