«Die Polizei hätte dieses Video nicht zeigen dürfen»

Knapp ein Jahr nach dem Busunfall im Wallis haben die Behörden ein Video veröffentlicht, das die Szenen nach dem Unglück im Tunnel zeigt. Dies sei nicht legal, argumentiert ein Genfer Anwalt.

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Die Walliser Polizei hat gestern ein Video veröffentlicht, das die ersten Minuten der Rettungsaktion nach dem Busdrama nahe Siders zeigt. Im Wallis ist nun eine Polemik darüber entbrannt, ob die Polizei diese Bilder überhaupt hätte zeigen dürfen.

Vorgehen entspricht nicht einer wirklich transparenten Kommunikation

Dabei zeigt das Video weder den Unfall an sich noch Tote oder Verletzte. Trotzdem meint Charles Poncet, die Polizei hätte die Aufnahmen nicht veröffentlichen dürfen. Für den Genfer Anwalt ist das Vorgehen Zeichen eines schlecht koordinierten Kommunikationsablaufs. Um seine Vorwürfe nachzuvollziehen, müsse man verstehen, dass in einem solchen Unfall grundsätzlich jeder der fahrlässigen Tötung verdächtigt werde: der Chauffeur, die Reiseleitung, die Rettungskräfte. Zudem habe die Polizei mit der Veröffentlichung des Videos ihr Amtsgeheimnis verletzt, weil die Untersuchung des Falles noch im Gange sei.

Der Genfer Anwalt geht mit seinen Anschuldigungen sogar noch weiter: «Das Vorgehen des Staatsanwalts, der die Bilder nur RTS zugespielt hat, das heisst nur einem einzigen Sender und dies zudem noch kontrolliert, ist nicht akzeptabel und entspricht nicht einer wirklich transparenten Kommunikation, die neutral, objektiv und vollständig zu sein hat.»

Video war als Aufklärungsmassnahme gedacht

Die Walliser Justiz wollte mit dem Video auf Vorwürfe von belgischen Familien reagieren, die den Rettungseinsatz als zu langsam kritisiert hatten. Dieses Ziel wurde offenbar nicht nur verfehlt, sondern führte sogar zu einer erneuten Polemik. In einer Stellungnahme zeigte sich die SP-Regierungsrätin Esther Waeber-Kalbermatten zwar betroffen, erklärte jedoch, die meisten Familien der Opfer hätten die veröffentlichten Aufnahmen nicht gesehen.

Ohne von möglichen Sanktionen zu reden, versicherte Waeber-Kalbermatten gestern, man prüfe «verschiedene Vorgehensweisen», um zu verhindern, dass die Polizei weiterhin so kommuniziere. Der Vorwurf richtet sich dabei in erster Linie an den Polizeisprecher Jean-Marie Bornet, der im Video zu sehen ist. Bornet sagte auf Anfrage, er habe keine Erlaubnis mehr, sich zum Unglück zu äussern. Auch der ehemalige Polizeikommandant und Regierungsratskandidat Christian Varone hüllt sich in Schweigen.

Auch belgische Medien zeigen die Aufnahmen

Beim Schwarzer-Peter-Spiel um die Verantwortung spielt der Polizeisprecher die undankbarste Rolle: Unterstützung erhält er weder vom Regierungsrat noch von der Justiz, die ihm angeblich eine Bewilligung zur Veröffentlichung der Bilder erteilt hatte. Davon sei nie die Rede gewesen, versichert Generalstaatsanwalt Olivier Elsig: «Ich wurde nie über den Kommunikationsplan der Polizei informiert. Ich hatte der für März vorgesehenen Sendung ‹Temps Présent› eine grundsätzliche Erlaubnis erteilt, jedoch mit dem Vorbehalt, das Endresultat noch einmal zu sehen. Vor allem erwarte ich, dass man nicht die gesamten 15 Minuten des Videos zeigt und höchstens die Ankunft eines Polizeiautos oder eines Krankenwagens zu sehen sein werden.»

Das Video wurde auf Youtube inzwischen 240'000 Mal angeklickt. Dabei sind auch Szenen zu sehen, bei denen Kinder aus dem Heckfenster des Busses springen. Für Elsig geht dies entschieden zu weit: «Ich bin mit Frau Waeber-Kalbermatten einverstanden, das ist schockierend. Und ich weiss dank regelmässigen Kontakten mit Belgien, dass einzelne Familien davon tief betroffen sind.» Die Aufnahmen wurden mittlerweile auch von belgischen Medien übernommen und Jean-Marie Bornets Aussagen in Flämisch untertitelt.

Die genaue Unfallursache des Busunglücks von Siders ist noch nicht geklärt, im Vordergrund steht menschliches Versagen oder eine Krankheit des Chauffeurs. Der Bus war am 13. März 2012 auf der Autobahn A 9 nahe Siders im Tunnel frontal in die Wand einer Nothaltenische gefahren.

(Übersetzung und Bearbeitung: cor)

Erstellt: 30.01.2013, 11:07 Uhr

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