«Die Grünen dürfen nicht zu links sein»

Alle Zeichen scheinen für die Grünen zu sprechen. Politologe Claude Longchamp sagt, worauf es jetzt ankommt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Erdrutscherfolge in zwei deutschen Bundesländern, ein grüner Regierungsrat in Baselland, mehr Zustimmung bei den Wählerumfragen – die Grünen scheinen auf einer Erfolgswelle zu reiten. «Baselland hat mit Japan aber nur bedingt zu tun», sagt Grüne-Präsident Ueli Leuenberger. Ausschlaggebend seien die Kompetenz, Konsensfähigkeit und Beliebtheit des Kandidaten Isaac Reber gewesen. Zudem habe die Kantonalpartei «einen guten Job gemacht».

Genau darin sieht Leuenberger die Chance der Grünen: «Wir haben in allen Kantonen hervorragende Leute. Wer hat Isaac Reber ausserhalb von dessen Kanton bis gestern gekannt? So geht es in Zürich auch Martin Graf, der als langjähriger Parlamentarier und Stadtpräsident von Illnau-Effretikon gute Chancen hat. Ein weiteres Beispiel ist Guy Morin in Basel.» Die Grünen wollten jetzt so viele Mandate wie möglich in den Kantonen erreichen. Das Ziel für die eidgenössischen Wahlen will Leuenberger erst nach den Zürcher Wahlen am 3. April überdenken. Die jüngste, von der «Sonntagszeitung» in Auftrag gegebene Wählerumfrage ergibt für die Grünen gegenüber dem Ergebnis von 2007 einen Zuwachs um etwa 1 Prozent auf 10,5 Prozent.

«Man sollte sich nicht zu sicher fühlen»

Auch die Grünliberalen haben Anlass zur Hoffnung auf mehr Wähleranteil. Im Baselbieter Landrat hat die Partei auf Anhieb drei Sitze ergattert, und nach den nationalen Umfragen wäre sie in den letzten Tagen auf 6,1 Prozent Wähleranteil gekommen, gegenüber 1,4 Prozent bei den Wahlen 2007. Die Parteien wollen in Energiefragen zusammenarbeiten, wie Leuenberger und Grünliberale-Präsident Martin Bäumle sagen. Doch eine Wiedervereinigung wäre nicht sinnvoll, sagen beide. Zu verschieden seien die Positionen jenseits der Kernthemen.

Auch Bäumle will das Umfrageresultat nicht zu hoch bewerten. Positive Umfragewerte würden immer die Gefahr bergen, dass man sich fälschlicherweise auf den Lorbeeren ausruhe und sich zu sicher fühle. «Wir arbeiten weiter wie bisher, im nationalen Parlament streben wir sechs bis acht Sitze an.»

Grüne haben AKW-Debatte schon im Januar lanciert

Politologe Claude Longchamp hält die Grünen-Euphorie für unverhältnismässig. «Der Meinungsumschwung findet vor allem in den Medien statt. Die Identitätsfrage um Ausländer, Waffen und EU ist komplett der AKW-Frage gewichen. In der Politik selber hat sich aber noch nicht viel bewegt.» Man müsse die Relationen sehen: «Eigentliche Gewinner in Baselland sind SVP und BDP. Der Gewinn von drei Sitzen für die Grünliberalen ist bescheiden.» Die Wahl von Isaac Reber war für Longchamp wenig überraschend und habe höchstens am Rande mit Japan zu tun: «Reber ist vor vier Jahren schon an die sechste Stelle gewählt worden, er war auch für die Bürgerlichen wählbar und hat eine der exemplarischsten Plakatkampagnen geführt.»

Die Sitzgewinne der Grünen in Deutschland führt Longchamp auf die «wuchtige Mobilisierung» zurück. «Eine Viertelmillion Leute gingen in Berlin wegen Fukushima auf die Strasse – hier in Bern habe ich hingegen einen Flyer bekommen für ein Picknick bei der BKW». Auch wenn die Mobilisierung bisher in der Schweiz ausbleibt, rechnet Longchamp für die Grünen mit Zuwachschancen für den Wahlherbst: «Die Grünen haben ihre ganze Wahlkampagne auf die AKW-Debatte ausgerichtet, sie haben ihre Kampagne im Januar mit einem Appell gegen den Bau neuer AKW gestartet. Die Partei ist damit in einer komfortablen Situation.» Entscheidend sei jetzt für die Grünen, wie sie sich gegenüber der grünliberalen und sozialdemokratischen Konkurrenz platziere. «Sie darf nicht zu links politisieren, kann ihr soziales Engagement aber auch nicht verleugnen.»

Erstellt: 28.03.2011, 14:51 Uhr

Artikel zum Thema

Warum nun ein Grüner in der Baselbieter Regierung sitzt

SVP-Baudirektor Jörg Krähenbühl ist in Baselland vom Grünen Isaac Reber verdrängt worden. Dabei spielte Fukushima nur eine Nebenrolle. Mehr...

Ein Grüner siegt mit liberalen Positionen

Als studierter Raumplaner wäre der frisch gewählte Regierungsrat Isaac Reber (49) in der Baudirektion am richtigen Ort. Ein Porträt über den grünen Politiker, der gestern im Baselbiet für eine Überraschung sorgte. Mehr...

Grüner Kampfkandidat wirft SVP aus Baselbieter Regierung

Isaac Reber schafft den Coup: Er zieht als erster grüner Kandidat in die Regierung von Basel-Landschaft ein – auf Kosten der SVP. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...