«Die Schweiz ist ein Land der Parallelwelten»

Mit Hans-Jürgen Maurus ging Ende Oktober der dienstälteste Auslandskorrespondent der ARD in Pension. Zuletzt hatte er aus der Schweiz berichtet, deren Widersprüchlichkeit er liebt.

«Die deutschen Zuwanderer waren vor allem in Zürich ein Thema», sagt Hans-Jürgen Maurus. Foto: Urs Jaudas

«Die deutschen Zuwanderer waren vor allem in Zürich ein Thema», sagt Hans-Jürgen Maurus. Foto: Urs Jaudas

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Für die ARD berichteten Sie aus Südostasien, Johannesburg, Kairo, Washington, Berlin. Zuletzt waren Sie fünf Jahre Korrespondent in der Schweiz. War dies das nette Abstellgleis kurz vor der Pensionierung?
Überhaupt nicht. Ich habe mich bewusst um diese Stelle beworben.

Warum? Ist die Schweiz aus ­deutscher Sicht ein Sehnsuchtsland?
Man hat in Deutschland ein sehr zwiespältiges Bild von der Schweiz. Oder eher ein fünfspältiges.

Aufzählen, bitte!
Da ist erstens das klischeehafte Bild von den Alphörnern, Kühen, Heidi und Schoggi. Zweitens: das hässliche Bild von Steuerhinterziehern, Schwarzgeld, Geldwäschern. Drittens das Bild der internationalen Schweiz, mit der UNO und all den Stars, die hier wohnen. Viertens die Schweiz als Kulturland mit mondänen Veranstaltungen wie dem Montreux Jazz Festival. Und fünftens das politische Bild der Schweiz.

Wie sieht das politische Bild aus?
Es zeigt eine Schweiz, die sich einbunkert: Sie schützt das Bankgeheimnis, bei der Zuwanderung errichtet sie Hürden. Das geht so weit, dass man mich nach der Masseneinwanderungsinitiative ­gelegentlich fragte: Warum ist die Schweiz so ausländerfeindlich?

Was haben Sie geantwortet?
Dass die Schweiz überhaupt nicht ausländerfeindlich sei. Man muss bloss die Zahlen anschauen: Lange kamen 80'000 Zuwanderer pro Jahr. Man rechne das auf Deutschland um: Bei 80 Millionen Einwohnern würde das 800'000 Zuwanderern pro Jahr entsprechen. Ich kann mich an eine Sendung erinnern, in der ich mich aus dem Fenster gelehnt habe und sagte: Ich möchte nicht wissen, wenn wir in Deutschland einmal 800'000 hätten, welche Debatten wir dann führen würden.

Mit den Flüchtlingen ist das jetzt in ­Deutschland Tatsache.
Genau so ist es gekommen, ja. Wir haben 1,5 Millionen Flüchtlinge, und alle sprechen über Zuwanderung. Das Ganze hat sich in der Schweiz schon viel früher abgespielt. So versuchte ich, Vorurteile zu korrigieren und die Schweizer Position zu erklären. Ich wollte das Land in seinem Eigenverständnis porträtieren. Dazu gehörte auch ein Interview mit Christoph Blocher.

Ist die Imagekorrektur gelungen?
Schwierig zu sagen. Die Massenzuwanderungsinitiative hat der Schweiz imagemässig sicher geschadet. Dazu kam die latente Deutschenfeindlichkeit, die in der Debatte über die Personenfreizügigkeit ­immer wieder durchdrückte. Die deutsche Boulevardpresse stürzte sich darauf, indem sie zum Beispiel über jenen Deutschen berichtete, der eine Selbsthilfegruppe gründete, weil er sich so schlecht von den Schweizern behandelt fühlte. Ich habe auch da dagegengehalten.

Wie?
Indem ich relativierte. Es gibt sehr viele Deutsche in der Schweiz, die keine Selbsthilfegruppe brauchen, denen es sehr gut gefällt hier. Mir zum Beispiel. Dazu habe ich die «Es gibt zu viele Deutsche»-Debatte lokal eingegrenzt. Letztlich war sie ein Zürcher Thema. In Basel kam sie nicht auf, obwohl die Stadt näher an der Grenze liegt. In Bern, St. Gallen, Genf oder Lugano sprach man ebenso wenig darüber. Ausserdem finde ich eine gewisse Kritik an den Deutschen durchaus nachvollziehbar.

Zum Beispiel?
Viele Deutsche hier besetzen Top-Positionen. Schweizer Mitarbeiter erleben dann einen Chef, der Schweizer Befindlichkeiten nicht kennt. Da kann es zu Missverständnissen und Ärger kommen.

