Die Schweizer Forscher zahlen den Preis

Mit Horizon 2020 hat die EU gegenüber der Schweiz ein Exempel statuiert. Nun zeigt sich: Die später ausgehandelte Zwischenlösung kam für Dutzende Forscher zu spät.

Gehirnforschung in Genf: Schweizer Wissenschaftler fühlen sich seit dem 9. Februar benachteiligt. Foto: Amélie Benoist (Prisma)

Gehirnforschung in Genf: Schweizer Wissenschaftler fühlen sich seit dem 9. Februar benachteiligt. Foto: Amélie Benoist (Prisma)

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Das Mail aus der Schweiz verbreitete sich im Februar rasch in Europa. «Horizon 2020: Derzeit keine Assoziierung der Schweiz» lautete der Betreff. Wer sich mit Schweizer Wissenschaftlern für Fördergelder des EU-Programms Horizon 2020 bewerben wolle, müsse bedenken, dass die Schweizer Kollegen nur noch Drittstaatsangehörige seien. Der Hintergrund des Mails ist bekannt: Nach der Annahme der Zuwanderungsinitiative der SVP am 9. Februar hatte die EU die Verhandlungen über eine gleich­berechtigte Teilnahme der Schweiz am Forschungsprogramm Horizon 2020 und am Austauschprogramm Erasmus+ suspendiert.

Mindestens 50 Wissenschaftler ausgeschlossen

Diese Meldung erreichte die Forscher und Unternehmen, als sie sich mit ihren europäischen Partnern darauf vorbereiteten, Geld aus den milliardenschweren EU-Fördertöpfen zu beantragen. Nun war plötzlich unklar, ob die Schweizer auch Beiträge erhalten würden. Ende Juni verbesserte sich die Situation wieder, als der Bundesrat entschied, einzuspringen. Die rund 500 Millionen Franken pro Jahr, die der Bund an Horizon 2020 hätte beisteuern sollen, verteilt er nun direkt unter den Schweizer Forschern.

Damals schätzte man beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), dass bisher mindestens 50 Wissenschaftler aus europäischen Projektgruppen ausgeschlossen worden waren. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. Das SBFI erhielt auch viele Anfragen von Universitäts­rektoren: Diese standen vor dem Problem, dass sie ihren Forschern für die Förderanträge schriftlich Unterstützung zusichern mussten – ohne dass ­sicher war, ob das Projekt finanziert werden würde.

Gerüchte und Unsicherheit

Die Zurückstufung der Schweiz habe keine unmittelbar sichtbaren Konsequenzen gehabt, sagt Jeanette Müller, die mit ihrem Beratungsunternehmen Accelopment für Wissenschaftler und Firmen Förderanträge verfasst. «Aber es gab plötzlich eine grosse Unsicherheit.» Niemand habe gewusst, wie es weitergehe, Gerüchte seien entstanden. Viele Forschungsgemeinschaften hätten wegen dieser Unsicherheit entschieden, auf Schweizer Partner zu verzichten. Sie hätten das Risiko vermeiden wollen, Schweizer im Team zu haben, die am Ende keine Fördergelder erhalten. Zudem müsse ein Forscherkonsortium begründen, warum es mit Partnern aus ­einem Drittstaat arbeite. Es habe allerdings auch Wissenschaftler gegeben, die vom Drittlandstatus profitiert hätten, sagt Müller. Sie habe Anfragen aus der EU erhalten, die explizit nach Partnern in der Schweiz gesucht hätten. Man habe damit gerechnet, dass die Schweizer ­zusätzliches Geld aus ihrem nationalen Fördertopf mitbringen und somit das EU-Projektbudget nicht belasten.

Zu den Verlierern der monatelangen Unsicherheit gehört Hans Wernher van de Venn, Professor für Mechatronik an der School of Engineering der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er hatte sechs Anfragen von europäischen Forschungsgemeinschaften für eine Projektbeteiligung erhalten. Übrig blieb eine. Zudem wäre Van de Venn für ein Grossprojekt, das die Zusammenarbeit von Menschen mit Robotern erforscht, als Koordinator vorgesehen gewesen. Auch diese Rolle musste er wegen den Unsicherheiten abgeben.

«Lahme Ente»

Biologieprofessor Christian Hardtke von der Uni Lausanne hat ähnliche Erfahrungen gemacht: «Ich wurde für meine europäischen Forscherkollegen zur lahmen Ente.» Er hatte ein Projekt initiiert, das die Genetik von Wildpflanzen untersuchen und für Nutzpflanzen nutzen wollte. Nachdem er Partner aus ganz Europa gefunden hatte, musste er als Koordinator aussteigen. Das Projekt wird jetzt ohne ihn eingereicht. Wolle er eine Stelle neu besetzen, müsse er bei ausländischen Kandidaten nun häufig Aufklärungsarbeit leisten, sagt Hardtke. Viele hätten Angst, in der Schweiz diskriminiert zu werden. Die psychologische Auswirkung der Zurückstufung der Schweiz als Drittland sei viel grösser als die handfesten Konsequenzen. Denn der Bund übernehme ja nun hoffentlich einen Gross­teil der Förderbeiträge. Hardtke will auch von der Zwischenlösung profitieren, die der Bund mit der EU ausgehandelt hat: Er plant, sich demnächst mit einem Projekt für die ERC-Grants zu bewerben. An diesem prestigeträchtigen Förderprogramm des European Research Council darf die Schweiz bis Ende 2016 wieder als assoziierter Staat teilnehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2014, 23:13 Uhr

Erasmus

Keine Verhandlungslösung in Sicht

Der Bundesrat hat gestern beschlossen, die Übergangslösung für das Austauschprogramm Erasmus+ auch in den Jahren 2015 und 2016 weiterzuführen. Er rechnet nicht damit, dass die Schweiz in nächster Zeit wieder als gleichberechtigter Partner am Programm teilnehmen kann. Ziel bleibe aber eine vollständige Assoziierung. Die EU hatte im Februar auch die Verhandlungen über eine Assoziierung der Schweiz an Erasmus+ suspendiert. Personen und Projekte aus der Schweiz werden also weiterhin nicht via EU, sondern direkt unterstützt. Der Bundesrat stellt dafür jene Mittel zur Verfügung, die für die Programmbeiträge an die EU vorgesehen waren. Für das Jahr 2014 sind das 22,7 Mil­lionen Franken. 2015 wird der Betrag auf 23,9 Millionen Franken erhöht, 2016 auf 25,1 Millionen Franken. Der grösste Teil soll für den eigentlichen Austausch eingesetzt werden. Ursprünglich wären für die Mobilität der Schüler, Lehrlinge, Studenten und Dozenten nur 63 Prozent der Gesamtausgaben vorgesehen gewesen. Als Drittstaat muss die Schweiz jedoch auch die Stipendien für die ausländischen Studenten, die ins Land kommen, bezahlen. Der Verband der Schweizer Studierendenschaften fordert nun möglichst schnell eine langfristige Lösung, die den Beitritt der Schweiz zu Erasmus+ ermöglicht. (bua)

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