«Die Mitarbeiter müssen zwei Mal täglich ihre Mails und SMS prüfen»

Moritz Leuenberger ruft zu Home Office auf. Damit schone man die Umwelt, gewinne an Lebensqualität und könne Kosten sparen. Wie funktioniert dies in der Praxis?

Home Office steigert zwar die Zufriedenheit, verlangt den Arbeitnehmern und Arbeitgebern aber auch einiges ab: Arbeiten am Computer.

Home Office steigert zwar die Zufriedenheit, verlangt den Arbeitnehmern und Arbeitgebern aber auch einiges ab: Arbeiten am Computer. Bild: Keystone

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Dominque In-Albon, Anfang 2007 haben Sie im Wallis in allen kantonalen Dienststellen die Möglichkeit von Telearbeit eingeführt. Warum?
Es kam der Wunsch von Mitarbeitenden, Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. 2006 haben wir uns entschieden, ein Pilotprojekt mit acht Mitarbeitern zu starten. Schliesslich muss man mit der Zeit gehen. Das Pilotprojekt ist derart erfolgreich ausgefallen, dass wir es nahtlos übernommen haben.

Wo liegen die Stolpersteine?
Anfangs hatten wir wenig Erfahrungswerte und die Skepsis der Vorgesetzten war entsprechend gross. Da war vor allem die Angst der Vorgesetzten, ihre Führungsrolle nicht erfüllen zu können, wenn die Mitarbeiter zuhause arbeiten. Weiter ist Telearbeit mit Mehraufwand verbunden. Es verlangt von den Vorgesetzten eine bessere Koordination. Ausserdem muss viel mehr kommuniziert werden. Da war einiges an Information und Sensibilisierung nötig.

Gewerkschaften kritisieren unter anderem die soziale Isolation von Telearbeitern. Wie verhindern Sie diese?
Einerseits werden die Vorgesetzten darauf aufmerksam gemacht, die Telearbeiter bewusst stärker zu integrieren. So will man verhindern, dass sie vom Team ausgeschlossen werden. Wir haben aber auch klare Richtlinien. Telearbeiter müssen mindestens ein Arbeitspensum von 50 Prozent haben. Ausserdem dürfen sie nicht mehr als die Hälfte der Arbeitszeit von zuhause aus arbeiten.

Wie kann die Arbeitsleistung überwacht werden?
Wir setzen auf Vertrauen. Wir sehen den Mitarbeiter zwar nicht, könnten aber anhand von den Resultaten überprüfen, was er leistet. Viele führen zur eigenen Absicherung freiwillig ein Arbeitstagebuch. Das einzige, wozu die Mitarbeiter verpflichtet sind: Sie müssen zwei Mal täglich ihre Mails und SMS prüfen. Ob dies morgens um 6 Uhr ist oder abends um 8 Uhr, spielt für uns keine Rolle. Ausserdem kann der Vorgesetzte bestimmen, an welchen Tagen der Mitarbeiter anwesend sein muss.

Gibt es weitere Vorgaben?
Es ist natürlich nicht das Ziel, dass Telearbeiter zu Hause nebenher ihr Kind betreuen. Der Arbeitsplatz muss abgeschlossen werden können, auch wegen der Datensicherheit. Wichtige Dossiers dürfen nicht im Wohnzimmer herumliegen. Es versteht sich auch von selbst, dass man sich nicht im Pyjama an den Computer setzt.

Führen Sie Kontrollen durch?
Nein, wir vertrauen dem Mitarbeiter. Er muss alle Angaben zur Wohnsituation und seiner eigenen Disziplin und Motivation im Gesuch angeben und bestätigen, dass er die Richtlinien zu erfüllen vermag. Wir dürfen auf Voranmeldung Kontrollen durchführen. Allerdings bestand bisher noch keine Notwendigkeit dazu.

Wie hoch sind die Kosten von Telearbeit?
In den Anfängen hat jeder Telearbeiter ein Paket mit Drucker, Telefon, Fax und einer Dockingstation erhalten. Pro Person beliefen sich die Materialkosten auf rund 4500 Franken, die der Staat übernommen hat. Heute gibt es nur noch ein Eintrittssystem per USB-Stick, mit dem sich der Mitarbeiter zuhause einloggen kann. Die restlichen Kosten tragen die Arbeitnehmer selber, da in der heutigen Zeit alle zuhause einen Computer oder Laptop besitzen. Wenn etwas nicht vorhanden ist, etwa ein Drucker, stellt ihn der Kanton Wallis zur Verfügung.

Werden Sie nun von Anträgen überrannt?
Nein. Wir haben die Mitarbeitenden zwar über die Möglichkeit informiert, betreiben aber nicht gezielt Werbung dafür. Hinzu kommt, dass Telearbeit nicht von heute auf morgen möglich ist. Es sind weitreichende Abklärungen nötig: Ist der Vorgesetzte einverstanden? Ist Telearbeit im konkreten Fall möglich? Ist der Mitarbeiter geeignet? Der Mitarbeitende muss sich über alle Vor- aber auch Nachteile von Telearbeit bewusst sein. Schliesslich haben wir die klare Regel, dass es kein Recht auf Telearbeit gibt. Wir entscheiden von Fall zu Fall. Bis jetzt haben wir 32 Telearbeiter auf über 3000 Mitarbeiter.

Ihr Fazit?
Die Zufriedenheit der Telearbeiter ist gestiegen, vor allem, weil sie Zeit gewinnen, da der Arbeitsweg wegfällt. Es besteht allerdings aber auch die Gefahr, dass man länger arbeitet. Telearbeiter dürfen klar keine Überstunden aufschreiben. Dies vor allem zu ihrem eigenen Schutz. Telearbeit hat viel mit Selbstdisziplin und Eigenmotivation zu tun.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.04.2010, 15:59 Uhr

Zur Person

Dominique In-Albon ist wirtschaftliche Mitarbeiterin im Kanton Wallis und verantwortlich für das Projekt Telearbeit.

Das sagt die Gewerkschaft Unia

  • Wir plädieren für einen sorgfältigen Umgang mit den Chancen und Risiken der Telearbeit. Das positive Potenzial dieser Arbeitsform ist in einigen Branchen gross (weniger Verkehrsbelastung sowie Beschäftigungsmöglichkeiten in strukturschwachen Regionen).

  • Folgende Risiken dürfen nicht ausgeblendet werden: Vereinzelung und Isolation der Arbeitnehmenden, Vernachlässigung der Arbeitszeitkontrolle und des Gesundheitsschutzes, Beeinträchtigung des Familienlebens weil dieses schwieriger von der Arbeit abzugrenzen ist, sowie die Verbreitung ungesicherter Arbeitsverhältnisse.

  • Nötig sind Rahmenbedingungen. Telearbeit muss arbeitsvertraglich – noch besser: in einem Kollektivarbeitsvertrag – geregelt sein, denn sie darf nicht missbraucht werden. Arbeit auf Abruf lehnen wir ab. Es darf keinen Zwang auf Telearbeit geben und sie darf nicht Ersatz sein für die betriebliche Arbeit, sondern eine Ergänzung sein.

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