«Die Milchkuh ist eine Sympathieträgerin»

Mit Herdenverhalten und Fressplatzbreiten beschäftigte sich der Bundesrat in seiner Botschaft zur Hornkuh-Initiative. Deren Chancen stehen gar nicht so schlecht.

Armin Capaul mit seinen Kühen.

Armin Capaul mit seinen Kühen. Bild: Keystone

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Er hatte es auf viele Arten versucht. Armin Capaul schrieb zuerst dem Bundesamt für Landwirtschaft, es möge einen Franken pro Tag und Kuh ausrichten, wenn diese Hörner trägt. Rund 90 Prozent der Kühe in der Schweiz sind hornlos, meistens werden ihnen die Stellen, wo die Hörner wachsen sollen, gleich nach der Geburt ausgebrannt. Hornlose Kühe sind einfacher zu halten, kommen mit weniger Platz aus und verletzen sich und andere weniger. Doch die Hörner sind durchblutet und mit Nerven durchzogen. Sie gehörten zum Tier, sagt Capaul.

Jedenfalls, das Bundesamt wollte nicht. Also wandte sich der Kleinbauer aus dem Berner Jura an Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann mit der Bitte, den Hörnerfranken ins Agrarpaket 2014 bis 2017 aufzunehmen. Ohne Erfolg. Dann liess Capaul sein Anliegen ins Parlament einspeisen, wo die vorberatende Ständeratskommission zustimmte. Doch das Plenum kehrte den Entscheid um. «Der Bauernverband hatte dagegen lobbyiert», sagt Capaul.

Die Würde der Tiere

So griff Armin Capaul zum letzten Mittel und lancierte die Volksinitiative. Gestern hat der Bundesrat seine Botschaft dazu publiziert, in der er über elf Seiten über den Symbolgehalt von Hornkühen, deren Haltung und Herdenverhalten fabuliert sowie den Bauern Vorschläge macht, wie sie die Hörner ohne Bundessubventionen verwerten könnten. Bis September 2018 muss sich das Parlament zur Initiative «für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere» äussern, dann entscheiden die Stimmberechtigten. Es lässt sich jetzt schon sagen: Das Anliegen hat gute Chancen. Zwar löst es Kopfschütteln, Belustigung und Diskussionen über den inflationären Gebrauch von direktdemokratischen Instrumenten aus. Doch das Ansinnen, den Tieren die Hörner und damit die Würde zu belassen, kommt gut an. Das hat Capaul auch beim Unterschriftensammeln festgestellt.

Und davon geht auch der Bundesrat aus. «Die Ansicht, dass das Enthornen ein unverhältnismässiger Eingriff in die Würde der Tiere ist, wird vermutlich in breiten Kreisen der Bevölkerung geteilt», schreibt er. Kühe mit Hörnern gehörten zum Idealbild der Schweizer Milchwirtschaft, «die Milchkuh ist eine Sympathieträgerin». Doch gerade deshalb, meint der Bundesrat, sollten die Bauern auf dem Markt höhere Preise für Hornviehprodukte erzielen können, indem sie etwa «ein Label kreieren, das Produkte von horntragenden Tieren auslobt».

Rangkämpfe und Fressgitter

Weiter befürchtet der Bundesrat, dass das Unfallrisiko für Mensch und Tier steigt, wenn es mehr horntragende Kühe gibt. Die Hörner würden bei Kämpfen und zur Körpersprache eingesetzt, schreibt er. Tiere mit Hörnern könnten sich bei Rangordnungskämpfen gegenseitig verletzen und ebenso Menschen, welche die Tiere betreuen oder ihnen als Passanten auf der Weide begegnen. Wegen der höheren Verletzungsgefahr hielten diese Kühe auch mehr Abstand zueinander, schreibt der Bundesrat, sie brauchten mehr Platz im Stall sowie «grössere Fressplatzbreiten und Fressgitter, die so konstruiert sind, dass die Tiere mit den Hörnern nicht hängen bleiben».

Die Haltung von Hornkühen sei bei Auslaufhaltung bis zu 20 Prozent teurer, schätzt der Bundesrat. Und er befürchtet, dass Bauern ihre Kühe deshalb vermehrt anbinden würden, wenn sie für das Belassen der Hörner Geld bekämen – statt das Geld in die Erweiterung der Ställe zu investieren. Also würde die Freilaufhaltung ab- und die Anbindehaltung zunehmen. Das will der Bundesrat verhindern.

«Keine Ahnung vom Bauern»

Schliesslich sind es aber auch finanzielle und politische Interessen, die für ihn gegen die Initiative sprechen. Das Geld müsste innerhalb der Landwirtschaftsausgaben umverteilt werden, was automatisch Gegner auf den Plan rufen würde. Zudem würde der Hornfranken die Administration verkomplizieren, schreibt der Bundesrat. Und schliesslich, etwas widersprüchlich, kommt die Regierung zum Schluss, dass die Grundlage für eine Hornkuhförderung mit Verfassung und Gesetz heute schon bestehe, dass es die Initiative dafür nicht brauche.

Armin Capaul würdigt die Bereitschaft des Bundesrats, auf die Details der Kuhhaltung einzugehen, nicht im Geringsten. «Der Bundesrat hat keine Ahnung von Kühen und vom Bauern», sagt er. Sonst würde er nicht gegen die Anbindehaltung argumentieren, die gemäss Capaul nicht so schlecht sei. «Unsere Vorfahren haben nicht alles falsch gemacht», sagt der 65-Jährige, der auf seinem Hof 8 Kühe, 2 Rinder, 1 Stier, 8 Ziegen, 22 Schafe und 1 Esel hält. Der Bundesrat habe hingegen «völlig versagt». Er hätte sich mit der Förderung von Hornkühen ein Denkmal setzen können. Nun werde ihn eben das Volk dazu zwingen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.02.2017, 15:32 Uhr

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