Die Klimalast von Collombey

Die Erdölraffinerie Collombey im Wallis steht vor dem Aus. Stellt sie ihren Betrieb ein, sinkt der CO2-Ausstoss in der Schweiz. Gleichwohl drohe ein Rückschlag im Klimaschutz, warnt der WWF. Der Bund widerspricht.

Weil die Raffinerie in Collombey nicht mehr in Betrieb ist, drohen im Emissionshandel zu tiefe Preise. Foto: Keystone

Weil die Raffinerie in Collombey nicht mehr in Betrieb ist, drohen im Emissionshandel zu tiefe Preise. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Erdölraffinerie Collombey im Wallis steht seit einigen Wochen still. Ihren Betrieb wird sie wohl nicht mehr aufnehmen. Die Besitzerin, das libysche Unternehmen Tamoil, gibt als Grund an, die Raffinerie habe in den letzten Jahren erhebliche Verluste verzeichnet. Bis zu 220 Mitarbeitern droht die Kündigung.Die Walliser Regierung ist beunruhigt und hält Ausschau nach einem Käufer, der bereit wäre, den Betrieb fortzuführen. Fraglich ist, ob sie damit Erfolg hat. Denn der Trend verläuft gemäss Experten in Richtung Raffinerien, die näher bei den Erdölfördergebieten liegen und grösser sind als Collombey.

Eine Betriebsschliessung zöge auch klimapolitisch Folgen nach sich. Tamoil gehört wie etwa die Flughafen Zürich AG oder der Zementriese Holcim zu den 55 grossen treibhausgasintensiven Unternehmen, die am Schweizer Emissionshandelssystem (EHS) teilnehmen. Im Gegenzug müssen sie die CO2-Abgabe nicht schultern – eine Lenkungsabgabe, die 60 Franken pro Tonne CO2 beträgt.

Der Emissionshandel funktioniert wie folgt: Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) ermittelt für jedes Unternehmen, wie viele Tonnen CO2 es jährlich für den «treibhausgaseffizienten», also möglichst klimaschonenden Betrieb seiner Anlagen ausstossen darf. Im Falle von Tamoil sind dies 396 620 Tonnen CO2 oder 7 Prozent der Zuweisungen, die das Bafu an die 55 Unternehmen macht. Im entsprechenden Umfang erhält Tamoil sogenannte Emissionsrechte kostenlos zugeteilt. Das Unternehmen hat nun die Wahl: Entweder senkt es seinen Ausstoss durch Investitionen in klimaschonende Technik und verkauft die dadurch eingesparten Zertifikate. Oder aber es stösst mehr als die zugewiesenen 396'620 Tonnen CO2 aus und muss Zertifikate zukaufen. Mit diesem Mechanismus will die Politik das Klimaziel mit einem marktwirtschaftlichen Verfahren verbinden.

Preiszerfall auf dem Markt

Schliesst nun Tamoil den Betrieb, sinkt dessen CO2-Ausstoss auf null. Dies entlastet zwar geringfügig die Treibhausgasbilanz der Schweiz, die 2013 52,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente betrug. Die Tamoil zugeteilten Emissionsrechte bleiben jedoch im Emissionshandel und werden versteigert; dies geht aus einer Antwort des Bundesrats auf eine Interpellation des Walliser Ständerats René Imoberdorf (CSP) hervor.

Der WWF Schweiz kritisiert diese Praxis, weil es so künftig deutlich mehr Emissionsrechte gebe, als in der Schweiz gebraucht würden. «Die Verschmutzungsrechte für die grössten CO2-Emittenten in unserem Land werden praktisch zum Nulltarif zu haben sein», sagt WWF-Klimaexperte Patrick Hofstetter. Derzeit liegt der Preis bei 12 Franken pro Tonne CO2. In der EU, die ein eigenes Emissionshandelssystem betreibt, sind es rund 7 Euro, also fast die Hälfte davon. Hofstetter befürchtet, dass die Preise auf EU-Niveau oder gar darunter absinken werden. Dies wäre jedoch klimapolitisch fatal, weil sich bei faktisch wertlosen Emissionsrechten Investitionen in den Klimaschutz nicht mehr lohnen würden.

