Die HSG reiht Skandal an Skandal

Professoren, die First-Class fliegen, Spesen-Exzesse und ein verschuldeter Studiengang: Jetzt verspricht die renommierte Uni einen «Kulturwandel». Zu spät?

Die St. Galler Universität, oben auf dem Rosenberg: Durch Skandale hat sie sich von der Stadt entfremdet. Foto: Urs Jaudas

Die St. Galler Universität, oben auf dem Rosenberg: Durch Skandale hat sie sich von der Stadt entfremdet. Foto: Urs Jaudas

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Die Lust in St. Gallen hat sich in Orts­bezeichnungen geflüchtet. Lustmühle, Nest, Freudenberg. Das schrieb Niklaus Meienberg: «Der Freudenberg hat seinen Namen von der Freude, welche die spazierenden St. Galler empfinden, wenn sie auf den gegenüberliegenden Rosenberg blicken, der herrschaftlich überbaut ist durch die Residenzen der reichen Mitbürger, die es durch Tüchtigkeit zu einer Villa gebracht haben.»

«Aufenthalt in St. Gallen (670 m ü. M.)» heisst der Text des grossen Journalisten und zweifelnden Sohns der Stadt. Und wenn man heute, 35 Jahre später, in der Talsohle zwischen Rosenberg und Freudenberg auf der praktisch eingerichteten Geschäftsstelle der FDP St. Gallen den hiesigen Fraktionschef trifft, dann sagt der zwar etwas anderes. Doch er meint so ziemlich das Gleiche. «Uns fehlt in diesem Kanton die Streitkultur. Wir gehen wohlmeinend miteinander um, es fällt kein böses Wort. Wer auch mal zubeisst, den hat man nicht so gerne. Das alles führt dazu, dass man Fehlentwicklungen viel zu spät erkennt.»

Nichts hören. Nichts sagen. Nichts ­meinen. Den Rosenberg aus der Ferne bewundern.

Einmischung nicht erwünscht

Beat Tinner heisst dieser Fraktionschef der FDP im Kantonsrat. Ein Mann, der von sich selber sagt, er sei für seine deutlichen Worte bekannt. Tinners Lust, Tinners Ärger flüchtet nirgendwohin, das muss raus. So wie erst kürzlich wieder, als der neue Rektor der HSG St. Gallen, die hoch oben auf ebendiesem Rosenberg thront, im «Tagblatt» ein Interview gab und es Tinner den Hut lüpfte.

Bernhard Ehrenzeller heisst der designierte Rektor, der in genau einem Jahr sein Amt antritt. Im Interview redete der HSG-Professor über die Probleme seiner Uni und wie er diese zu lösen gedenke: allein. Ohne Einmischung durch den Kanton oder sonst irgendjemanden. «Die HSG ist keine Verwaltungsabteilung», die Autonomie sei zentral.

Die Reaktion war immer gleich: Das lösen wir selber. Unser Geld. Unser Problem.

In der Medienmitteilung, die Tinner im Anschluss an das Interview verbreiten liess, griff er die Hochschule frontal an. «Wäre die Universität, wie das Ehrenzeller behauptet, tatsächlich in der Lage, selbst Lösungen zu finden, hätten wir diese Debatte wohl nicht», schrieb der FDP-Politiker. Ohne Rahmenbedingungen der Politik – ausgenommen Lehre und Forschung – gehe es kaum.

160 Millionen Franken vom Steuerzahler

Tinners Reaktion war unüblich. Dass ein Freisinniger die eigene Wirtschaftsuniversität angreift – ein Freisinniger! –, das gibt es eigentlich nicht. Schon gar nicht in St. Gallen. O Rosenberg.

Dass er es trotzdem tut, zeigt, wie viel im Moment für alle auf dem Spiel steht. Für die Universität. Die Politik. Die Stadt. Im Juni stimmt der Kanton über den neuen Campus in der Stadt ab, 160 Millionen Franken vom Steuerzahler, die lange ersehnte Möglichkeit, die Universität von ihrem Berg in die Stadt zu holen. Ein Prestigeprojekt für die Prestigeinstitution, die sich den Ruf einer «Kaderschmiede» erarbeitet hat. National, international. Geachtet von den einen, verachtet von den anderen. Viele Linke sehen die HSG als Brutstätte neoliberalen Gedankenguts, mitverantwortlich für die Finanzkrise vor zehn Jahren. Dass die HSG darum jetzt näher an die Menschen, näher zur Stadt kommen soll, finden sogar die linken Parteien gut.

Doch just jetzt läuft es so gar nicht auf dem Berg. Es läuft sogar richtig schlecht. Seit einem Jahr reiht die HSG Skandal an Skandal.

Da ist ein emeritierter HSG-Professor und prominenter Kritiker des Rahmenabkommens, dessen Nachdiplom-Studiengang Ende 2017 eine Überschuldung von 1,1 Millionen Franken aufwies, wie die «Rundschau» berichtete.

Geriet wegen seines Nachdiplomstudiums in die Schlagzeilen: Carl Baudenbacher. (Bild: PD)

Da war ein HSG-Professor, der sich von der Finanzmarktaufsicht schwere Fehler bei den Aufsichts- und Kontrollpflichten eines seiner VR-Mandate vorwerfen lassen musste. Da war ein HSG-Professor, der wissenschaftliche Studien erstellte, die hauptsächlich jener Firma nützen, bei der er als Berater tätig ist. Da war ein HSG-Professor, der wegen eines möglichen Betrugs in der Abgasaffäre von Audi in Untersuchungshaft musste.

