Die Schweiz, der abhängige Sonderfall

Die Schweiz braucht eine zeitgemässe Erzählung. Eine, die davon berichtet, wie die Schweiz zum Sonderfall wurde, weil es das Ausland so wollte.

Mythen wie Morgarten hinterlassen häufig tiefere Spuren als das, was wirklich geschah: Die Gruppe «Alte Schwyzer» am Jahrestag der Schlacht von Morgarten.

Mythen wie Morgarten hinterlassen häufig tiefere Spuren als das, was wirklich geschah: Die Gruppe «Alte Schwyzer» am Jahrestag der Schlacht von Morgarten. Bild: Keystone

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Man glaubt, das Kriegsgebrüll noch zu hören, das Stöhnen der Sterbenden, das metallisch-kratzende Geräusch, wenn Langspiesse gegen Rüstungen stossen. Die Abbildungen in alten Schulbüchern haben sich Generationen von Schweizern eingeprägt – Marignano, wo die Eidgenossen 1515 gegen die Franzosen verloren, ist ein nationaler Mythenort, umrankt von einer saftigen Story: Auf dem blutgetränkten Schlachtfeld in Norditalien seien die Eidgenossen von Grossmachtfantasien kuriert worden und hätten das Heil fortan im Abseitsstehen gesucht. Auch Morgarten, wo eine Horde Innerschweizer 1315 österreichische Ritter besiegte, ist ein Juwel im Geschichtenschatz: Unerschrockene Eidgenossen erstrahlen im Freiheitsdrang.

Nun gedenken wir also im laufenden Superjubiläumsjahr der beiden Schlachten – und tun dies, wie es zur Schweiz passt: verkrampft. Der SVP wird vorgeworfen, dass sie es locker nimmt mit historischen Fakten und das Doppeljubiläum für ihre Zwecke nutzt. Die SVP-Lesart: Strikt neutral, radikal freiheitsliebend und störrisch unabhängig – so war die Schweiz, so muss sie bleiben. Erbost darüber, will die SP nicht über alte Schlachten reden, sondern das Kriegsende von 1945 feiern, um ebenso einseitig die Verbundenheit mit der Welt zu betonen.

Manchmal helfen Mythen

Marignano war nicht der Ursprung unserer Neutralität. Schweizer Regimente kämpften auch später auf ausländischen Schlachtplätzen – im Dienst anderer Herren statt im eidgenössischen Verbund. Zur aussenpolitischen Zurückhaltung zwangen im 17. Jahrhundert die Glaubensgegensätze: Wären die konfessionell gespaltenen Kantone in die europäischen Kriege gezogen, hätten Eidgenossen gegen Eidgenossen gekämpft. Und Morgarten? Was dort geschah, bleibt im Nebel. Der Anfang eines antihabsburgischen Freiheitsbündnisses war es nicht: Die Zürcher waren noch ein Jahrhundert später zeitweise mit den Österreichern liiert.

Doch Geschichte besteht nicht nur aus realen Ereignissen. Die Bedeutung, die den Ereignissen im Nachhinein zugewiesen wird, zählt ebenso. Mythen wie Marignano und Morgarten hinterlassen häufig tiefere Spuren als das, was wirklich geschah – und können hilfreich sein. Der Bundesstaat von 1848, aus dem Bürgerkrieg zwischen Reformierten und Katholiken geboren, brauchte nationalen Kitt und fand ihn im Rütli-Mythos. In den zwei Weltkriegen war der Bedarf an einigenden Geschichten wieder gross, das alteidgenössische Sagenreservoir wurde erneut angezapft. Spätestens als der Zweite Weltkrieg heil überstanden war, teilten die meisten Schweizer das Gefühl, ein Sonderfall zu sein.

Es braucht eine neue Erzählung

Den Schweizern das Sonderfalldenken austreiben zu wollen, ist Unsinn. Was unser Land heute braucht, ist zwar kein neuer Mythos, aber eine zeitgemässe, orientierungsstiftende Erzählung. Eine, die davon berichtet, wie die Schweiz zum Sonderfall wurde, weil es das Ausland so wollte.

  • Das spätmittelalterliche Bündnis der Eidgenossen hat – anders als ähnliche Zusammenschlüsse – überlebt. Aber nur, weil die Eidgenossen mit allen Grossmächten über Allianzen verbunden waren, alle mit Söldnern belieferten und fremde Truppen durchmarschieren liessen. Die Verflechtung führte zeitweise zum faktischen Protektorat. Im 17. Jahrhundert musste der französische Botschafter beschwichtigend eingreifen, damit die Eidgenossen einander nicht die Köpfe einschlugen.
  • Seit 1815 ist unsere immerwährende, bewaffnete Neutralität anerkannt. Aber nur, weil die Grossmächte nach den bösen Erfahrungen mit Napoleon sicherstellen wollten, dass nie mehr eine einzelne Macht den strategisch wichtigen Raum kontrolliert.
  • Die Schweiz, wie wir sie heute kennen, ist ausländischem Druck zu verdanken. Unter Napoleon wurden Aargau, Waadt, Thurgau, St. Gallen und Tessin als vollwertige Mitglieder aufgenommen. 1813 wollten die reaktionären Kräfte mit Bern an der Spitze diese Gebiete wieder zu Untertanen machen. Dass es nicht so weit kam und 1815 noch Neuenburg, Genf und Wallis dazustiessen, obwohl viele Deutschschweizer dagegen waren, erzwangen die Grossmächte.

Wie die Schweiz heute ihre Interessen am besten wahrnimmt, lässt sich daraus nicht ableiten. Aber eine Erzählung, die weder Schweizer Eigenheiten noch die Abhängigkeit von Europa ausblendet, schützt vor nationalem Übermut – und schärft den Sinn fürs Realistische.

Erstellt: 23.01.2015, 22:54 Uhr

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