Interview

«Die Lohnschere ist eine Fata Morgana»

Nach dem Nein zur 1:12-Initiative stehen die Befürworter mit neuen Forderungen nach Lohngerechtigkeit bereit. Arbeitsmarktforscher George Sheldon hält auch solche staatlichen Eingriffe für anmassend.

«Ich sehe keine Wut, das ist von den Medien aufgebauscht»: George Sheldon, Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik an der Universität Basel.

«Ich sehe keine Wut, das ist von den Medien aufgebauscht»: George Sheldon, Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik an der Universität Basel.

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SP-Präsident Christian Levrat will nun von den Unternehmen verlangen, dass sie innerbetriebliche Lohnspannen festlegen. Was halten Sie davon?
Wenig. Das Entlöhnungssystem ist Sache der Eigentümer eines Unternehmens. Es gibt zahlreiche Entlöhnungsmodelle mit verschiedenen Anreizsystemen. Jedes Unternehmen muss selbst entscheiden können, welches strategisch das richtige ist. Das können etwa Turnierlöhne sein, bei denen der Lohn mit jeder Beförderung sehr stark ansteigt. Sie sind an Tennisturniere angelehnt, dort erhält der Sieger doppelt so viel wie der zweite, obwohl beide annährend gleich viel geleistet haben. Oder es können Senioritätsmodelle sein, bei denen der Arbeitnehmer am Anfang unterbezahlt ist und am Schluss viel verdient. Es ist anmassend zu glauben, der Gesetzgeber könnte der Sache jemals gerecht werden.

Diese beiden Modelle sind dazu geeignet, die Lohndebatte weiter zu befeuern.
Wer sagt, dass es überhaupt eine Lohndebatte gibt? Die 1:12-Initiative war eine Idee der Juso, die sie sehr geschickt vermarktet hatten. Die sich öffnende Lohnschere ist eine Fata Morgana. Im internationalen Vergleich ist die Einkommensverteilung in der Schweiz sehr gleichmässig, ähnlich wie in Skandinavien.

Eine Fata Morgana?
Das Einkommen hierzulande wird heute nicht ungerechter verteilt als früher, das zeigen alle Arbeitskräfteerhebungen. Zwischen 1930 und 1975 hatte das oberste Prozent der Lohnempfänger einen grösseren Anteil am Gesamteinkommen als heute. In den angelsächsischen Ländern öffnet sich die Lohnschere tatsächlich, aber wir sollten deren Probleme nicht zu unseren machen.

Die 1:12-Initiative war die zweite von vier Abstimmungen, bei denen es im weitesten Sinn um Lohngerechtigkeit geht. Reicht das nicht als Beweis dafür, dass das den Schweizern unter den Nägeln brennt?
Man sollte die 1:12-Initiative und die Minder-Initiative nicht verquicken. Die Minder-Initiative wurde während der Finanzkrise lanciert, als einige Banken den Karren an die Wand gefahren hatten und die Allgemeinheit dafür bezahlen musste. Das war ein fruchtbarer Boden für die Stärkung der Aktionärsrechte. Seither hat sich die Wahrnehmung des Themas gewandelt. Die Verteilungsdiskussion wird die Nachrichten künftig nicht mehr so stark beherrschen.

Immerhin jeder Dritte sagte Ja zu einem radikalen Umbau der Wirtschaftsordnung. Sind Sie wirklich der Meinung, Lohngerechtigkeit sei in der Schweiz kein Thema?
Ich sehe keine Wut, das ist von den Medien aufgebauscht. Ich bin Empiriker, ich will Belege sehen. In keinem einzigen Kanton fand das Anliegen eine Mehrheit. Das ist für mich eine klare Sprache.

Der Mindestlohninitiative räumen Sie keine grösseren Chancen ein?
In der Schweiz wurde schon mehrmals über Mindestlöhne abgestimmt – jedes Mal abschlägig. Wenn das Volk die wahren Einkommensverhältnisse in der Schweiz kennt, sehe ich keinen Grund, warum es beim nächsten Mal anders sein sollte.

Was wäre schlecht an einer innerbetrieblichen Lohnspanne?
Wenn die Eigentümer eines Unternehmens eine Lohnspanne festlegen wollen, können sie das heute bereits tun. Aber es gibt keinen Grund, das staatlich zu verordnen. Bei manchen Unternehmen besteht die Entlöhnung zum Teil aus Aktienoptionen. Wie soll man eine Lohnspanne in diesem Fall festlegen, wenn man nicht vorher weiss, was die Optionen nachher wert sind?

Eine innerbetriebliche Regelung würde zum Beispiel dazu führen, dass die Unternehmen die Diskussion über Lohngerechtigkeit führen müssten und mehr Transparenz schaffen würden.
Es gibt keinen Handlungsbedarf, etwas zu ändern. Man sollte niemandem Medikamente verabreichen, wenn er nicht krank ist. Bereits heute werden die Verdienste der Vorstandsmitglieder kotierter Unternehmen veröffentlicht. Das ist transparent genug. Zudem haben viele Unternehmen Entlöhnungskommissionen, in denen über die richtigen Gehälter diskutiert wird. Ich sehe nicht ein, warum eine Verhältniszahl irgendetwas verbessern sollte.

Offenbar reichen Leistungsverträge und Entlöhnungskommissionen nicht aus, um Lohnexzesse zu verhindern.
Die Höhe des Lohnes alleine reicht nicht aus, um zu beurteilen, ob es sich um einen Exzess handelt oder nicht. John Hammergren etwa ist CEO des amerikanischen Pharmaherstellers McKesson und verdiente 50 Millionen im Jahr. Er hat den Börsenwert des Unternehmens vervierfacht und erhielt als Lohn drei Prozent der Wertschöpfung. Joe Ackermann hingegen verdiente viel weniger, aber angesichts der Tatsache, dass er den Börsenwert der Deutschen Bank halbiert hatte, scheint mir seine Entlöhnung exzessiver.

In der «Basler Zeitung» bezeichneten Sie die staatlich verordnete Lohnspanne als unschweizerisch. Ist der staatliche Eingriff oder die Lohnspanne unschweizerisch?
Der staatliche Eingriff. Ich bin Ausländer, aber ich nehme die Schweiz als sehr liberales Land wahr. Vergleicht man etwa die Schweizer Drogenpolitik mit der amerikanischen, dann sieht man, dass man hier jedem die Freiheit lässt, sich umzubringen, solange er Dritten keinen Schaden zufügt. Das ist ein Zeichen der Toleranz, damit ist die Schweiz gut gefahren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2013, 15:52 Uhr

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