Die SBB werden die Hooligans nicht so schnell los

Die SBB verlangen die Aufhebung der Transportpflicht. Offen ist aber, wer «gute» von «schlechten» Fans trennt.

Ein Extrazug-Wagen, demoliert von Basel-Fans.

Ein Extrazug-Wagen, demoliert von Basel-Fans. Bild: Keystone

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Nach Abschluss der Fussballmeisterschaft lancieren die SBB einen Hilferuf an die Politik und die Klubs. Verwüstungen in Extrazügen, wie sie am Sonntag nach der Finalissima von Basler Hooligans angerichtet wurden, will die Bahn nicht mehr tragen. Randalierer verursachten den SBB in der Saison 2009/10 insgesamt Schäden von rund 3 Millionen Franken. Angefallen sind die Kosten in 140 Extrazügen für aufgeschlitzte oder herausgerissene Sitze, für zerschlagene Scheiben oder aufwendige Reinigungsarbeiten. Am Sonntag drangen Fans sogar in den Lokführerstand ein und rissen Geräte heraus.

Konkret verlangen die SBB nun eine Aufhebung der Transportpflicht für bestimmte Gruppen und eine Entschädigungspflicht für Klubs, deren Fans den Schaden anrichten. Die Umsetzung der Forderungen ist allerdings nicht so einfach. Bereits nach dem heutigen Gesetz könnten öffentliche Verkehrsunternehmen Randalierern oder betrunkenen Passagieren die Mitfahrt verweigern. Darauf verweist das Bundesamt für Verkehr. Damit die SBB Fans von der Mitfahrt ausschliessen können, schon bevor sie randaliert haben, braucht es weitergehende Massnahmen. Die Konferenz der kantonalen Polizeidirektoren (KKJPD) verweist auf ein Konzept, das am runden Tisch zum Thema Gewalt im Sport kürzlich präsentiert wurde.

Fans nur in Cars befördern

Ziel ist es, dass Fans vor allem mit privaten Cars zu den Spielen fahren. Randalieren sie, werden sie kein Carunternehmen finden. «Darin besteht die Chance, die Fans zu disziplinieren», sagt KKJPD-Generalsekretär Roger Schneeberger. Als weiteres Disziplinierungsmittel ist eine Fancard mit Personalien und Foto geplant. Nur wer sich ausweisen kann, erhält ein Kombiticket für die Fahrt zum Spiel und den Zutritt zum Fansektor. Begleitet werden die Fans von klubeigenen Stewards. Nicht ausgeschlossen ist mit diesem Konzept, dass «gute» Fans weiterhin mit Extrazügen fahren.

Die Fancard wird allerdings frühestens in der Saison 2011/12 eingeführt. Zurzeit wird von Absolventen eines Nachdiplomstudiengangs der Universität St. Gallen ein vom Bundesamt für Sport, dem Schweizerischen Fussballverband und der Swiss Football League (SFL) finanziertes Projekt erarbeitet, wie Claudius Schäfer, SFL-Geschäftsleitungsmitglied, sagt. Ende Sommer soll das Projekt präsentiert werden. Zu klären gilt es technische Fragen: etwa ob der Zutritt zum Stadion mit der Fancard über elektronisch gesicherte Drehkreuze kontrolliert werden kann. Entscheidend für die Akzeptanz der Karte werden die Kosten für die Klubs sein.

Klubs sind nicht verantwortlich

Auf Widerstand stösst bei den Klubs und der Fussballliga die Forderung der SBB nach einer Schadenersatzpflicht für beschädigtes Rollmaterial. «Dafür gibt es keine gesetzliche Grundlage», sagt Schäfer. Die Klubs könnten nicht für das Verhalten der Fans im öffentlichen Raum verantwortlich gemacht werden. «Eine solche Schadenersatzpflicht gibt es in keinem Land. Letztlich handelt es sich beim Hooliganismus um ein gesellschaftliches Problem», sagt Schäfer.

Während bei der KKJPD die teilweise Aufhebung der Transportpflicht unterstützt wird, dürfte es die Forderung auf Bundesebene schwerer haben. Max Binder (SVP), Präsident der nationalrätlichen Verkehrskommission, hält einen Ausschluss einzelner Gruppierungen für problematisch. Binder erwartet von den SBB, dass sie künftig in Fanzügen konsequent Bahnpolizei einsetzen. Passagiere, die von der Polizei wegen Gewalttaten aufgegriffen würden, könnten mit einem Fahrverbot belegt werden. «Dass die SBB Randalierer nicht mehr befördern wollen, kann ich verstehen. Das ist im Interesse der Steuer- und der Billettzahler», sagt Binder.

Extrazüge als kleineres Übel

Die kantonalen Sicherheitsdirektoren liessen sich bei einem Besuch in Belgien vom Konzept mit der Fancard und dem Kombiticket überzeugen. Die belgische Fussballszene lasse sich mit jener der Schweiz vergleichen, sagt Schneeberger. Bis in der Schweiz ein solches Konzept umgesetzt ist, dauert es allerdings noch Jahre. Für Schneeberger haben die Klubs aber keine andere Wahl, als mitzumachen. Sonst würden ihnen die Kosten für Polizeieinsätze in Rechnung gestellt. Die gesetzlichen Grundlagen dafür seien vorhanden. Den SBB bleibt vorerst nichts anderes übrig, als weiterhin Extrazüge mit altem Rollmaterial einzusetzen. Denn um jeden Preis verhindern wollen die SBB, dass die Fangruppen reguläre Reisezüge benützen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2010, 21:42 Uhr

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