Da war ein HSG-Professor, der sich über 100'000 Franken unzulässige Spesen auszahlen liess. Da war der amtierende Rektor, der in seinem Nebenamt als Verwaltungsratspräsident der Jungfraubahn in einen Fall von frisierten Aktienkursen verwickelt war. Da waren all die ungerechtfertigt bezogenen Spesen in verschiedensten Instituten, die das «Tagblatt» feinsäuberlich auflistete.

Geringes Schuldbewusstsein

Die Konstante bei allen Skandalen: die gemütliche Reaktion der HSG. Gemach. Diese Probleme lösen wir selber. Selten fehlte der Hinweis, dass keine Universität der Schweiz so viele Fremdmittel erwirtschafte. Unser Geld, unser Problem. Der Selbstfinanzierungsgrad der HSG beträgt 50 Prozent, die Institute sind wie kleine Unternehmen organisiert. «Das hat eine Selbstbedienungsmentalität entstehen lassen. Am Schluss ist die HSG eine öffentliche Institution, die zu einem Grossteil von Steuergeldern finanziert wird.»

Das sagt Laura Bucher, sie arbeitet am Bundesverwaltungsgericht, ist Co-Fraktionspräsidentin der SP-Grünen-Fraktion im Kantonsrat und wusste schon im Gymnasium, dass sie lieber in Zürich als in ihrer Heimat studieren möchte. Die alten Vorurteile. Die reichen Studis aus dem Ausland mit ihren neoliberalen Glaubenssätzen und ihrer Wachstumsideologie. Maximieren, maximieren, maximieren.

«Aktuell besteht die Gefahr, dass die Skandale mit der Abstimmung vermischt würden.»Laura Bucher

Heute urteilt Bucher differenzierter. Sie anerkennt die Bemühungen der HSG, den Studenten auch etwas anderes mitzugeben als Betriebswirtschaft. Wer heute an der HSG studiert, muss im Grundstudium auch geisteswissenschaftliche Fächer belegen. Gleichzeitig gehört Laura Bucher zu den schärfsten Kritikerinnen der Skandale – weil sie ein System dahinter erkennt. Seit 2013 ist sie Präsidentin der Subkommission ­Bildungsdepartement im Kantonsrat, seither hat sie jedes Jahr auf Unregelmässigkeiten bei HSG-Spesenbezügen und Nebenbeschäftigungen hingewiesen. «Nie ist etwas passiert.»

Bis jetzt. Zu massiv die Verfehlungen. Zu gross die Öffentlichkeit. In der Ratsdebatte zum Spesenbericht äusserten sich auch Bürgerliche kritisch (darunter FDP-Fraktionschef Tinner). Die SP-Grünen-Fraktion stellte den Antrag, die Volksabstimmung vom Juni über den neuen Campus zu verschieben. «Das Misstrauen der Bevölkerung ist gross. Wir unterstützen es, wenn die Uni von ihrem Hügel runterkommt. Doch aktuell besteht die Gefahr, dass die Skandale mit der Abstimmung vermischt würden», sagt Laura Bucher.

Plötzlich wollen sie sich ändern

Die Bürgerlichen sehen das anders, die Uni sieht es anders. Und sie ist offenbar gewillt, jetzt doch etwas zu ändern. Nach der emotionalen Debatte im Kantonsrat verschickte die HSG einen Brief an die Kantonsräte. «Die Universität ist sich bewusst, dass es sich bei diesen Verfehlungen nicht um reine Einzelfälle handelt. Das Vertrauen der Öf­fent­lich­keit und der Politik in die Universität hat gelitten», heisst es darin, und: «Es ist der Leitung klar, dass ein grundsätzlicher Kulturwandel nötig ist.»

Müssen im Grundstudium auch geisteswissenschaftliche Fächer belegen: Studenten in einer Vorlesung an der Uni St. Gallen. (Bild: Gaetan Bally, Keystone)

«Wir meinen das sehr ernst», sagt Ulrich Schmid, Slawist und seit knapp zwei Wochen als Prorektor für die Aussenbeziehungen der Uni zuständig. «War ein etwas holpriger Start», sagt er lächelnd. Die zwei Wochen haben allerdings schon vieles verändert. Der Brief, ein neues Spesenreglement, ein zusätzliches Prorektorat in der Uni-Leitung mit einem Accounting-Spezialisten, Mitarbeitergespräche. Am Freitag vor einer Woche gab die Universität zudem ein ganzes Bündel weiterer Massnahmen bekannt. Zentral dabei ist eine Sonderprüfung der Institute durch ihre Geschäftsleitenden Ausschüsse, die bis im September abgeschlossen sein soll. «Uns ist klar, dass ein Kulturwandel Zeit braucht. Aber wir sind gewillt, diesen Wandel anzupacken», sagt Schmid.

Bewegt sich da etwas? «Wenn alle mit dem Rücken zur Wand stehen, dann geht es plötzlich vorwärts», sagt Beat Tinner in der Geschäftsstelle der FDP in der Talsohle zwischen Rosenberg und Freudenberg. «Wir werden sehen.»

Erstellt: 08.03.2019, 09:12 Uhr

In Zahlen

207 Millionen
Franken wird der neue HSG-Campus mitten in der Stadt kosten. Davon soll der Kanton 160 Millionen übernehmen, die Abstimmung findet im Juni statt.

8669
Studierende sind momentan an der HSG eingeschrieben, 3133 Angestellte arbeiten für die Uni. In den vergangenen 30 Jahren ist die HSG rasant gewachsen, Ende der 1980er-Jahre zählte die Uni knapp 3000 Studentinnen und Studenten.

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