Dann berichteten Sie vor allem über die ­Verständnisprobleme der beiden Nachbarn?
Überhaupt nicht. Oft ging es um die grossen, globalen Themen.

Wie das?
In der Schweiz spielt sich viel Weltpolitik ab, was viele Schweizer gar nicht so sehr wahrzunehmen und zu würdigen scheinen. Nehmen wir Genf: Am UNO-Sitz treffen sich Spitzenpolitiker, die Weltprobleme kommen auf den Tisch. Genf ist für mich ­übrigens auch die Stadt der Parallelwelten.

Das müssen Sie erklären.
Nehmen Sie die Auktionshäuser, die unglaubliche Summen umsetzen. In Genf wurde der «Blue Moon» versteigert, ein Diamant, der über 50 Millionen Franken erzielte. Der Einstiegspreis betrug 30 Millionen. Man sitzt also im Hotel Beau-Rivage und schaut zu, wie der Preis eines Steins in Ein-Millionen-Schritten nach oben geht. Einen Kilometer Luftlinie entfernt im Palais des Nations beklagt die Unicef, dass man nicht mehr genug Geld hat und die Rationen für Flüchtlinge im Libanon kürzen muss. Da prallen gegensätzliche Welten auf engstem Raum aufeinander. So krass wie in Genf habe ich das nirgends empfunden.

In keiner der ganz grossen Städte der Welt?
In dieser unmittelbaren Form nicht. Nicht in London, nicht in Washington und nicht einmal im UNO-Hauptquartier in New York.

Ist Genf also so etwas wie das Zentrum der ­Parallelwelten?
Die gibt es überall in der Schweiz. Etwa die Banken in Zürich. Die haben weltweiten Einfluss, das habe ich schon als London-Korrespondent Anfang der 90er-Jahre gemerkt. Dann gibt es die Fifa. Weiter sind da die ganz grossen Stars, die für kulturelle Events in die Schweiz reisen oder hier wohnen.

Wie ist Ihnen das aufgefallen?
St. Moritz ist ein gutes Beispiel. Das Quartier am Suvretta-Hügel ist eine Gated Community, wo man nur mit Erlaubnis des Sicherheitsdienstes hineinkommt. Dort verkehrt eine internationale Elite, die Villen für 130 Millionen Franken bewohnt. Auch an anderen Orten in der Schweiz leben russische Oligarchen, griechische Reeder, Popstars wie Tina Turner oder Phil Collins.

Von denen bemerkt man als ­durchschnittlicher Schweizer wenig.
Dennoch leben sie aus einem ganz bestimmten Grund bei euch: Morgan Freeman kurvte während des Zurich Film Festival mit dem Motorrad durch Zürich, andere Filmstars steigen aufs Fahrrad – die werden nicht behelligt. Die Schweizer sehen die Stars und erkennen sie durchaus – aber sie sprechen sie nicht an. Das wird geschätzt. Es gibt hier eine alte Qualität, die in vielen anderen Ländern verloren gegangen ist: Diskretion.

Sie haben die Schweiz also als einen Ort ­dargestellt, wo sich die Reichen und Schönen entspannen können?
Nicht nur. Ich bin auch immer wieder hinausgefahren, um schöne, regionale Geschichten auszugraben. Über das Jubiläum anlässlich der Erstbesteigung des Matterhorns habe ich ausführlich berichtet. In Zermatt gibt es ja noch richtige Helden.

Was ist ein richtiger Held?
Wir haben den Gründer der Air Zermatt getroffen und die Bergführer. Das sind Leute, die ihr Leben riskieren, um andere zu retten.

Sie haben sich auch um den ­Schwingerkönig gekümmert. Wie soll das in Deutschland interessieren, wenn das Schwingen selbst vielen Schweizern gleichgültig ist?
In Deutschland wissen nur wenige, was Schwingen ist – oder noch extremer Hornussen. Das muss man dann halt verkaufen. Ich sagte: Das ist der einzige Event, an dem die Schweiz zur Monarchie wird: durch die Krönung des Schwingerkönigs.

Und diese Folklore kam gut an?
Auf jeden Fall. Da geht es um ein Stück echte Schweizer Kultur. Leidenschaft pur. Auch die Kampfkühe im Wallis gehören dazu. Ich wurde einmal gefragt: Gibt es eine Schweizer Seele? Ich habe die Frage dann an Schweizer weitergereicht. Die fanden keine eindeutige Antwort.

