Die Romandie hat ein Problem mit Homophobie

Westschweizer Politiker haben Mühe, ihre homosexuelle Liebe offen zu leben. Das liege an der konservativen Rechten, sagt eine Soziologin.

So offen treten nicht viele Westschweizer auf: ein Teilnehmer der Gay Pride 2015 in Sitten. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

So offen treten nicht viele Westschweizer auf: ein Teilnehmer der Gay Pride 2015 in Sitten. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

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Damien Cottier hat getan, was in der Westschweiz nur wenige homosexuelle Politiker wagen: Er gab sein Coming-out. Am ­Valentinstag informierte der Neuenburger FDP-Politiker auf Twitter, er teile sein Leben mit einem Mann. Cottier sagt: «Ich habe meine Homosexualität in den letzten Jahren nie versteckt. Das wollte ich der Öffentlichkeit jetzt klarmachen.»

Martial de Montmollin, ehemaliger Präsident der Waadtländer Grünen und langjähriger Kantonsrat, begrüsst Cottiers Schritt. Er tat vor Jahren dasselbe. Der 38-Jährige erinnert sich: «Wir waren 150 Grossräte. Offiziell war ich der einzige Homosexuelle.» De Montmollin lässt durchblicken: Die Realität sieht anders aus. Er sagt: Wenn sich ein Politiker oute, tue er dies ­öffentlich, und es gebe keinen Schritt zurück. Der Druck sei gross. Viele Politiker würden ­danach in eine Schublade gesteckt und diskriminiert. «Man ist zuerst homosexuell und erst dann Parlamentarier», sagt der Forstingenieur und zieht Vergleiche zur während langer Zeit anhaltenden Diskriminierung von Frauen in der Politik. «Männer gaben den Frauen die Dossiers Schule und Familienpolitik, weil sie dachten, nur darin kennen sich Frauen aus.»

Damien Cottier outete sich via Twitter. Foto: Keystone

Mauch, Pulver? Kein Thema

Damien Cottier und Martial de Montmollin sagen, was Fach­leute reihum bestätigen: Die Romandie hat ein Problem mit Homophobie. In der Westschweizer Politik führte dies in letzten Jahren zu teils grotesken Situationen. Ein nicht geouteter Regierungsrat wäre gerne Sicherheitsdirektor geworden, befürchtete aber, dass ihn Polizisten wegen seiner Homosexualität unter Druck setzen würden.

Martial de Montmollin war allein unter 150 Grossräten. Foto: ARC

Eine nicht geoutete Regierungsrätin wiederum gab ihrer Partnerin in ihrem Departement einen Chefposten. Alle wussten über die Beziehung Bescheid. Niemand wagte zu intervenieren, auch, um die Politikerin nicht blosszustellen. Politiker, wie der jurassische Alt-Staatsrat Jean-François Roth, die sich zu ihrer Homosexualität bekannten, sind selten.

Wie ist das möglich? Warum trauen sich homosexuelle Politiker in der Westschweiz nicht, sich zu outen, während sie in der Deutschschweiz gar kein Thema mehr sind? Warum gelten die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch oder der Berner Alt­Regierungsrat Bernhard Pulver, die ihre Homosexualität nie ­verbargen, in der Romandie als unerreichte Modellfälle?

Deutsche Vorbilder

Die Genfer Soziologin und Forscherin Caroline Dayer befasst sich seit Jahren mit Homo­phobie. Sie hat eine Erklärung, warum es beim Thema Homosexualität einen Röstigraben gibt. Die Deutschschweiz orientiere sich nach Deutschland, sagt Dayer. Dort heisse es: «Man kann sein, wer man sein will.» Also outen sich Politiker und andere Per­sönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wie der ehemalige Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit oder der verstorbene Aussenminister Guido Westerwelle. Die kritische Masse der ­Geouteten sei genügend gross, damit sich niemand mehr zu ­verstecken braucht. Betroffene identifizieren sich mit den Geouteten, sie können sich selbst sein, müssten nicht länger lügen. Das bringe den Einzelnen Sicherheit und setze Energien frei, so Dayer. In der Westschweiz sei das anders. Sie stehe unter französischem Einfluss.

Caroline Dayer sieht einen neuen Röstigraben. Screenshot: Youtube

In Frankreich übe die mit der katholischen Kirche eng verbundene konservative Rechte auf die Gesellschaft erheblichen Einfluss aus. Wie aggressiv und dominant die Bewegung auftritt, sei ihr 2013 bewusst geworden, sagt ­Caroline Dayer. Sie war damals in Paris, als der Staat sich daranmachte, die «Ehe für alle» zu ­institutionalisieren. Es kam im ganzen Land zu massiven Protesten und Gegenkundgebungen. 2002 war der homosexuelle ­Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë bei einem Volksfest gar niedergestochen worden. Solche, auf den Strassen geäusserte Homophobie strahlt auch in die Romandie aus.

