Interview

«Die Schweiz ist keine Insel mehr»

Schweizer Gerichte haben 2012 mehr Urteile gesprochen als je zuvor. Der Berner Strafrechtsprofessor Jonas Weber deutet die neusten Zahlen – und sagt, was das mit Kriminaltouristen zu tun hat.

Mehr Straftaten: Polizeiaspiranten versuchen sich anlässlich einer Übung als Einbrecher. (Archiv)

Mehr Straftaten: Polizeiaspiranten versuchen sich anlässlich einer Übung als Einbrecher. (Archiv) Bild: Keystone

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Herr Weber, die heute veröffentlichte Statistik des Bundes zeigt, dass die Schweizer Gerichte 2012 fast zehn Prozent mehr Urteile gesprochen haben als im Vorjahr. Damit ist ein neuer Höchststand erreicht. Woher kommt das?
Das hat vermutlich mindestens zwei Gründe. Zum einen haben gewisse Straftaten wie etwa der Diebstahl tatsächlich zugenommen. Zum anderen haben Gerichte und Staatsanwaltschaften 2012 wohl auch Pendenzen abgebaut, die 2011 durch die Einführung der neuen Strafprozessordnung entstanden sind. Aus der Urteilsstatistik geht ja nur hervor, dass die Fälle 2012 abgeschlossen wurden. Wann die Taten begangen wurden, wissen wir nicht.

Dennoch stellt sich die Frage: Wird die Schweiz immer krimineller?
Wenn wir die Zahlen differenziert betrachten, können wir zum Beispiel sagen: Es gibt sehr viel mehr Diebstähle als noch vor einigen Jahren. In diesem Bereich ist die Schweiz sicher krimineller geworden. Wir nähern uns den Zahlen im benachbarten Ausland an. Die Schweiz ist keine Insel mehr.

Das legt die Vermutung nahe, dass der so genannte Kriminaltourismus die Ursache für die Entwicklung ist.
Das sehe ich auch so, im Bereich des Diebstahls jedenfalls. Auffallend ist, dass es sich um keine schwerwiegenden Delikte handelt, sondern wohl vor allem um einfache Taschen- und Ladendiebstähle. Das ist eine Folge der gestiegenen Mobilität: Es ist heute einfacher, in die Schweiz zu kommen und mit illegalen Aktivitäten Geld zu verdienen. Es gilt jedoch hervorzuheben, dass das keine eigentlichen Migranten sind – sondern eben Kriminaltouristen, die zwei Wochen lang auf Diebestour gehen und dann weiterziehen. Eine einfache Art für diese Leute, zu einem Einkommen zu kommen, das sie bei sich zu Hause nie erzielen könnten.

Ein weiterer Treiber für den Anstieg der Verurteilungen sind Straftaten gegen das Ausländergesetz.
Ein weiterer Hinweis darauf, dass der Kriminaltourismus zunimmt. Wird ein Dieb ohne Aufenthaltsrecht festgenommen, bekommt er meist auch eine Anzeige wegen Verstosses gegen das Ausländergesetz. Hier sind die Behörden in der Regel äusserst streng. Zudem wurde das Gesetz verschärft. Vieles was früher eine Übertretung war und ergo in dieser Statistik nicht erfasst wurde, wird heute als Vergehen registriert.

Eine starke Zunahme wird bei den Vermögensdelikten verzeichnet. Heisst das einfach, dass mehr Diebe aktiv sind?
Die Zunahme in der Urteilsstatistik beträgt 20 Prozent, die Zahl der zur Anzeige gebrachten Delikte ist gemäss Polizeistatistik aber nur um etwa zehn Prozent gestiegen. Auch hier vermute ich, dass Pendenzen abgearbeitet wurden.

Noch stärker ist die Zahl der Verurteilungen wegen Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz gestiegen. Haben wir heute in der Schweiz mehr Drogendealer? Oder mehr Konsum? Oder geht die Polizei härter vor?
Ich habe nicht den Eindruck, dass die Polizei härter vorgeht. Die erfassten Zahlen beinhalten Verbrechen und Vergehen, es muss also um den Handel gehen. Drogenkonsum ist in der Regel eine Übertretung und taucht in dieser Statistik nicht auf.

Bei der versuchten schweren Körperverletzung wird ebenfalls ein Anstieg verzeichnet. Das BFS spricht von einem Langzeittrend und verändertem Anzeigeverhalten. Was heisst das?Eine versuchte Körperverletzung kann etwa ein riskantes Überholmanöver mit dem Auto sein. Auch wenn nichts passiert, betrachtet man das als gefährlich. Der Umgang mit dem Risiko hat sich meiner Einschätzung nach verändert. Man hat heute eine andere Wahrnehmung. Ich glaube auch: Was früher als einfache Körperverletzung durchging, wird von den Gerichten heute tendenziell eher als schwere Körperverletzung behandelt.

Gerichte sprechen bereits seit 2011 mehr kurze unbedingte Freiheitsstrafen aus. Das überrascht, führte doch die Kritik an zu lascher Rechtsprechung kürzlich zur Abschaffung der bedingten Geldstrafe im revidierten Strafgesetz.
Das nehme ich auch so wahr. Wobei: Gerade gegenüber Kriminaltouristen haben die Gerichte schon bisher oftmals Freiheitsstrafen angeordnet, auch wenn es nur kurze waren. Man war und ist der Ansicht, dass alles andere nichts nützt. Den Anstieg bei den unbedingten kurzen Freiheitsstrafen führe ich darauf zurück, dass sich die Gerichte dem politischen Klima nicht entziehen können. Sie stehen natürlich unter dem Einfluss der medialen Öffentlichkeit.

Erstellt: 28.10.2013, 21:20 Uhr

Prof. Dr. iur. Jonas Weber hat den Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie der Universität Bern inne. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören das Strafsanktionenrecht, das Straf- und Massnahmenvollzugsrecht sowie die Kriminalpolitik. (Bild: zvg)

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