Die Gratwanderung des Jungpolitikers

Anian Liebrand hat vor drei Monaten das Präsidium der Jungen SVP übernommen. Jetzt sieht er sich Kritik ausgesetzt – und verspricht, keine Veranstaltungen mit Verschwörungstheoretikern mehr zu organisieren.

«Ich werde in Zukunft genauer aufpassen»: Anian Liebrand will seine Person und sein Amt als Präsident der Jungen SVP künftig besser trennen.

«Ich werde in Zukunft genauer aufpassen»: Anian Liebrand will seine Person und sein Amt als Präsident der Jungen SVP künftig besser trennen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mindestens eines gelingt ihm mit Bravour: Aufmerksamkeit zu erzeugen. Der 24-jährige Anian Liebrand ist seit drei Monaten Präsident der Jungen SVP Schweiz und zieht seither misstrauische Blicke auf sich. Er positioniere sich am rechten Rand seiner Partei, zähle umstrittene Verschwörungstheoretiker zu seinem Freundeskreis und habe kürzlich einen Strafbefehl wegen übler Nachrede erhalten, argwöhnten Medienberichte.

Vergangene Woche gelangte der 24-Jährige in die Schlagzeilen, weil er einem Journalisten den Zutritt zu einer Veranstaltung verweigerte. Liebrand organisierte die Veranstaltung «Direkte Demokratie – ein Reizbegriff rüttelt Europa auf», die am 30. April in Emmenbrücke stattfand. Mit der Anwesenheit von Hans Stutz, einem Beobachter der Rechtsextremenszene, sei «eine angenehme Atmosphäre» nicht möglich, teilte Liebrand mit.

«Kriegstreiber Israel»

Die Veranstaltung ist Geschichte – doch Liebrand steht seither auch unter der Beobachtung der SVP. Wie mehrere Quellen bestätigen, kam es in der Partei nicht gut an, dass auf dem Podium in Emmenbrücke nebst dem Aargauer Nationalrat Luzi Stamm auch ein Buchautor mit zweifelhaftem Ruf sass. Der Deutsche Jürgen Elsässer steht im Ruf, ein Antisemit und Verschwörungstheoretiker zu sein. Der 57-Jährige war in jungen Jahren Mitglied des Kommunistischen Bundes, der 1991 aufgelöst wurde. Heute ist Elsässer Chefredaktor des «Compact-Magazins», das gerne auch stramm rechte Positionen vertritt.

In Emmenbrücke bezeichnete er Israel neben den USA als grössten Kriegstreiber der Welt, ortete die Wurzel allen Übels in transnationalen Gelddynastien wie Goldman Sachs – ausgerechnet jenem Finanzinstitut, das von einem deutsch-jüdischen Auswanderer gegründet wurde. Dafür glorifizierte Elsässer das Regime von Saddam Hussein und erklärte, den Libyern sei es unter Muammar al-Ghadhafi gut gegangen. Leila Feit, Geschäftsführerin der Stiftung gegen Rassismus, ist dem Referat Elsässers gefolgt und sagt, es habe wohl antisemitische Schlagseite gehabt, doch Elsässer habe es vermieden, gegen die Antirassismusstrafnorm zu verstossen. Am Tag nach dem Podium in Emmenbrücke trat Elsässer ein zweites Mal in Winterthur auf. Diesmal liess er sich von Alt-Nationalrat Hans Kaufmann begleiten.

«Ich werde in Zukunft genauer aufpassen»

Dem Anschein nach waren die parteiinternen Reaktionen heftig. «Ich habe nicht im Sinn, weiter solche Veranstaltungen zu organisieren», sagt Liebrand auf Anfrage. Eine offizielle Rüge der Parteileitung habe es zwar nicht gegeben. Trotzdem legt Liebrand Wert auf die Feststellung, nicht die Partei stehe hinter der Veranstaltung, sondern er persönlich. Er habe gedacht, es sei problemlos möglich, seine Person und die Funktion als JSVP-Präsident zu trennen. «Doch ich werde in Zukunft genauer aufpassen.» Trotzdem, den umstrittenen Redner Jürgen Elsässer nimmt Liebrand in Schutz. «Er ist mit Sicherheit kein Antisemit.» Elsässer selbst schreibt in seinem Blog: «Verschwörungstheoretiker ist als Schmähung gemeint, dann kommt wieder die Antisemitismuskeule. No, never, bin ich nicht.»

Interne Kritik erntete Liebrand auch wegen seines Zugangsregimes. Er verweigerte nicht nur Hans Stutz den Zutritt, sondern – wenigstens vorübergehend – auch Leila Feit. Obwohl die Veranstaltung öffentlich war, verlangten die Veranstalter eine Anmeldung, die erst durch eine Bestätigung gültig wurde. Feit erhielt zunächst eine Absage, weil die Veranstalter annahmen, sie habe einen kritischen Text verfasst, der im Vorfeld der Tagung erschienen ist. Erst als die Zürcher Alt-Kantonsrätin ihre Kontakte spielen liess, wendete sich das Blatt. Feit wandte sich an den SVP-Kantonsratskollegen Claudio Zanetti, dessen Intervention dazu führte, dass ihre Anmeldung bestätigt wurde. Inzwischen distanziert sich Liebrand auch davon, kritische Beobachter auszuschliessen: «Es ist dadurch ein falsches Bild der Veranstaltung entstanden. Ich zweifle daran, dass es das wert war.»

Erstellt: 06.05.2014, 19:44 Uhr

Artikel zum Thema

SVP-Politiker liebäugelt mit Verschwörungstheorien

Hintergrund Anian Liebrand, der neue Präsident der Jungen SVP Schweiz, will sich nicht von Freunden distanzieren, die antijüdische Propaganda betreiben. Mehr...

Der «al-Kreida»-Aktivist

Kopf des Tages Der 24-jährige Luzerner Anian Liebrand ist der neue Präsident der Jungen SVP Schweiz. National ist er noch unbekannt, doch im Internet hat er bereits deutliche Spuren hinterlassen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blogs

Geldblog Wie man auch mit wenig Geld weltweit investiert

Mamablog Langzeitverabredungen? Schrecklich!

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...