Das Bafu verwahrt sich gegen die Kritik. Dass die Nachfrage den Preis bestimme, sei ein zentrales Element des EHS und politisch so gewollt, sagt Andrea Burkhardt, Chefin der Abteilung Klima. «Aus Klimasicht entscheidend ist, dass die Menge der verfügbaren Emissionsrechte beschränkt ist.» Im Jahr 2013 waren es Zertifikate im Umfang von 5,63 Millionen Tonnen CO2. Diese Menge wird jedes Jahr um 1,74 Prozent gegenüber 2010 reduziert. Auf diese Weise werde das Angebot zunehmend knapper, so Burkhardt. Wie die Unternehmen darauf reagieren, ist laut Burkhardt schwer abschätzbar. Dies unter anderem deshalb, weil der Markt erst seit 2013 existiere und sich dieser in der kurzen Zeit auch noch nicht habe konsolidieren können.

Tamoils Emissionsrechte löschen

Ein Trend ist gleichwohl erkennbar: Vor einem Jahr lag der Preis für eine Tonne CO2 bei 40 Franken, in den nachfolgenden Versteigerungsauktionen sank er dann auf 20 ab und liegt mittlerweile bei nur noch 12 Franken. «Diese Entwicklung ist aber nicht das Resultat eines Überangebots», sagt Andrea Burkhardt. Einen möglichen Grund sieht sie vielmehr im frühen Zeitpunkt, zu dem die Versteigerungstermine und -mengen bekannt wurden; die EHS-Unternehmen hätten so möglicherweise vorsichtiger geboten.

Die Umweltverbände überzeugt die Argumentation des Bafu nicht. Der WWF hält es für zwingend, dass die Emissionsrechte von Tamoil nicht in den Verkauf gelangen und 2020 möglichst gelöscht werden. So verfahre auch die EU in Fällen wie bei Tamoil. An­sonsten, so Hofstetter, verkomme der Schweizer Emissionshandel zu einem «untauglichen Bürokratiemonster».

Erstellt: 04.05.2015, 10:17 Uhr

CO2-Markt mit EU

Verhandlungen vor Abschluss

Die Schweiz und die EU betreiben getrennte Emissionshandelssysteme. Das EU-System beinhaltet circa 12'000 Unternehmen mit rund 2 Milliarden Tonnen CO2. Der Schweizer Markt ist mit rund 50 Firmen und knapp 6 Millionen Tonnen CO2 weit kleiner. Die Schweiz und die EU streben einen gemeinsamen CO2-Markt an. Der Bundesrat verspricht sich davon Vorteile. So etwa bestünde in einem grösseren Markt mehr kostengünstiges Potenzial für CO2-Reduktionen, Schweizer Unternehmen hätten dank Zugang zum EU-Markt mehr Spielraum, um ihre CO2-Ziele erfüllen zu können.

Mit den Verhandlungen vertraut ist das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Wie es auf Anfrage erklärt, sind die technischen Verhandlungen mit der EU weit fortgeschritten; das bilaterale Abkommen sollte in den nächsten Monaten paraphiert werden können. Damit wären die Voraussetzungen auf technischer Ebene erfüllt. Politisch ist das Geschäft damit aber noch nicht in trockenen Tüchern. Im Gegenteil. Die Schweiz droht beim CO2-Markt möglicherweise bald vor demselben Problem zu stehen wie aktuell beim Stromabkommen, das sie mit der EU abschliessen will. Zumindest eine Interimslösung schien in den letzten Monaten in Griffnähe zu liegen. Doch nun hat es sich Brüssel anders überlegt: Ein neues Abkommen mit Marktzugang für die Schweiz könne es nur geben, wenn zuvor bei den institutionellen Fragen die künftige Überwachung der gemeinsamen Regeln und der Streit­schlichtung geklärt sei. (sth)

Artikel zum Thema

Verkaufsgespräche für Tamoil-Raffinerie laufen

Rund 15 Personen haben möglicherweise Interesse an einem Kauf der von der Schliessung bedrohten Tamoil-Raffinerie in Collombey VS. Mehr...

Noch mehr Entlassungen bei Tamoil

Die Tamoil will nicht nur ihre Raffinerie in Collombey-Muraz VS verkaufen, sondern auch den Verladebahnhof und die Tanklager. Mehr...

Tamoil schliesst Raffinerie im Wallis vorübergehend

Der Raffinerie- und Tankstellenbetreiber kündigt einen Betriebsunterbruch seines Standortes in Collombey-Muraz VS an. 220 Stellen sind in Gefahr. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...