Hintergrund

Die Lehren aus dem Fall Lucie

Die Tragödie um das 16-jährige Au-pair-Mädchen war auch das Resultat eines Behördenversagens. Als Reaktion beschloss die Aargauer Regierung Reformen im Straf- und Massnahmenvollzug. Eine Frage ist noch offen.

Ein Fall, der das Vertrauen in die Justiz erschütterte: Gedenkstätte für Lucie Trezzini (10. März 2009).

Ein Fall, der das Vertrauen in die Justiz erschütterte: Gedenkstätte für Lucie Trezzini (10. März 2009). Bild: Keystone

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Für die Eltern von Lucie Trezzini ist die Sache klar: Die Aargauer Justizbehörden tragen Mitschuld am Tod ihrer Tochter, die am 4. März 2009 brutal von Daniel H. in dessen Wohnung in Rieden bei Baden umgebracht wurde. Der arbeitslose Koch stand unter der Aufsicht der Bewährungshilfe, nachdem er fünf Jahre zuvor wegen versuchter Tötung verurteilt worden war. Daniel H. hatte damals im Rausch beinahe eine junge Frau zu Tode gewürgt.

Um die Verantwortlichen der Aargauer Behörden zur Rechenschaft zu ziehen, reichten Nicole und Roland Trezzini vor zwei Jahren eine Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt ein. Die Familie aus Freiburg hatte darin den Verdacht geäussert, dass Personen des Straf- und Massnahmenvollzuges Dinge getan oder unterlassen hatten, die für den Tod von Lucie mitverantwortlich gewesen waren. Die Untersuchung kam zunächst ein Jahr lang nicht voran, weil der eingesetzte Untersuchungsrichter, ein Rechtsanwalt aus Brugg, schlichtweg nichts machte. Dann übernahm ein ausserkantonaler Staatsanwalt, der Berner Ueli Hofer, den Fall.

Strafuntersuchung steht vor Abschluss

Inzwischen scheint die Strafuntersuchung zur Rolle der Aargauer Justizbehörden im Fall Lucie kurz vor dem Abschluss zu stehen. Nach Informationen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wurden alle notwendigen Einvernahmen durchgeführt, ausstehend ist noch ein Gutachten. Anschliessend wird die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie das Verfahren einstellt, einen Strafbefehl ausspricht oder Anklage erhebt. Die Ermittlungen betreffen drei Kantonsangestellte, die mit Daniel H. direkt zu tun hatten. Sie sollen die Gefährlichkeit des heute 28-jährigen geständigen Täters nicht erkannt haben.

Inwieweit die Aargauer Behörden oder Behördenpersonen im Fall Lucie versagt haben, war bereits Gegenstand einer Administrativuntersuchung. Diese kam zum Schluss, dass das Tötungsdelikt am Au-pair-Mädchen nicht durch individuelles Fehlverhalten von Mitarbeitenden mitverursacht worden sei. «Jeder machte, was gemäss den für ihn geltenden Regelungen und gemäss ständiger Praxis üblich ist», heisst es im Bericht. Es gebe aber eine Reihe von Schwachstellen im System des Straf- und Massnahmenvollzugs. So habe keine Stelle im gesamten Ablauf eine koordinierende Rolle ausgeübt. Die Zusammenarbeit zwischen den Vollzugsstellen sei ungenügend gewesen und die Weitergabe von Informationen mangelhaft. Auch das Know-how im Risikomanagement war gemäss dem Bericht nicht ausreichend.

Professionalisierung des Straf- und Massnahmenvollzugs

Der Aargauer Regierungsrat hat Konsequenzen aus dem Fall Lucie gezogen. Im Rahmen einer Reorganisation des Straf- und Massnahmenvollzugs beschloss er im Frühling 2010 die Schaffung von 14 zusätzlichen Stellen. Dazu kam die Eingliederung der bis dahin in einem Verein organisierten Bewährungshilfe in die Kantonsverwaltung. In der neuen Sektion Vollzugsdienste und Bewährungshilfe entstand auch eine Gruppe Sonderdienste für besonders anspruchsvolle Fälle. Diese soll schwierige Fälle koordinieren. Ihre Mitarbeiter müssen über forensische Kenntnisse verfügen. Engere Zusammenarbeit, umfassendere Information, mehr Fachkompetenz – damit wollen die Aargauer Behörden verhindern, dass es einen weiteren Fall Lucie gibt.

Gemäss einem Bericht der «Aargauer Zeitung» (AZ) äussert sich die zuständige Kommission des Kantonsparlaments positiv über die Umsetzung der Reorganisation im Straf- und Massnahmenvollzug. «Die Bewährungshilfe arbeitet nun viel näher mit der Verwaltung», sagt Brunette Lüscher (SVP), Präsidentin der Kommission für öffentliche Sicherheit des Aargauer Grossen Rats, gegenüber der AZ.

Sicherheitshaft kann rascher angeordnet werden

Nicht zuletzt haben Regierung und Parlament die Strafprozessordnung verschärft. Einerseits können neu auf Bewährung entlassene Straftäter rascher in Sicherheitshaft gesetzt werden. Andererseits sollen Vollzugsbehörden und Bewährungshilfe besser über eine verurteilte Person und ihre Straftaten informiert werden.

Im Fall Lucie hatte sich in der Wahrnehmung der Behörden ein sogenannter «blinder Fleck» etabliert, wie es im Bericht der Administrativuntersuchung heisst. Daniel H. sei von den Behörden als suchtkrank, aber nicht als gemeingefährlich betrachtet worden. Der «blinde Fleck» entstand unter anderem 2004, als ein Gerichtsurteil nicht schriftlich begründet wurde. Wegen versuchter Tötung war Daniel H. damals zu einer vier Jahre dauernden Arbeitserziehungsmassnahme verurteilt worden.

Erstellt: 24.02.2012, 13:28 Uhr

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Der Fall Lucie

Der Fall Lucie Das 16-jährige Au-pair-Mädchen Lucie Trezzini ist am 4. März 2009 Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Das Tötungsdelikt von Daniel H. erschütterte die ganze Schweiz.

Fall Lucie

Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet über den Prozess

Der Fall Lucie wird nächste Woche am Bezirksgericht Baden verhandelt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet ab Dienstagmorgen laufend über den Prozess, der zwei Tage dauert. Wegen des grossen Publikumsinteresses wird der Gemeindesaal von Untersiggenthal zum Gerichtssaal umfunktioniert. Wann das Urteil eröffnet wird, ist noch nicht bekannt. (vin)

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