Die Innerschweiz – wo «Linker» noch ein Schimpfwort ist

Die Innerschweizer Linke hat fast alle ihre Regierungssitze verloren. Warum eigentlich? Und warum glaubt Jörg Meyer, dass er den Trend drehen kann?

Jörg Meyer wagt es – und will in Luzern als Sozialdemokrat Regierungsrat werden. Foto: Herbert Zimmermann (13 Photo)

Jörg Meyer wagt es – und will in Luzern als Sozialdemokrat Regierungsrat werden. Foto: Herbert Zimmermann (13 Photo)

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Eine Klosterfrau habe sich auf der Innenseite des Oberschenkels eine Muschel tätowiert, sagt der Schnitzelbänkler im Mönchskostüm auf der Bühne. Halte man das Ohr dran, rieche man das Meer. 210 Menschen lachen, laut und schamlos.

Unter ihnen ist auch Jörg Meyer von der SP. Er macht Wahlkampf und muss unter die Leute. Fällt ihm leicht, sagt er. Es ist Sonntagmorgen 10 Uhr und Alte Fasnacht im Hotel Seeburg in Luzern, wunderbarer Seeblick, wunderbarer Saal, wunderbare Laune, Meyer schlendert zum Frühstücksbuffet. Die Fasnacht ist offiziell vorbei, hier wird sie aber noch einmal gefeiert – ohne Alkohol, dafür mit Orangensaft und Lachs.

Die Alte Fasnacht ist kein Ort, an dem man einen Sozialdemokraten vermuten würde. Meyer ist trotzdem da. Oder gerade deshalb. «Ich bin kein Samstagmorgen-Latte-macchiato-Typ», sagt der 50-Jährige. Er will sagen: nicht der Klischee-Linke. Und: wählbar auch für Konservative. Die Organisatoren des Anlasses haben ein Ziel: Stadt und Land zusammenbringen, miteinander sprechen und lachen. Optimal für Meyer. Er will am 31. März Regierungsrat werden. Als SPler. In Luzern. In der Innerschweiz.

Für einen Sozialdemokraten gibt es wohl kaum etwas Schwierigeres. Nur noch in Uri konnte die Linke einen Regierungssitz verteidigen. Überall sonst ist sie rausgeflogen: in Schwyz 2012. In Luzern 2015 (sie hatte seit 1959 einen Vertreter). Zuletzt in Zug vor fünf Monaten, wo erstmals seit 1923 kein Linker gewählt wurde. Die Innerschweiz, schon immer bürgerlich geprägt, hat die Linke ausgesperrt. Während die Städte immer linker und grüner werden, wird die Innerschweiz immer bürgerlicher.

Meyer weiss das. «Ein hartes Pflaster», nennt der Kantonsrat seine Region, «wir machen Opposition bei viel Gegenwind.» Auf die Ideen der SP wird in Luzern meist gar nicht erst eingegangen. Meyer will das ändern und hat alle SP-Regierungsräte der Schweiz angeschrieben und einen Einzahlungsschein beigelegt. «Es kam ein schöner Betrag zusammen.» Vierstellig. Meyer kann das Geld brauchen, sein Budget ist kleiner als das der bürgerlichen Kandidaten. Also lacht er weniger von Plakaten und mehr auf den Strassen in den Dörfern.

Am Vortag war er um 8 Uhr morgens ins Ruswil auf dem Pferdemarkt. Um 11 Uhr vor dem Einkaufscenter in Hitzkirch. Um 13 Uhr in Kriens, am Nachmittag in Luzern, dann hat er zwei Stunden mit Luzernern und Luzernerinnen telefoniert, zusammen mit 70 anderen Sozialdemokraten. Und am Abend: Besuch des Innerschweizerischen Filmpreises. Meyer schläft nach solchen Tagen gut ein.

Die Zürcherin in Uri

Rebekka Wyler sitzt im Zug. Von Erstfeld geht es via Luzern nach Bern. Vorbei an Vierwaldstättersee und Zugersee, durch Schwyzerbiet und Zugerland, 2 Stunden und 26 Minuten lang durch sozialdemokratische Einöde. Wyler ist Co-Generalsekretärin der SP Schweiz, Gemeinderätin in Erstfeld und liiert mit dem einzigen SP-Regierungsrat der Innerschweiz. Seinetwegen zog Wyler vor drei Jahren von Zürich nach Erstfeld ins Urnerland. Früher tiefschwarz, heute immer noch geprägt von konservativem Denken. Gewerkschaften gab es in der Innerschweiz kaum, die Interessen der Arbeiterschaft hat früher der christlichsoziale Flügel der CVP wahrgenommen. Einzige Ausnahme: Uri. Hier vertrat die SP Eisenbähnler und Zeughäusler.

«Der Sozialdemokrat hat es hier hinten schwieriger», sagt Wyler. Es gibt kaum professionelle Strukturen, vieles geschieht ehrenamtlich. Wenn alles kleiner ist, wird die Politik persönlicher. Auch Wyler ging an die Fasnacht – und versumpfte im Erstfelder Pfarreizentrum. Geselligkeit ist für Politiker auf dem Land fast ein Muss. Sind die Sozialdemokraten weniger gesellig? Wyler zögert. «Das wäre der einfache Schluss, doch ich glaube, dass das SP-Tief in der Innerschweiz andere Gründe hat», sagt sie. Eben: die fehlende Gewerkschaftstradition. Zudem habe die Tiefsteuerpolitik vor allem Gegner der Sozialdemokratie in die Innerschweiz gelockt.

