Die Schweiz ist kein eigener Planet

Unser Land ist mittendrin in einer unangenehmen Wirklichkeit. Wenn wir diese weiter durch Abschottung zu verändern versuchen, wird auch 2016 ein schlechtes Jahr.

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2015 war kein gutes Jahr. Zugegeben, im Sommer hatten wir schönes Wetter, aber sonst? Kein gutes Jahr.

Ich rede hier weder vom Dichte­stress noch vom Asylchaos. Auch nicht von all den anderen eidgenössischen Pseudoproblemen, die zwar nicht wirklich existieren, mit denen sich aber in politischen Auseinandersetzungen so trefflich streiten lässt. Ich rede von jenen Geschehnissen, die selbst Berufsoptimisten die rosarote Brille beschlagen lassen.

2015 war kein gutes Jahr, weil es der Welt rund um uns herum nicht gut ging. Und wenn die Welt die Grippe hat, kommt auch die Schweiz um eine Erkältung nicht herum. Auch wenn sich mit dem Versprechen «Wir müssen uns nur genügend abschotten, dann betrifft uns das alles nicht» so gut Wählerstimmen fischen lassen.

Es betrifft uns.

Der amerikanische Aussenminister John Kerry hat es so formuliert: «Weil unsere Welt so aussergewöhnlich verknüpft ist – ökonomisch, technologisch, militärisch, auf jede Art, die man sich nur vorstellen kann –, kann jede Instabilität irgendwo zu einer Gefahr für die Stabilität überall werden.»

Mit anderen Worten: Auch die Insel der Glückseligen bleibt bei Hochwasser nicht trocken.

Interessante Zeiten

Wir leben nun mal im Zentrum eines Kontinents, der zum Ziel einer Flüchtlingswelle geworden ist, wie man sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gesehen hat. Wir sind nun mal Teil einer Völkergemeinschaft, deren Traum vom «Ende der Geschichte» sich nicht bewahrheitet hat. Wir sind nun mal Bürger einer Welt, in der eine Verbrecherbande ihren eigenen «Staat» gegründet hat und behauptet, mit Mord, Entführung und Vergewaltigung den Willen Gottes zu tun. Wir leben nun mal, ob es uns passt oder nicht, in interessanten Zeiten.

In China, so wird behauptet, soll das der schlimmste Fluch sein: «Mögest du in interessanten Zeiten leben!» Ob die Legende hinter dem Satz stimmt oder nicht – etwas steht fest: Interessante Zeiten sind nie gut für die Menschen, die in ihnen leben müssen. Zumindest was die grossen geschichtlichen Entwicklungen anbelangt, ist Langeweile ein äusserst erstrebenswerter Zustand.

Nur regiert sie leider nie auf Dauer. Wir Schweizer haben in dieser Hinsicht lange Zeit Glück gehabt, so lange, dass wir unterdessen schon der Ansicht sind, einen selbstverständlichen ­Anspruch auf diese bevorzugte Behandlung durch das Schicksal zu haben. Verwöhnt durch mehr als ein halbes Jahrhundert, in dem es fast immer nur aufwärts zu gehen schien, sind wir nicht mehr darauf vorbereitet, mit bewegten Zeiten umzugehen. Die angenehme Gleichförmigkeit, die unser Staats­system schon so lange prägt, hat ihre einlullende Wirkung getan. Ein zweiter Bundesratssitz für die SVP sorgt für so viel Aufregung, als ob gerade eine Revolution ausgebrochen wäre, und wenn die SBB einmal drei Minuten Verspätung haben, sagt unter den Wartenden auf dem Perron bestimmt früher oder später jemand: «Ja, wo sind wir denn?»

Ja, wo sind wir?

Mittendrin.