Am Arbeitsort isoliert

Wie sich homophobe Attacken anfühlen, weiss Franceline Dupenloup aus eigener Erfahrung. Sie ist auf der Genfer Kantonsverwaltung Projektverantwortliche für Geschlechtergleichheit und Prävention gegen Homophobie. Als bekennende Lesbe war sie innerhalb der Kantonsverwaltung in den letzten Jahren gemäss eigener Aussagen mehrfach Zielscheibe homophober ­Attacken. Franceline Dupenloup sagt: «Eine Arbeitskollegin wurde von Angestellten angehalten, sich mir nicht zu sehr anzunähern und vor mir auf der Hut zu sein, weil ich homosexuell bin.» Vor nicht allzu langer Zeit habe man im Departement eine enge Freundin und Kaderfrau auf­gefordert, sich von ihr zu distanzieren. Dupenloup sagt: «Die ­Aggressionen kommen von ­Kaderleuten.» Das Ziel sei klar: Zweifel säen, die homosexuelle Person am Arbeitsort isolieren, um sie zu schwächen.

Gerade die Kantone Genf und Waadt engagieren sich seit Jahren mit erheblichen Mitteln gegen Homophobie, vor allem in Schulen. Das Ziel ist, die Gesellschaft von unten her zu verändern. In Genf arbeitet Caroline Dayer mit Schülern und Lehrern. Sie weiss: «Viele Jugendliche haben auch aktuell Angst, in ihren Familien, in der Schule oder sogar gegenüber Freunden über ihre Homosexualität zu sprechen.» Sie sei ein Tabu, also werde geschwiegen. Das könne für die «Gesundheit unserer Gesellschaft» gefährlich sein, so Dayer. Gemäss wissenschaftlichen Studien ist das Selbstmordrisiko bei homosexuellen Jugendlichen bis zu fünfmal höher als bei hetero­sexuellen.

Waadt betreibt Aufklärung

In der Waadt hat das Jugend­parlament dafür gesorgt, dass der Staat sich per Gesetz gegen rassistische, sexistische und homophobe Gewalt engagieren muss. Projektleiterin Seema Ney sagt: «Die Homophobie ist aktuell in den Schulen genauso präsent wie in anderen Bereichen der Gesellschaft.» Sie betreffe alle Generationen, so Ney. In den Schulen sei das Engagement wichtig, damit alle in einer ­sicheren Umgebung lernen und sich entwickeln können.

Und diese Arbeit zeigt Wirkung. Darin sind sich sämtliche Westschweizer Experten einig. Martial de Montmollin beobachtet: «Heute haben sich junge Menschen oft schon geoutet, ­bevor sie in die Politik gehen.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.02.2019, 21:59 Uhr

Homosexuelle sollen besser geschützt werden

Das Bundesparlament hat im Dezember entschieden, im Rahmen der Anti-Rassismus-Strafnorm auch Aufrufe zu Hass und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung unter ­Strafe zu stellen. Dies stärkt den Schutz von homo- und bisexuellen Personen. Gegen diesen Entscheid hat das Komitee «Nein zum ­Zensurgesetz» das Referendum ergriffen. Es sammelt derzeit Unterschriften.

Das Parlament hat damit eine parlamentarische Initiative des Walliser SP-Nationalrats ­Mathias Reynard umgesetzt. Reynard sagt: «Meine Initiative richtet sich gegen die Homophobie.» Gerade im Wallis stünden Homosexuelle unter grossem Druck. Die Vorlage zur eingetragenen Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare hat der Kanton im Juni 2005 mit 55,2 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Homosexualität sei in der Walliser Gesellschaft nach wie vor ein Tabu, sagt Reynard. Die Situation entspanne sich jedoch langsam.

2016 sorgte ein Vorfall in der ganzen Romandie für Aufsehen: Das Lycée-Collège des Creusets in Sitten sagte einen Workshop zum Thema Sexismus und Homo­phobie ab, den die Gymnasiasten gewünscht hatten. Der Grund dafür war: Die Schul­leitung hielt es nicht für nötig, das Thema zu ­behandeln. Der ­damalige Rektor des Gymnasiums, Benjamin ­Roduit, der den Homophobie-Anlass abgesagt hatte, sitzt heute für die CVP im Nationalrat. Er folgte auf Yannick Buttet, der vor über einem Jahr wegen sexueller Übergriffe zurücktreten musste. (phr)

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