«Die P 26 war keine Bande von ausgeflippten Rambos»

Unversöhnt bis in den Tod. Die Widerstandsgruppe P 26 ist auch 26 Jahre nach ihrer Auflösung Gegenstand einer Kontroverse. Martin Matter, Autor eines Buchs zur P 26, kann das verstehen.

In Krattigen im Berner Oberland steht der als Scheune getarnte Bunker, der der P 26 bis 1990 als Treffpunkt und Übungsort diente.

In Krattigen im Berner Oberland steht der als Scheune getarnte Bunker, der der P 26 bis 1990 als Treffpunkt und Übungsort diente. Bild: Alessandro della Valle/Keystone

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Selbst im Tod scheint der Zorn der ehemaligen Mitglieder der Widerstandsorganisation P 26 noch grenzenlos. Können Sie sich die gehässige Todesanzeige von Hans-Rudolf Strasser erklären?
Die Bitterkeit ist nachzuvollziehen, ja. Die Diabolisierung von damals, als die P 26 nach der Enttarnung zu Beginn der 1990er-Jahre als kriminelle Bande von ausgeflippten Rambos dargestellt wurde, hat Spuren bei den Mitgliedern hinterlassen. Wer damals dabei war, so mein Eindruck aus vielen Gesprächen, war überzeugt, sich für eine gute Sache einzusetzen. Das waren Patrioten.

Patrioten, mit einem gespaltenen Verhältnis zum Staat. Anders sind die Angriffe auf den ehemaligen Verteidigungsminister Kaspar Villiger kaum zu erklären.
Die Anzeige liest sich wie eine letzte Kriegserklärung. Daraus spricht die grosse Enttäuschung über den mangelnden Support der damaligen Politiker und der Wunsch nach Rehabilitierung.

Ist denn eine Rehabilitierung der P 26 tatsächlich nötig?
Ja, darum habe ich auch mein Buch geschrieben. Bei der damaligen Beurteilung der P 26 lagen Medien und Politik völlig falsch. Das war kein bewaffneter Arm des Schnüffelstaates. Der ehemalige SP-Parteipräsident Helmut Hubacher behauptet bis heute, dass die P 26 bei einem erdrutschartigen Sieg der Linken bei den Nationalratswahlen losmarschiert wäre. Habakuk! Die P 26 war keine Geheimarmee, sie war eine Organisation, die aus Kleinstzellen bestand, ohne Kontakt untereinander, sie wäre auch im Ernstfall nie als Einheit aufgetreten.

Kleinstzellen, die bis an die Zähne bewaffnet waren.
Auch das ist ein falsches Bild. Über Waffen verfügte nur der kleinste Teil der 400 Mitglieder der P 26. Nur bei einer Besetzung der Schweiz wäre die P 26 aktiv geworden. Vor allem mit psychologischer Kriegsführung, zum Beispiel – mit Schweizer-Kreuz-Ballonen, die überall in den Himmel gestiegen wären. Das mag heute lächerlich tönen, hätte aber in einem besetzten und unterdrückten Land, wo auf das Hissen der Schweizer Fahne die Todesstrafe gestanden wäre, grosse Wirkung gehabt. Zudem hätten die P-26-Leute gezielte Sabotageakte verübt.

Die Kritik liegt allerdings auf der Hand. Es war ein ideologisches Projekt.
Die P 26 war ein Kind des Kalten Krieges. Ihre Mitglieder waren Patrioten vorab aus dem rechten politischen Spektrum. Aber hatten sie darum Putschabsichten, waren sie eine «Geheimarmee», wie es heute immer noch überall heisst? Nein.

Rechtsstaatlich einwandfrei war die Organisation nicht.
Ja, es fehlte ein Ermächtigungsgesetz. Aber stellen Sie sich mal vor: Der Nationalrat beschliesst in einem Gesetz, dass die Schweiz eine Geheimarmee organisiert und finanziert, alle Details aber geheim sind. Das wäre niemals gegangen! Natürlich operierte die P 26 in einer rechtlichen Grauzone, aber kriminell war das nicht. Der gesamte Bundesrat wurde mehrmals informiert, und auch die Verteidigungsminister wussten Bescheid. Sie haben sich einfach unterschiedlich intensiv mit dem Thema beschäftigt.

Nach der Veröffentlichung Ihres Buches mussten Sie einige Kritik einstecken: Sie hätten die P 26 reingewaschen.
Das hat mit dem Feindbild zu tun, das hartnäckig in den Köpfen bleibt. Man will sich partout nicht von der Vorstellung entfernen, dass die P 26 eine staatsgefährdende Saubande war, eine bewaffnete Soldateska des rechtsbürgerlichen Fichenstaates. Obwohl man es heute besser weiss, sind viele nicht bereit, sich von diesem Bild zu lösen.

Mit Hans-Rudolf Strasser ist nun auch die rechte Hand des P-26-Chefs Efrem «Rico» Cattelan verstorben. Rico selber ist schon zwei Jahre tot. Wie viele von der damaligen Führungsriege leben überhaupt noch?
Etwa die Hälfte der damaligen Mitglieder lebt noch, schätze ich. Die meisten sind Hochbetagte, einzelne wenige sind erst in den 60ern. Dass man es nicht genauer weiss und dass all die Jahre vor dem Entscheid des Bundesrats im Jahr 2009, die Schweigepflicht aufzuheben, niemand geredet hat, spricht auch dafür, dass es sich bei den Mitgliedern der P 26 nicht um durchgeknallte Rambos handelt.

Sie verteidigen die P 26 eisern. Waren Sie eigentlich selber Mitglied?
Ich? Nein, ganz sicher nicht. Das hätte ich natürlich deklariert. Auf die Idee zum Buch bin ich im Gespräch mit einem befreundeten Berufs- und Militärdienstkollegen gekommen, der mich dazu animierte. Hinzu kommt, dass der P-26-Chef Rico wie ich in der Region Basel wohnte.

Martin Matter: «P-26. Die Geheimarmee, die keine war», Verlag hier+jetzt, Baden, 2012. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2016, 16:11 Uhr

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Martin Matter (72) war lange Jahre Journalist im Raum Basel und ist Autor des Buchs «P-26. Die Geheimarmee, die keine war».

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