Auch wenn viele das nicht wahr­haben wollen und sich gern auf einen eidgenössischen Sonderfall berufen, für den andere Regeln gelten als für den Rest der Welt. Auch wenn viele meinen, ein Mangel an mitmenschlicher Solidarität werde zur lobenswerten Eigenschaft, wenn man ihn

als Patriotismus verkleidet. Auch wenn viele glauben, man könne in einer Volksabstimmung beschliessen, in welche Richtung sich die Erde zu drehen habe.

Flüchtlinge im Raumschiff

Und so bekämpfen wir denn den mörderischen Islamismus, indem wir uns ein Minarettverbot in die Verfassung schreiben. Die Abstimmung über ein genauso sinnloses Burkaverbot steht uns schon ins Haus. Und irgendwann werden wir wohl über eine Initiative ­abstimmen müssen, die den Asylartikel der Bundesverfassung faktisch abschaffen will. «Wir nehmen gern Flüchtlinge auf, aber nur, wenn sie mit dem Flugzeug einreisen.» Pech für die andern, dass unser Land nicht am Meer liegt. Es ist eben verlockend, die unangenehme Wirklichkeit mit einem «Buebetrickli» verändern zu wollen.

Weil die Wirklichkeit ja so blöd ist, dass sie bestimmt darauf reinfällt.

(Ich würde übrigens vorschlagen, im Initiativtext «Flugzeug» durch «Raumschiff» zu ersetzen. Das ist bestimmt noch wirksamer.)

Nein, ich befürchte, 2016 wird auch kein besseres Jahr werden. Wir werden schon selber dafür sorgen. Uns stehen an der Urne ein paar Entscheidungen bevor, für deren Ausgang ich nicht sehr optimistisch bin. Am 28.Februar geht es mit der sogenannten Durchsetzungsinitiative los, die – natürlich geschickter formuliert – die europäische Menschenrechtskonvention für die Schweiz teilweise ausser Kraft setzen will. Wo das Abschaffen von Menschenrechten doch bisher ein Vorrecht diktatorisch regierter Staaten war. Die Türkei unter Erdogan, Ungarn unter Orban und, wenn es so weitergeht, vielleicht irgendwann Frankreich unter Marine Le Pen – es ist wahrlich keine Nachbarschaft, auf die wir stolz sein können.

Vogel-Strauss-Prinzip

Aber man hat uns nun schon so viele Jahre die immer gleichen Melodien vorgesungen, das Lied von den schwarzen Schafen und die Ballade von den schlitzenden Kosovaren, dass unterdessen immer mehr sonst ganz vernünftige Leute den Refrain mitsummen: Wir müssen nur sagen, dass wir nicht mitspielen wollen, dann sind wir auf jeden Fall fein raus. Es ist das Vogel-Strauss-Prinzip, das schon auf dem Schulhof nicht funktioniert hat, genauso wenig wie das Gebet, Sankt Florian möge doch bitte immer nur andere Häuser anzünden.

Am Ende dieses Jahres brennt es in vielen Teilen der Welt lichterloh. Wir Schweizer werden die Flammen nicht löschen können. Wahrscheinlich wird das niemandem so bald gelingen, schon gar nicht mit «friedenserzwingenden Kriegsmassnahmen». (Eine perverse Formulierung, und ich habe sie leider ausgerechnet in dieser Zeitung gelesen.)

Aber wir können, im Geist unserer Traditionen und unserer Verfassung, mehr für die Opfer dieser Brände tun. Bedeutend mehr. Weil Globalisierung nicht nur Waren betrifft, sondern auch Menschen. Selbst wenn sie kein Schweizerdeutsch verstehen und – ­horribile dictu! – noch nicht einmal wissen, was eine Cumulus-Karte ist. Selbst wenn sie nicht per Raumschiff bei uns gelandet sind.

Die Schweiz ist kein eigener Planet. Wenn wir das nicht bald einsehen, wird auch 2017 kein gutes Jahr werden.

Erstellt: 31.12.2015, 07:15 Uhr

Charles Lewinsky ist Schriftsteller und Drehbuchautor.

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