Die Karrierejuristin mit der illegalen Haushälterin

Die Tessiner Staatsanwältin Valentina Item tritt ab, noch bevor sie ihr Amt antritt.

Valentina Item: Die 40-jährige Juristin wurde erst Mitte April zur neuen Staatsanwältin des Kantons Tessin gewählt.

Valentina Item: Die 40-jährige Juristin wurde erst Mitte April zur neuen Staatsanwältin des Kantons Tessin gewählt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Praktisch niemand im Kanton Tessin – geschweige denn darüber hinaus – kannte Valentina Item, als sie Mitte April vom Grossen Rat zur neuen Staatsanwältin des Kantons gewählt wurde. Zuvor hatte die 40-jährige Juristin aus Lugano, Mutter zweier Kinder, als Vizekanzlerin in der Rekurskammer des Strafgerichts abseits des öffentlichen Rampenlichts gewirkt. Für das neue Amt schlug sie ihre Partei vor, die SVP.

Inzwischen ist der Name Item in aller Munde. Ein Shitstorm brach über sie herein. Er dauerte zwei Wochen an. Denn nur zwei Tage nach der Wahl wurde bekannt, dass im Hause Item eine philippinische Hausangestellte gearbeitet hatte, die als Grenzgängerin aus Italien kam und über keine Arbeitserlaubnis in der Schweiz verfügte. Die Frau war in eine Kontrolle geraten. Und die Polizei hatte in ihrer Hand­tasche 1100 Euro in bar gefunden. War es schwarz bezahlter Lohn? Die Sache war jedenfalls peinlich für das Ehepaar Item, das im Vorstand der Sektion Lugano für die SVP politisiert.

Avvocato Ettore Item, Inhaber einer Kanzlei, erklärte in einer Medienmitteilung, er habe einen grossen Fehler begangen. Für die illegale Anstellung trage er alleine die Schuld. Denn einzig er habe sich um die Personalangelegenheiten der Familie gekümmert. Das heisst auch um Haus­angestellte beziehungsweise Kindermädchen. Seine Frau habe von nichts gewusst. Die Staatsanwaltschaft verurteilte den Anwalt zu einer bedingten Geldstrafe.

Valentina Item wurde von den Ermittlern weissgewaschen, und sie bekräftigte ihre Ahnungs­losigkeit. Forderungen, auf das Amt zu verzichten, weil ihre Glaubwürdigkeit kompromittiert sei, wies sie zurück: «Es ist nicht richtig, wenn eine Ehefrau für die Fehler des Ehemanns bezahlen muss.»

Item schien nicht ganz ahnungslos

Hat Valentina Item wirklich nichts gewusst? Das glaubte niemand so recht, es interessierte aber auch niemand so richtig. Es war die Lega dei Ticinesi – wieder einmal –, die Öl ins Feuer goss, indem sie Auszüge aus dem Einvernahmeprotokoll der Philippinin in der Zeitung «Il Mattino» veröffentlichte. Anwältin Item schien nicht ganz so ahnungslos.

Zumindest war dies Grund genug für die Staatsanwaltschaft, Item ein weiteres Mal zu verhören und weitere Zeugen zu befragen. Die Philippinin war nicht das erste Hausmädchen in der Familie – nun wurde offiziell eine Untersuchung gegen Valentina Item eröffnet wegen Verdachts auf Verstoss gegen das Ausländergesetz. Die Staatsanwältin zog daraufhin die Notbremse. Angesichts der «medialen Lynchjustiz» werde sie ihr Amt nicht antreten, liess sie diese Woche wissen. Sie müsse sich und ihre Familie schützen. Von Selbstkritik keine Spur. Trotz dieses Schritts ist die Affäre nicht ausgestanden. Sollte die Strafuntersuchung in ein Strafdekret und somit in einen Schuldspruch münden, könnte Item wohl nicht einmal ihren Job im Appellationsgericht behalten.

Schon jetzt stellt die Affäre aber für die Tessiner SVP einen gewaltigen Imageschaden dar. Keine andere Partei – abgesehen von der Lega – hat gegen Grenzgänger aus Italien mobilgemacht wie die SVP. Grenzgänger wurden in Plakatkampagnen sogar als Ratten dargestellt. Dass nun ausgerechnet im Haushalt zweier illustrer Partei­vertreter eine Grenzgängerin illegal beschäftigt wurde, ist wenig erbaulich. Wie heisst es so schön: Wasser predigen und Wein trinken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2014, 07:40 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Hammerschlag für die Kunst: 15 Asylsuchende aus Afghanistan, Eritrea und Sri Lanka arbeiten im Kunstsilo in Emmen für die Ausstellung «Ich bin hier». (21. September 2017)
(Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey) Mehr...