Die Schweiz bekommt wohl keinen zweiten Nationalpark

Eine wichtige Standortgemeinde im Tessiner Maggiatal stimmt gegen den geplanten Nationalpark. Bundesrat Moritz Leuenberger bedauert den Entscheid

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Entscheid fiel am späten Montagabend deutlich aus: Mit 18 zu 6 Stimmen bei einer Enthaltung stimmte das Gemeindeparlament von Cevio im Maggiatal gegen eine Weiterführung des Nationalparkprojekts im Locarnese. Damit wird es de facto unmöglich, das Gesamtprojekt in seiner bisherigen Form durchzuführen. Denn die Gemeinde Cevio deckt mit 150 Quadratkilometern rund 40 Prozent des angestrebten Nationalparkperimeters ab. Insbesondere gehört das malerische Bavonatal zum Territorium von Cevio.

Dem Votum war in den letzten Wochen eine intensive und teils gehässige Diskussion vorausgegangen, in der Gegner des Projekts keine Gelegenheit ausliessen, gegen den Nationalpark mobilzumachen. Widerstand kam von Ortsbürgern, von Teilen der im Maggiatal starken CVP, von Jägern, Fischern und Rustici-Besitzern. Alle befürchten, dass ein Nationalpark ihre Freiheiten beschneiden könnte. Insbesondere die angeblich zu restriktiven Auflagen für die Kernzonen einen Nationalparks werden als «Diktat aus Bern» erlebt. Dabei ist gerade im oberen Maggiatal die Aversion gegen Autoritäten besonders ausgeprägt.

«Projekt ist nicht gestorben»

Die Projektleitung Nationalpark reagierte mit Enttäuschung auf den Entscheid von Cevio. Umgekehrt verwies man darauf, dass immer noch 10 von ursprünglich 13 Gemeinden aus dem Centovalli, Onsernone- und Maggiatal engagiert mit von der Partei seien. Vor Cevio sind bereits Campo Vallemaggia und Cerentino ausgestiegen. «Das Projekt ist nicht gestorben; wir werden mit diesen 10 Gemeinden weitermachen», gab sich Samantha Bourgoin, Direktorin des Nationalparkprojekts, trotz allem zuversichtlich. Denn der Nationalpark gebe der ganzen Region eine Zukunft. «Wer gegen den Nationalpark arbeitet, hat nicht das Gesamtwohl der Bevölkerung im Auge», sagte die Projektleiterin.

Seit Jahren versucht Bourgoin mit unermüdlichem Eifer, das Locarnese für den Nationalpark zu begeistern und die Einwände der Gegner zu entkräften. Dabei kann sie darauf verweisen, dass die Jagd schon heute in gewissen Gebieten untersagt ist. Ausserdem ist der Bund in der Pärkeverordnung den lokalen Gegebenheiten im Tessin sehr entgegengekommen. So können beispielsweise Rustici – zu Ferienhäusern umgebaute Ställe – in der Kernzone bestehen bleiben. Und die Kernzone von 75 Quadratkilometern, in der sich die Natur frei entwickeln soll, muss keine zusammenhängende Einheit sein, sondern kann sich aus diversen Gebieten zusammensetzen, wenn die genannte Mindestfläche um mindestens 10 Prozent überschritten wird. Genau dies hatte man im Locarnese mit mehreren Kernzonen geplant.

Touristischer Mehrwert

Der Nationalpark im Locarnese war das landesweit bisher aussichtsreichste und fortgeschrittenste Projekt. Im März hatte das Bundesamt für Umwelt (Bafu) mitgeteilt, dass das Gesuch für die Errichtung des ersten neuen Nationalparks durch die Region Locarnese vollständig sei und geprüft werden könne.

Bundesrat und Umweltminister Moritz Leuenberger bedauerte gestern den Entscheid Cevios. Ein Parklabel sei von grosser Bedeutung für den touristischen Mehrwert und somit für die Zukunft bestimmter Berggebiete. Andrerseits könne die Bevölkerung nicht dazu gezwungen werden, einen Nationalpark zu verwirklichen.

Nur noch ein Projekt

Die Idee, neben dem bestehenden Schweizer Nationalpark in Graubünden einen zweiten Nationalpark zu schaffen, war im Frühling 2000 von Pro Natura lanciert worden. Diesem Nationalpark winkt eine Starthilfe von 1 Million Franken. Neben der Region Locarnese und Vallemaggia TI laufen auch Planungen für einen neuen Nationalpark Adula im Grenzgebiet zwischen dem Tessin und Graubünden. Alle anderen Regionen in der Schweiz haben ihre Nationalpark -Ambitionen zugunsten von Regionalen Naturparks oder Naturerlebnisparks aufgegeben. (Der Bund)

Erstellt: 06.05.2009, 08:55 Uhr

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...