Analyse

Die Schweiz im Blocher-Krampf

Was Christoph Blocher sagt, kann nicht stimmen. So denken viele. Im Fall Hildebrand hatte das bizarre Folgen. Eine Analyse

Seine polarisierende Art erschwert die unvoreingenommene Analyse seiner Taten: Christoph Blocher.

Seine polarisierende Art erschwert die unvoreingenommene Analyse seiner Taten: Christoph Blocher. Bild: Keystone

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Es lohnt sich, im Fall Hildebrand noch einmal genau hinzuschauen. Zum einen fällt auf, wie hysterisch die Debatte über die privaten Devisengeschäfte des Notenbankchefs abgelaufen ist. Zum anderen verblüfft, wie weite Teile des Publikums in diesem Drama die Rollen verteilten: Hildebrand blieb für viele bis zuletzt der Gute, Blocher war von Anfang an der Böse.

Nehmen wir einmal an, der IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin wäre SP-Mitglied gewesen und hätte die Kontoauszüge zu den Dollarkäufen des Ehepaars Hildebrand an SP-Anwalt Daniel Jositsch weitergereicht. Dieser wäre zu Parteipräsident Christian Levrat gegangen. Und der SP-Chef hätte sich besorgt an die damalige sozialdemokratische Bundespräsidentin Calmy-Rey gewandt. Wetten, dass Politiker, Medien und Publikum anders reagiert hätten?

Der Kopfjäger

Philipp Hildebrands hervorragende Verdienste als Notenbankchef wären auch so gewürdigt worden. Aber man hätte gleichzeitig klar gesagt: Es geht nicht, dass der Notenbankchef und seine Frau Devisen- und Wertpapiertransaktionen tätigen. Denn dadurch hängt ewig der Eindruck von Interessenkonflikten im Raum. Man hätte auch das Naheliegendste erkannt: Ein Zentralbanker mit Fingerspitzengefühl würde sein Geld und das seiner Frau einem Vermögensverwalter anvertrauen und sich Ende Jahr mit einem Kontoauszug begnügen.

Ob also Hildebrand selber oder seine Frau den Dollarkauf veranlasst hat, spielte keine entscheidende Rolle. Der IT-Mitarbeiter schliesslich, der die belastenden Dokumente fotografiert hat, wäre wahrscheinlich als unerschrockener Held gefeiert worden wie seinerzeit in der Holocaust-Affäre der UBS-Wachmann Christoph Meili, der Akten vor dem Schredder rettete.

Doch die Angreifer Hildebrands waren SVP-Protagonisten: der Sarasin-Mitarbeiter, der involvierte Anwalt, Blocher und letztlich auch die «Weltwoche». Und so hiess es vielerorts empört: Blocher hat das Bankgeheimnis verletzt. Blocher ist ein Kopfjäger. Blocher macht unsere Institutionen kaputt. Wer von Anfang an Hildebrands Verhalten rügte, war ein Blocher-Fan. Völlig auf Blocher fixiert, ignorierten viele sogar die neue E-Mail und Aktennotiz, worin der Kundenberater Hildebrands festhielt, dieser habe die Dollarkäufe seiner Frau pauschal abgesegnet.

Die anfängliche Skepsis gegenüber den Vorwürfen an die Adresse Hildebrands war verständlich. Blocher versuchte schon öfters mit fiesen Tricks, den Notenbankchef auszuschalten – auch, weil dieser für eine stärkere Regulierung der Grossbanken kämpfte. Als der Fall aber klare Konturen bekam, vernebelte die Aversion gegen Blocher den Blick auf das Wesentliche.

Ein Kult in zwei Varianten

Die politische Diskussion in der Schweiz leidet an einem positiven und einem negativen Blocher-Kult. In der positiven Variante, die Blocher und seine Fans pflegen, ist der Mann aus Herrliberg der Einzige, der weiss, was gut ist für das Land. In der negativen Variante seiner feurigsten Gegner ist Blocher an allem schuld, was schiefläuft in der Schweiz.

Beides ist schädlich, weil so die politische Auseinandersetzung zum dümmlichen Spiel nach dem Motto «Der Feind meines Feindes ist mein Freund» verkommt. Hildebrand wurde dadurch für die einen zur Lichtgestalt im Kampf für eine bessere Schweiz (ohne SVP, ohne gierige Banker), während die anderen den Notenbankchef zum «Gauner» machten und in ihm eine Gelegenheit sahen, BDP-Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf zu schaden.

Kein Politiker wie jeder andere

Mit seinem Geld, seinem Beziehungsnetz und seiner Listigkeit ist Blocher kein Politiker wie jeder andere. Ihm wird Einfluss und Macht in einem Ausmass zugeschrieben, wie er sie zum Glück nicht hat. Nach seiner Abwahl als Bundesrat durfte man hoffen, der Blocher-Krampf löse sich bald. Der Fall Hildebrand zeigt das Gegenteil.

Erstellt: 14.01.2012, 07:52 Uhr

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