Wie würden Sie heute antworten?
Ich habe ein wenig von der Schweizer Seele gespürt, als ich vor dem Eidgenössischen Jodlerfest auf einem Bauernhof in Horgen ein paar Alphornbläser traf. Fünf junge Leute haben sich da auf die Wiese gestellt, man hatte einen wunderbaren Blick über den Zürichsee. Dann begannen die zu spielen. Ich habe bloss aufgenommen . . .

Und das hat Ihnen gefallen?
Das war für mich ein sehr emotionaler Moment. Ein Moment, in dem man sah: Aus dem Kleinen kann etwas Grosses erwachsen. Wie man das Grosse dann definiert, ist etwas ganz anderes.

Wie hat sich Ihr Schweizbild in den letzten fünf Jahren verändert?In alle Länder, in denen ich als Korrespondent arbeiten durfte, bin ich ohne Erwartung oder vorgefasste Meinung hingereist: Jedes Land war für mich, abgesehen vom historischen Kontext, ein weisses Blatt, ich habe Mund, Nase und Ohren aufgesperrt und versucht, möglichst viele Insider anzuzapfen. Zu häufig geht man mit Klischeevorstellungen in ein Land.
Welche Begegnungen sind Ihnen geblieben?
In Bern war ich an einen Empfang eingeladen, kam zu früh, stand an der Treppe; plötzlich kam Bundesrat Burkhalter herauf und begrüsste mich, als würde er mich kennen. Wir haben dann ein nettes, völlig ungezwungenes Gespräch geführt. Das wäre mir in Berlin wohl nie passiert.

Typisch schweizerisch?
An Schweizer Politiker kommt man gut heran. Mit Ueli Maurer führte ich auf dem Gotthard auf dem Rücksitz eines Kleinbusses ein lockeres Gespräch und zeichnete ein Interview auf. In Deutschland ist eine solche Ungezwungenheit und Unverkrampftheit nur selten anzutreffen.Hiesige Journalisten klagen über das Gleiche in der Schweiz.

Vielleicht wird man als Auslandsjournalist vorteilhafter behandelt. In Berlin habe ich etwas Ähnliches erlebt. Ich war mit Ex-Aussenminister Joschka Fischer im Flugzeug. Der holte den Korrespondenten von der «New York Times» nach vorne und gab ihm ein Exklusivinterview. Die deutschen Journalisten wurden mit einem Communiqué abgespeist.

Was werden Sie vermissen an der Schweiz?
Ob ich nach Deutschland zurückgehe, weiss ich noch gar nicht. Ich lebe in Zürich. Ich mag die Stadt und das Land rundherum, wo sich die Leute Grüezi sagen. Hier spüre ich eine natürliche Freundlichkeit, Naivität, im positiven Sinne von Natürlichkeit und Charme. Hier zählen noch Werte wie Respekt, Diskretion und Bescheidenheit. Darauf könnten die Schweizer stolz sein.

Das tönt beinahe vorwurfsvoll.
Mir ist die Schweizer Regierung viel zu bescheiden. Wenn man mich fragt, was die Schweiz von Deutschland lernen könnte, sage ich: gar nichts. Der Regierung würde ich aber mehr Selbstbewusstsein wünschen, dass sie etwas aggressiver – ich weiss, ein sehr unschweizerisches Wort –, deutlicher, forscher, gezielter und mit mehr Druck vorgeht, um die eigenen Interessen zu wahren.

Zum Beispiel?
Über den Steuerkrieg mit den USA habe ich oft berichtet. Dabei hatte ich das Gefühl, dass die Schweiz zu leicht nachgegeben hat, zu wenig mit eigenen Karten spielte. Dabei hatte die Schweiz einiges in der Hand: Der brisante Fall Tinner zum Beispiel, da sind die Schweizer den Amerikanern extrem entgegengekommen, dafür kann man eine Gegenleistung erwarten. Auch die diplomatische Vertretung im Iran war eine extrem heikle und wichtige Mission. Die Schweiz hätte es also verdient, als gleichwertiger Partner behandelt zu werden.

Erstellt: 11.11.2016, 18:54 Uhr

Hans-Jürgen Maurus

Radiojournalist

Hans-Jürgen Maurus (geb. 1951) studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Anglistik. Seit 1978 arbeitete er beim Radio, ab 1986 war er bei der ARD fest angestellt. Der «Veteran unter den Auslandskorrespondenten» (ARD) war in Asien, Afrika, Amerika und Europa stationiert.

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