«Die Lage in Europa ist unsicherer geworden»

Experte Rolf Tophoven sagt, für den Westen seien vor allem die Rückkehrer des IS gefährlich.

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Müssen wir uns davor fürchten, dass Personen aus dem IS-Umfeld auch bei uns Anschläge verüben?
Es gibt in Europa eine erhöhte Gefährdung, einerseits aufgrund der Ausbreitung des IS in Syrien und dem Irak, an­dererseits als Folge der Anstrengungen, welche die westliche Allianz gegen den IS-Terror unternimmt. Gefährlich für die westlichen Staaten sind in erster Linie die Rückkehrer: Bürger dieser Staaten, die sich dem IS angeschlossen und an den Kämpfen teilgenommen haben – und dann heimkommen. Es gibt Festnahmen in Berlin und in Belgien. Es gibt den Anschlag gegen das Jüdische Museum in Brüssel. Das sind Signale. Sie zeigen, dass die Lage in Europa unsicherer geworden ist. Die Behörden in Deutschland und auch in der Schweiz bezeichnen die Gefährdung nach wie vor als «abstrakt». Ich gehe da einen Schritt weiter und sage: Wir leben in einer sich zunehmend konkretisierenden Gefährdungslage.

Wie konkretisiert sie sich?
Aus Deutschland sind 400 bis 500 Islamisten bei den IS-Milizen aktiv. Etliche sind bereits wieder zurück in Deutschland. Davon sollen zwei Dutzend eine extrem hohe Kampferfahrung und -motivation besitzen. Gesamthaft kämpfen bis zu 3000 Westeuropäer für den IS. Viele von ihnen werden in den nächsten Wochen und Monaten zurückkommen. Wenn sie dann nicht im Netz der Sicherheitsbehörden hängen bleiben, ist die Gefahr gross, dass es zu Terroranschlägen kommt.

Was können die Sicherheitsbehörden tun, damit ihr Netz engmaschig genug ist?
Wichtig sind eine gute nachrichtendienstliche Beobachtung und eine intensive Kooperation der Geheimdienste. Jene Zentren, wo sich islamistische Strukturen gebildet haben, müssen observiert werden, ebenso die Reisebewegungen jener Leute, die man als gefährlich einstuft. Das kann eine Sisyphusarbeit sein, sie kostet viel und braucht viel Personal – aber ich sehe keinen anderen Weg. Das Problem ist ja, dass die Kämpfer, die aus unseren Breitengraden in die IS-Gebiete reisen, Bürger unserer Länder sind. Die haben gewöhnliche Identitätskarten. Sie reisen mit diesen in die Türkei ein. Von dort werden sie nach Syrien oder in den Irak geschleust. Ebenso simpel erfolgt die Rückkehr.

Sind die Nachrichtendienste der Aufgabe gewachsen?
Ja, insgesamt schon. Allerdings sagen die Nachrichtendienste zu Recht: Wenn deutsche oder Schweizer Staatsangehörige in den IS-Kampf ziehen, dann ist das nicht nur ein polizeiliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Und dieses können weder Polizei noch Nachrichtendienste lösen. Es braucht Präventions- und Integrationsprogramme, um zu verhindern, dass junge Männer in den radikalen, militanten Islamismus abdriften. In Deutschland gibt es Ausstiegsprogramme für Rechtsextreme. Diese sind erfolgreich. Im Bereich des militanten Islamismus ist es anspruchsvoller, mit solchen Programmen etwas zu erreichen. Wenn religiöse Motive und Fanatismen hineinspielen, wird es sofort schwierig.

Wie soll der Normalbürger auf die Gefährdung reagieren?
Vor allem soll man nicht in Panik und Hysterie verfallen. Es wäre übertrieben, wenn man nun Massenveranstaltungen meiden, nicht mehr fliegen oder nicht mehr den öffentlichen Verkehr benutzen würde. Gleichzeitig sollte man aber wachsam sein – insbesondere in Schulen oder an Universitäten, aber auch am Arbeitsplatz: Wenn junge Menschen sich plötzlich verändern, wenn sich junge Muslime plötzlich anders verhalten, sich anders kleiden, Frauen die Hand nicht mehr schütteln, dann sind das Anzeichen, die man ernst nehmen muss.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2014, 22:49 Uhr

Rolf Tophoven


Der deutsche Terrorismusfachmann leitet das in Essen ansässige Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik.

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