Die Krux mit den 360'000 Tonnen Atommüll

Die Schweiz weiss nicht, wo sie ihren Atommüll entsorgen soll. Mit diesem Problem steht sie weltweit nicht allein da. Zwei Staaten machen aber unbeirrt vorwärts mit dem Endlagerbau.

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Die Schweiz sucht und sucht – und wird seit vielen Jahren nicht fündig. Die Standortbestimmung für die Atommüll-Endlager ist ein langwieriger Prozess mit zahlreichen Unwägbarkeiten. Er wird doppelt so lange dauern wie ursprünglich geplant. Morgen wird er immerhin einen Schritt vorankommen: Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) gibt bekannt, welche Regionen im Auswahlverfahren bleiben. Mit einem Entscheid des Bundesrats ist aber erst im Jahr 2027 zu rechnen. Damit dürfte das Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle 2050 und jenes für hochaktive 2060 betriebsbereit sein. Bis dann wird der giftige Müll an der Erdoberfläche im Zwischenlager in Würenlingen AG aufbewahrt.

Seit über 40 Jahren wird hierzulande über die Frage gestritten, wohin der gefährliche Abfall entsorgt werden soll. Mit diesem komplexen Problem steht die Schweiz nicht allein da. Weltweit wird intensiv nach Lösungen gesucht, wie die insgesamt 360'000 Tonnen hoch radioaktiven Atomabfalls langfristig sicher gelagert werden könnten. Die Zeit drängt: Jährlich kommen 10'000 Tonnen Giftmüll dazu. Bisher wird dieser überall lediglich oberirdisch zwischengelagert.

Schutz vor Eiszeiten oder Erdbeben

Immerhin in der Hälfte der Kernenergie nutzenden Länder sind bereits Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb. Für hochaktive dagegen fehlen vielerorts langfristige Konzepte. Seit 1993 die Entsorgung im Meer verboten wurde, richtet sich der Fokus der Experten unter die Erde. Dort, in den Salz-, Ton- und Granitschichten, versprechen sie sich eine sichere Lagerung. Doch neben der geologischen Beschaffenheit muss auch das Material der Abfallbehälter stimmen, denn diese müssen Tausende von Jahren dicht bleiben und dabei potenzielle Extremereignisse wie Eiszeiten, Hochwasser, Erdbeben, Kriege oder Sabotage überstehen.

Zu diesen technischen Herausforderungen kommen in den meisten Ländern Akzeptanzprobleme: So erschweren etwa politische Blockaden (USA) oder massiver Widerstand der Bevölkerung (Deutschland oder Frankreich) eine Lösung. Aber zwei Staaten gehen im internationalen Vergleich unbeirrt voran:

Finnland

Kein Endlagerprojekt auf der ganzen Welt ist so weit fortgeschritten wie jenes in Finnland. Im Pionierstaat einigte man sich 2001 auf den Standort Olkiluoto – zurzeit befindet sich das Tiefenlager für hoch radioaktive Abfälle im Bau. Es dürfte bereits 2022 in Betrieb genommen werden. Auf der Halbinsel vor der finnischen Westküste stehen auch zwei AKW, ein drittes wird seit 2005 errichtet, ein viertes ist in Planung. Zudem befindet sich eines der zwei Endlager für schwach- bis mittelaktive Abfälle dort. Es ist seit 1992 in Betrieb.

Auch in Finnland brauchte die Standortsuche ihre Zeit; sie verlief aber vergleichsweise konfliktfrei. Ab 1986 wurden in einem mehrstufigen Verfahren vier Standorte auf ihre Eignung überprüft. Dass die Wahl auf Olkiluoto fiel, hatte mehrere Gründe: die geologische Beschaffenheit der Halbinsel, die kurzen Transportwege zwischen AKW und Lager – und die Akzeptanz der Bevölkerung. Die Mehrheit des Gemeinderates sowie gemäss einer Umfrage 60 Prozent der lokalen Bevölkerung stimmten dem Vorhaben zu. Im nationalen Parlament gab es nur drei Gegenstimmen – sogar die Grünen votierten dafür. Trotz dieser Einigkeit: Auch in Finnland bleiben vorerst Unsicherheiten bestehen, etwa die Stabilität der Kupferbehälter, in welche die Brennelemente gepackt werden sollen.

Schweden

Das Land kooperiert beim Endlagerbau eng mit Finnland. Die beiden skandinavischen Staaten haben dieselben (günstigen) geologischen Voraussetzungen, daher entwickeln sie vergleichbare Behälter- und Lagerkonzepte. Schweden führte ab 1993 Machbarkeitsstudien für mehrere Standorte durch. Ablehnende Gemeindereferenden sowie Erkundungsbohrungen führten schliesslich zum Entscheid, das Tiefenlager für hoch radioaktive Abfälle in Forsmark zu errichten. Der Bau soll 2019 beginnen, die Inbetriebnahme ist für 2029 vorgesehen. Am selben Ort befindet sich seit 1988 bereits ein Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll.

Doch auch in anderen Ländern dürften sich die Prozesse in den nächsten Jahren beschleunigen. Die EU etwa setzt Zeitdruck auf: Noch dieses Jahr will sie wissen, wie und wo ihre 14 Kernenergie nutzenden Mitgliedstaaten den Abfall künftig lagern werden. Vielerorts ist die Standortsuche – wie in der Schweiz – im Gange. Doch wenn in acht Jahren der Müll in Skandinavien bereits im Erdboden verschwindet, werden hierzulande gerade einmal die Standorte feststehen. Und das Volk wird dann noch nicht das letzte Wort gehabt haben.

Erstellt: 29.01.2015, 19:40 Uhr

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