«Die Gotthardsperrung wäre eine Katastrophe»

Ihr Kanton ist dagegen, Gabi Huber dafür: Eine zweite Strassenröhre am Gotthard. Warum? Und hat ihr Politrückzug etwas damit zu tun? Am Nachmittag entscheidet der Nationalrat – jetzt redet die FDP-Frau.

«Ich bin aber überzeugt, dass eine zweite Röhre für Uri und die ganze Schweiz die beste und nachhaltigste Lösung ist»: FDP-Nationalrätin Gabi Huber. (Archivbild)

«Ich bin aber überzeugt, dass eine zweite Röhre für Uri und die ganze Schweiz die beste und nachhaltigste Lösung ist»: FDP-Nationalrätin Gabi Huber. (Archivbild) Bild: Keystone

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Frau Huber, Sie treten 2015 nicht mehr zur Wiederwahl an. Haben Sie sich deshalb entschieden, an vorderster Front für eine zweite Gotthardröhre zu kämpfen?
Nein. Bereits als der Kanton Uri 2011 über eine Standesinitiative abstimmte, welche die Sanierung mit dem Bau einer zweiten Röhre forderte, habe ich mich dafür ausgesprochen. Meine persönliche Meinung ist also seit drei Jahren bekannt – lange bevor ich über einen Rücktritt nachgedacht habe.

Dennoch: Mit Ihrer Rücktrittsankündigung nehmen Sie Ihren Kritikern den Wind aus den Segeln. Als der Urner Ständerat Isidor Baumann im Frühling für die zweite Röhre votierte, forderten Umweltvertreter die Bevölkerung auf, ihn nächstes Jahr nicht mehr zu wählen.
Mit solchen Reaktionen muss man immer rechnen – unabhängig davon, wie lange man noch im Parlament bleiben will. Ich habe noch nie mit Blick auf mögliche Kritiker politisiert. Ausserdem kann von Uri nicht mehr Einigkeit verlangt werden als von anderen Kantonen. Verschiedene Meinungen müssen erlaubt sein. Nur weil es um die Sanierung des mit einem Mythos behafteten Gotthardtunnels geht, wird ein Glaubenskrieg emporstilisiert.

Die Urner sprachen sich aber fünfmal gegen eine zweite Röhre aus. Und der Regierungsrat weibelte in Bern offensiv für ein Nein. Nun machen Sie sich als einzige Vertreterin des Kantons im Nationalrat dafür stark. Gelten Sie in Uri als Verräterin?
Ich fühle mich in meinem Kanton nicht angefeindet oder ausgegrenzt – im Gegenteil. Ich erhalte auch positive Rückmeldungen auf meine Haltung. Es gibt zudem ein namhaftes Urner Pro-Komitee. Mir geht es keineswegs darum, den Alpenschutzartikel auszuhebeln – für diesen habe ich mich einst intensiv eingesetzt. Ich bin aber überzeugt, dass eine zweite Röhre für Uri und die ganze Schweiz die beste und nachhaltigste Lösung ist. Das sehen mittlerweile auch viele Urner so.

Wie kommen Sie zum Schluss, viele Urner hätten seit der letzten Abstimmung vor drei Jahren ihre Meinung geändert?
Letzten Herbst fand in Uri eine grosse Veranstaltung zum Thema statt, an der auch Bundesrätin Doris Leuthard teilnahm. Dort sagten mir viele Leute, sie seien zuerst gegen den Bau einer zweiten Röhre gewesen, sähen nun aber ein, dass dies unter den gegebenen Umständen die beste Lösung sei. Bei der Abstimmung 2011 lehnten zwar 57 Prozent eine zweite Röhre ab – aber immerhin 43 Prozent sprachen sich bereits damals dafür aus. Und zu jenem Zeitpunkt lagen noch nicht einmal alle Fakten auf dem Tisch. Der Bundesrat gab die Details seiner Sanierungsvariante erst danach bekannt. Mit der neuen Ausgangslage dürfte die Zustimmung der Urner höher ausfallen, denn gäbe es keine zweite Röhre, wäre zum Beispiel der Landbedarf für die Fahrzeugverladestationen gross.

Sie sprechen es an: Uri hadert nicht nur mit der zweiten Röhre, sondern auch mit der Alternative dazu – einer temporären Verladelösung. Dafür würde Land auf Urner Boden benötigt. Was würde diese Variante für Ihren Kanton bedeuten?
Der Flächenbedarf für die Verladestationen in unserem Kanton wären etwa acht Fussballfelder. Diese Lösung würde wohl kaum oppositionslos hingenommen. Kommt hinzu, dass eine Sanierung mit Sperrung des bestehenden Tunnels einen volkswirtschaftlichen Schaden auch für Uri zur Folge hätte: Viele Gewerbler haben mitunter im Tessin Aufträge. Für das Urner Oberland, insbesondere für das neue Resort in Andermatt, sowie für das Tessin wäre diese Situation touristisch eine Katastrophe. Abgesehen davon, wäre die Sperrung für den Südkanton auch eine staatspolitische Zumutung.

Werden Sie die Urner also mit der drohenden Verladelösung zu überzeugen versuchen?
Nein, für mich ist die Sicherheit das wichtigste Argument. Als 2001 beim verheerenden Unfall im Gotthardtunnel elf Menschen starben, war ich als damalige Regierungsrätin vor Ort. Das hat mich geprägt. Daher empfinde ich es fast als Beleidigung, wenn die Sicherheit als Scheinargument bezeichnet wird. Das Gefahrenpotenzial im Tunnel, der weder eine Mittelleitplanke noch einen Pannenstreifen hat, ist astronomisch – darum braucht es zwei Röhren, die je einspurig befahren werden.

Die Gegner befürchten aber, dass die beiden Röhren bald zweispurig befahren würden und es dadurch zu einer Kapazitätserweiterung käme. Sehen Sie diese Gefahr nicht?
Nein, es wird keinesfalls zu einer Kapazitätserweiterung kommen, denn in der Verfassung steht, dass dies verboten ist. Ins Gesetz wird das jetzt auch noch geschrieben. Besser kann ein Verbot nicht abgesichert werden.

Hielte das Verbot auch dem Druck aus der EU stand?
Im Fréjus-Tunnel wird aktuell das Gleiche gemacht, wie es die Vorlage des Bundesrates am Gotthard vorsieht – und zwar mit Zustimmung von Italien und Frankreich. Die EU kann wohl kaum bei uns kritisieren, was sie innerhalb ihrer eigenen Grenzen praktiziert. Zudem entscheiden wir heute und morgen eigenständig über unser Strassennetz und über seinen Unterhalt.

CVP-Ständerat Baumann und Sie sind beide für die zweite Röhre. Wird es auch im Urner Regierungsrat zu einem Meinungsumschwung kommen?
Die Regierung fühlt sich dem Volksentscheid von 2011 verpflichtet und versuchte, diesem mit einem Brief an alle eidgenössischen Parlamentarier gerecht zu werden. Darin unterstützt sie die Variante mit Sperrung und Verladekonzept mit einer Kurz- und Lang-Rola und bietet unter gewissen Bedingungen auch Hand für eine Verladestation in Erstfeld. Um welche Bedingungen es sich handelt und wer dafür Land hergeben soll, bleibt offen. Es läuft darauf hinaus, dass man weder einen zweiten Tunnel noch eine Verladestation haben will – das ist nicht gerade freundeidgenössisch.

Erstellt: 24.09.2014, 09:48 Uhr

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