Hintergrund

«Die Schweizer Bauern sind selbst schuld, dass ihnen Nachwuchs fehlt»

Der Bauernverband beklagt, dass zu wenige Nachwuchskräfte ausgebildet werden. Ökonom Reiner Eichenberger sieht das Problem aber vor allem in der Landwirtschaftspolitik.

Den Schweizer Bauern fehlt der Nachwuchs: Zwei junge Bauern in Appenzell-Ausserrhoden (Archivbild).

Den Schweizer Bauern fehlt der Nachwuchs: Zwei junge Bauern in Appenzell-Ausserrhoden (Archivbild). Bild: Keystone

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Der Schweiz fehlen Nachwuchskräfte in landwirtschaftlichen Berufen, wie der landwirtschaftliche Nachrichtendienst (LID) meldet. Statt den jährlich gebrauchten 1300 Jugendlichen, fangen nur 1000 eine entsprechende Ausbildung an. Somit fehlen auf lange Sicht etwa 300 qualifizierte Betriebsleiter und Fachkräfte.

Dies bestätigt auf Nachfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet auch Jakob Rösch, Bildungsbeauftragter beim Schweizerischen Bauernverband (SBV). Setze sich dieses Szenario fort, könne es schon bald zu einem sogenannten Demografieknick kommen. Das würde bedeuten, dass die Zahl der Jugendlichen, die eine landwirtschaftliche Ausbildung beginnen, immer weiter abnehme. In dieser Hinsicht gibt Rösch jedoch momentan noch Entwarnung: «Gottlob ist der Demografieknick bisher noch nicht eingetroffen.»

«Aktiv Berufsbildungswerbung betreiben»

So sieht der Bildungsbeauftragte des SBV das Hauptproblem vor allem im wirtschaftlichen Umfeld in der Schweiz, andere Berufe seien attraktiver als der Beruf des Bauern. Dabei brauche es qualifizierten Nachwuchs für eine Entwicklung der bestehenden landwirtschaftlichen Betriebe. «Die Leute müssen ja ernährt werden.»

Damit sich die Situation ändert und es künftig wieder mehr junge Landwirte in der Schweiz gibt, wolle der Bauernverband aber kämpfen. Man werde «aktiv Berufsbildungswerbung betreiben» und auch an allen Berufsbildungsmessen präsent sein, so der Bildungsbeauftragte.

«Die Lage ist nicht drastisch»

Auch Ruedi Huber, Bildungsbeauftragter des Bildungs- und Beratungszentrums Arenenberg (TG), spricht vom Mangel von «gut qualifizierten und motivierten Nachwuchskräften». Nicht nur bei den Landwirtschaftsbetrieben direkt bestehe Bedarf, sondern auch bei den der Landwirtschaft vor- oder nachgelagerten Bereichen wie Verkauf, Pflanzenschutz oder Futtermittel.

Huber weist aber auch darauf hin, dass Landwirte aufgrund ihrer vielseitigen Ausbildung auch in anderen Branchen beliebt seien. Für den Bildungsexperten sei «dank der Zunahme von Zweitausbildungen und dem Rückgang der Zahl der Landwirtschaftsbetriebe die Lage nicht drastisch».

«Durch das bäuerliche Grundrecht praktisch unmöglich»

Reiner Eichenberger, Finanzwissenschaftler an der Universität Freiburg, sieht kein Problem in der niedrigen Zahl der Auszubildenden. Es sei «kein Drama», dass zu wenige Jugendliche in einen landwirtschaftlichen Beruf einsteigen würden. Um dies auszugleichen, müssten allerdings die verbleibenden Bauern auf grösseren Höfen wirtschaften, so wie es im Ausland schon längst üblich sei. Die Schweizer Landwirtschaft sei «viel zu intensiv und zu kapitalgebunden auf einem kleinen Hof».

Das Hauptproblem liegt für Eichenberger in den «enormen Einstiegshürden» zum Bauernberuf. «Wir haben das selbst kaputt gemacht mit unserer Landwirtschaftspolitik.» Es sei vor allem enorm schwer, wolle man einen Hof nicht nur pachten, sondern auch kaufen.

Die Regulierungen seien es auch, die den Beruf des Landwirts an sich unattraktiv machen, so Eichenberger. Verglichen mit anderen Berufen, gebe es zwar bei den Landwirten die höchste Prozentzahl an Kindern, die den Betrieb der Eltern übernehmen. Doch habe man keine Eltern, die einen Hof besitzen, werde der Eintritt in den Beruf «durch das bäuerliche Bodenrecht praktisch unmöglich». Aufgrund der starken Lobby für dieses Gesetz sind die Schweizer Bauern für den Ökonomen selbst schuld daran, dass ihnen der Nachwuchs fehlt.

Erstellt: 18.04.2013, 16:57 Uhr

«Wir haben das kaputt gemacht mit unserer Landwirtschaftspolitik»: Reiner Eichenberger, Leiter des Lehrstuhls für Finanzwissenschaft an der Universität Freiburg. (Bild: Reto Oeschger)

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