Die SP und das «System Levrat» – lange ging das gut

Wo ist heute noch Platz für die einstige Arbeiterpartei? Christian Levrat hatte auf diese Frage stets die gleiche Antwort. Damit könnte für die SP nun aber Schluss sein.

Das desaströse Wahlergebnis vom 20. Oktober könnte auch für die Schweizer Sozialdemokratie eine Zäsur markieren: SP-Chef Christian Levrat. Foto: Sebastian Magnani/13 Photo

Das desaströse Wahlergebnis vom 20. Oktober könnte auch für die Schweizer Sozialdemokratie eine Zäsur markieren: SP-Chef Christian Levrat. Foto: Sebastian Magnani/13 Photo

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Die grosse, breite Körperstatur verlieh ihm raumfüllende Autorität, die tiefe, kräftige Stimme hallte stets fast etwas zu aufdringlich in den Gehörgängen nach. Er hat die Partei männlich-dominant geführt, sich ein umfassendes Netzwerk in Beruf und Politik geschaffen, während ihm zu Hause die Ehefrau den Rücken freihielt und die Kinder grosszog.

Die Rede ist vom abtretenden Präsidenten der SP Schweiz, Christian Levrat. Gern erzählt er jeweils, wie er seine Karriere vor langer Zeit bei den Jungfreisinnigen startete – und in der Tat, zum Lebensmodell eines Goldküste-Politikers von ehedem fehlen dem 49-jährigen Freiburger vordergründig nur der Offiziersrang und ein paar Verwaltungsratsmandate.

Tatsächlich steht Levrat einer Partei vor, die sich wie keine zweite gesellschaftlichem Fortschritt, Emanzipation und modernisiertem Rollenverständnis verschrieben hat. Soziologisch gesehen, ist ein SP-Präsident Levrat im Grunde eine Unmöglichkeit. Dass er es trotzdem zwölf Jahre lang blieb, länger als jeder Vorgänger seit Helmut Hubachers Rücktritt 1990 (zur Rangliste der Parteipräsidenten), kann zweierlei zeigen. Dass er vieles richtig gemacht hat. Oder wie unbegehrt und schwierig der Job ist.

Vermutlich trifft beides zu. Für den Chef einer Partei, die normalerweise aus der Minderheitenposition heraus agiert, hat Levrat bemerkenswerte Erfolge vorzuweisen. Die Energiewende, die Reform der Gewinnsteuern, die Abschwächung der Masseneinwanderungsinitiative: Alle diese Durchbrüche wurden massgeblich durch Levrat und seine ihm ergebene Entourage herbeigeführt.

Als Markenverkäufer erreichte er nie dieselben Qualitäten wie als Strippenzieher im Hintergrund.

Doch für den Präsidenten einer SP wird die absterbende europäische Industriegesellschaft ein zunehmend garstiges Umfeld. Vor wenigen Wochen erst hat der Publizist Michael Wolfssohn in der NZZ einen «Nachruf» auf die (deutsche) Sozialdemokratie veröffentlicht: Die Bewegung habe ihre historische Mission verdienstvoll beendet, das Proletariat sei auf friedlichem Wege aufgestiegen, ein gut ausgebauter Sozialstaat sei heute Common Sense. Wo bleiben da also noch Zweck, Aufgabe und politische Nischen für eine einstige Arbeiterpartei?

Levrats Antwort auf diese Frage war stets diejenige eines Schachcomputers: Man antizipiere kommende Konstellationen und stelle sich darauf ein. Konkret hiess dies: Die SP hat sich gesellschaftliche Strömungen wie Gleichberechtigung und Klimaschutz frühzeitig zu eigen zu machen, ohne klassische sozialpolitische Domänen preiszugeben. Das ist ihr lange Zeit nicht schlecht gelungen, im Vergleich mit Schwesterparteien im Ausland hielt sie sich gut.

Das desaströse Wahlergebnis vom 20. Oktober könnte eine Zäsur markieren. Vielleicht war es nur ein konjunktureller Einbruch. Vielleicht aber steht es am Anfang eines längerfristigen Abstiegs. Vielleicht hat auch Stratege Levrat der gesellschaftlichen Umwälzung, die längst den ganzen Kontinent erfasst hat, letztlich wenig entgegenzusetzen. Als Markenverkäufer erreichte er eh nie dieselben Qualitäten wie als Strippenzieher im Hintergrund.

Sein Rücktritt (zum Bericht) habe nichts mit dem Resultat vom 20. Oktober zu tun, beteuert Levrat. Sicher ist ein Abgang nach zwölf Jahren nicht per se auffällig. Heikel ist der Zeitpunkt in jedem Fall. Levrats Nachfolgerin – es wird wohl eine Frau sein – stehen schwierige programmatische und strategische Entscheide bevor (zur Nachfolge-Debatte). Einfach das «System Levrat» fortzuführen, wird nicht gehen.


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Erstellt: 12.11.2019, 13:00 Uhr

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