«‹Linker› ist in der Innerschweiz oft auch ein Schimpfwort.»Andy Tschümperlin, ehemaliger SP-Nationalrat aus Schwyz

Und da ist die SVP. «Ihr Aufkommen hat das Klima verändert», sagt Wyler. Früher pflegten CVP und FDP die Konkordanz, sie folgten einem freiwilligen Proporz und versuchten, alle politischen Kräfte einzubinden. Hatte beispielsweise die FDP das Potenzial auf drei Sitze, verzichtete sie darauf und schickte nur zwei Kandidaten zur Wahl, damit etwa eine SP auch noch Platz findet in der Regierung. Mit dem Erstarken der SVP verflüchtigte sich diese Solidarität irgendwo zwischen Eitelkeit und Parteidenken. Nicht unbedingt wegen der SVP, vielmehr weil die übrigen Parteien CVP und FDP nicht noch mehr Sitze verlieren wollten. Die Folge: Die SP verlor ihren Platz in der Exekutive.

«Der Umgangston hat sich mit der SVP auch verändert, die Sprache wurde gröber», sagt Wyler. Sie selbst hört manchmal auf der Strasse einen Spruch, doch das sei nichts im Vergleich mit dem, was ihr Genossen aus dem Kanton Schwyz erzählen.

Morddrohungen in Schwyz

Zum Beispiel Andy Tschümperlin, elf Jahre im Kantonsrat, acht Jahre im Nationalrat, davon vier als Fraktionspräsident, 2015 abgewählt. Das hat ihn getroffen – so stark, dass er sich damals überlegte, aus dem Kanton wegzuziehen. Weg von allem. Zu präsent waren plötzlich wieder alle Beleidigungen der vergangenen Jahre.

Er bekam Morddrohungen. Die Kinder hörten in der Schule von Kollegen, was für ein Depp der Vater sei. Wanderungen in SVP-Gemeinden wie Unteriberg waren für Tschümperlin «nie locker», heisst übersetzt: sehr mühsam. Er hat Schimpf und Schande auf der Strasse aus erster Hand mitbekommen, der Kantonsrat bezeichnete ihn einst gar als Verräter. «‹Linker› ist hier oft auch ein Schimpfwort», sagt Tschümperlin. «In manchen Orten gibt es einen unglaublichen Hass auf sozialdemokratische Ideen.»

Diese Verhärtungstendenzen kennt der Luzerner Jörg Meyer weniger. Doch auch er leidet am Ruf seiner Partei. In der Stadt hat er ein Publikum – auf dem Land kaum. Meyer lebt in Adligenswil, einer Agglo-Gemeinde. Er arbeitet in Luzern, der Stadt. Im Gespräch webt Meyer immer wieder seine ländlichen Wurzeln ein und sein bürgerliches Elternhaus. Die Beiläufigkeit hat ein Muster. Meyer weiss, dass er viele Stimmen in der Stadt holen wird, die Wahl aber auf dem Land gewinnen muss. Dort muss er wählbar sein. Meyer steht hinter der Konkordanz und will darum den Sitz des Parteilosen Marcel Schwerzmann. Er braucht dafür die Gunst der Bürgerlichen.

Die SP legt in Luzern zu

Meyer hat einen Vorteil: Das Momentum ist auf seiner Seite. Luzern versuchte sich in den vergangenen Jahren als Tiefsteuerkanton – und scheiterte. Statt dass mehr Geld in die Kantonskasse floss, war es weniger.

Die Bürgerlichen wollten korrigieren und den Schaden beheben. Fast schon verzweifelt verhängten sie Zwangsferien in den Schulen, schlossen an Samstagen die Polizeiposten und kürzten Prämienverbilligungen. «Alles unschöne Geschichten», sagt Meyer, mit einer SP als Korrektiv in der Regierung wäre das kaum passiert, sagt er. Seine Partei profitierte gar. In den letzten vier Jahren hatte die SP laut Meyer einen Mitgliederzuwachs von 40 Prozent – keine andere SP-Kantonalpartei wächst stärker. «Luzern braucht mehr Mittel», sagt er. Heisst: rauf mit den Steuern. Wirtschaftspolitik sei aber mehr als nur Steuerpolitik. Meyer spricht in kurzen, klaren Statements. Seine Linie könnte funktionieren in einem Kanton, der nicht von der Hochfinanz und von Grosskonzernen lebt, sondern von KMU, dem Gewerbe und innovativen Jungunternehmen.

Meyer wird an der Alten Fasnacht im Hotel Seeburg immer wieder gegrüsst. Tschau, machs guet, bis spöter, gäu. Ein Luzerner Vater erzählt ihm, wie schlimm er es finde, dass der Eigenbetreuungsbeitrag für Eltern halbiert wurde. Das Thema spielt in Meyers politische Karte. Er hört zu, nickt und verabschiedet sich wenig später, um Schnitzelbänke zu hören. Es werden gerade die Regierungsräte persifliert – ei, was gibt es Lustvolleres als den Spott an der Obrigkeit. Die Regierungsräte geben sich den Lachern gerne hin, das gilt hier als Ehrbekundung. So lesen sich die Regierungsräte einander in der ersten Sitzung nach der Fasnacht die Schnitzelbänke vor, in denen sie selbst vorkommen.

Jörg Meyer will Teil davon sein. Auch weil er weiss, dass die Luzerner besonders gern über die SP lachen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2019, 10:33 Uhr

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