«Die Pharmaindustrie ist nicht an Cannabis interessiert»

Neurologe Markus Weber arbeitet schon seit längerem mit medizinischem Cannabis. Im Interview spricht er über seine Hoffnungen und Frustrationen.

Kein Wunderheilmittel, aber Medizin mit grossem Potenzial: Hanf.

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Wie viele Menschen werden in der Schweiz derzeit von Ärzten mit Cannabinoiden behandelt?
In unserem Zentrum sind es ca. 60 bis 70 mit verschiedensten neurologischen Indikationen. Die genauen Zahlen für die Schweiz hat das Bundesamt für Gesundheit, da es ja für jede Verschreibung eine Sonderbewilligung braucht.

Sie klingen ernüchtert.
Ich würde mir wünschen, dass Cannabinoide vom BAG gleich behandelt würden wie die Opiate, wie es in gewissen Ländern bereits der Fall ist. Dann könnte ich sie ohne Bewilligung verschreiben. Wir dürfen sie laut BAG nur im Rahmen von Heilversuchen verschreiben. Cannabis darf erst dann angewandt werden, wenn alle anderen Medikamente versagt haben. Mit dem Resultat, dass sich die Leute selber behandeln, was nicht gutzuheissen ist.

Wieso nicht?
Ich habe vollstes Verständnis für Menschen, die Cannabis im Eigengebrauch als Medizin einsetzen wollen. Die haben eine Leidensgeschichte hinter sich und sind von der Schulmedizin austherapiert. Aber hinter einem chronischen Kopfschmerz kann ja auch mal etwas anderes stecken als bloss Schmerz. Deshalb braucht es eine ärztliche Begleitung.

Wer kann aus medizinischer Sicht von Cannabis profitieren?
Sehr viele Patienten. Cannabis hat ein riesiges erwiesenes therapeutisches Potenzial, weil es zum Beispiel schmerzhemmende, appetitsteigernde und muskelrelaxierende Effekte hat. Bei MS-Patienten wird es etwa gegen Spastik eingesetzt, da gibt es ein Präparat auf dem Markt. Eine offene Frage ist es, in wieweit es auch antikarzinogen oder neuroprotektiv ist, also bei Krebs und den degenerativen Krankheiten wie Alzheimer eingesetzt werden kann. Da gibt es viel Grundlagenforschung, aber kaum klinische Studien.

Man hat das Gefühl, Cannabis sei ein Wunderheilmittel. Besteht die Gefahr, dass es gerade wegen seiner Illegalität überbewertet wird?
Natürlich ist Cannabis kein Wundermittel. Ob es überbewertet ist, kann ich nicht sagen. Es gibt zumindest einen bekannten Vorteil: Das sogenannte Endocannabinoid-System ist bei allen Lebewesen vorhanden. Und es ist einfacher, ein solch gut erforschtes System zu manipulieren, als Stoffe zu verabreichen, bei welchen nicht bekannt ist, was sie an welchen Organsystemen anrichten. Aber es gibt schlicht zu wenig Studien in der Cannabis-Forschung.

Wieso?
Es hapert am Geld, weil die Pharmaindustrie wenig an Cannabinoiden interessiert ist. Mit dem Wirkstoff einer Pflanze lässt sich kein Geld machen. THC lässt sich nicht patentieren. Auch bei der Zulassung spielt Geld eine Rolle: Es gibt bestimmte Studien, die gemacht werden müssen, bis ein Medikament auf dem Markt zugelassen werden kann. Doch solche Studien sind teuer und müssten bei jeder Indikation – bei MS, Schmerz, Schlafstörungen und so weiter – von neuem gemacht werden.

Wie teuer ist eine Behandlung mit solchen Medikamenten?
Die Tagesbehandlungskosten beim MS-Präparat, das auf dem Markt ist, liegen zwischen 5 und 10 Franken. Das ist monatlich viel Geld, zumal die Krankenkassen oft nicht zahlen, weil die Präparate nicht zugelassen sind.

Wie sieht es mit Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis aus?
Wir haben das bei Patienten des Nervenleidens ALS untersucht, an dem auch der Physiker Stephen Hawking leidet. Eine Einmalgabe von 5 mg THC wird praktisch nebenwirkungsfrei vertragen. Bei 10 mg Einmalgabe waren alle Patienten euphorisch und schliefen nach zwei Stunden. Die meisten unserer Patienten nehmen zweimal 5 mg ohne Nebenwirkungen. Das ist aber individuell sehr unterschiedlich. Manche vertragen problemlos eine Tagesdosis 20 bis 30 mg.

Der in Cannabis enthaltene Wirkstoff, der für medizinische Nutzer potenziell am interessantesten ist, ist neben THC das Cannabinoid CBD. Was halten Sie davon?
Da sehe ich ein grosses therapeutisches Potenzial, weil es auch in hohen Dosen praktisch nebenwirkungsfrei ist. Leider gilt auch da: Klinische Studien existieren bislang kaum, lediglich bei einer schweren Epilepsieform wird es gegenwärtig untersucht.

Erstellt: 26.06.2015, 09:51 Uhr

Prof. Dr. Markus Weber ist Neurologe und Leiter Muskelzentrum/ALS Clinic am Kantonsspital St. Gallen.

BAG-Studie

Cannabis zeigt bei chronischen oder durch Krebs verursachten Schmerzen eine gute Wirkung. Dasselbe gilt für Krämpfe, die durch multiple Sklerose ausgelöst werden. Das zeigt eine vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) finanzierte Studie, welche die medizinische Anwendung von Cannabis untersucht hat.

Das Resultat will das BAG bei seiner Bewilligungspraxis berücksichtigen. Der Konsum von Cannabis sei in der Schweiz verboten, für eine beschränkte medizinische Anwendung könne das BAG jedoch Ausnahmebewilligungen erteilen, schreibt der Bund in einer Mitteilung.

Um solche Ausnahmebewilligungen noch zielgerichteter ausstellen zu können, hat das Amt eine Studie über die positiven wie auch negativen Auswirkungen des medizinischen Gebrauchs von Cannabis in Auftrag gegeben. Für diese systematische Übersicht wurden 79 klinische Studien mit insgesamt über 6000 Teilnehmern untersucht und statistisch analysiert.

Nicht für Patienten mit Angstsymptomen

Die nun veröffentlichte Studie kommt zum Schluss, dass die Einnahme von Cannabis mit einer Linderung von Symptomen einhergeht, aber eine Wirkung nicht für alle untersuchten Indikationen statistisch belegt werden kann.

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