Die Schweizer bekommen nicht genug vom Fliegen

Jahr für Jahr fliegen die Schweizer mehr und weiter. Längst haben sie ihre Nachbarländer in dieser Hinsicht abgehängt. Diese Flugeuphorie alarmiert.

Der Flughafen Zürich bewältigt an Rekordtagen mehr als 100'000 Passagiere. Spätestens  2030 wird er an seine Grenzen stossen. Foto: Urs Jaudas

Der Flughafen Zürich bewältigt an Rekordtagen mehr als 100'000 Passagiere. Spätestens 2030 wird er an seine Grenzen stossen. Foto: Urs Jaudas

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Schweizer gelten als bodenständig. Doch das täuscht. Es zieht sie nach oben. Kaum ein anderes Volk fliegt so viel wie die Schweizerinnen und Schweizer. Sie tun es mehr und mehr, Jahr für Jahr, als litten sie unter unheilbarem Fernweh.

Zwischen 2010 und 2015 ist die durchschnittliche Anzahl der Flugreisen um 43 Prozent gestiegen. Heute setzen sich alle Schweizerinnen und Schweizer gut eineinhalbmal pro Jahr in ein Flugzeug. Die zurückgelegte Strecke in der Luft ist sogar um 57 Prozent angewachsen. Von der Distanz her fliegt jeder Schweizer einmal im Jahr auf die Kanarischen Inseln und zurück.

Das ergibt der «Mikrozensus Mobilität und Verkehr», eine Umfrage, die der Bund alle fünf Jahre durchführt. Ein Teil der Zunahme erkläre sich durch eine neue Erhebungsmethode, sagt Projektleiter Christian Perret. «Aber auch wenn man diesen Unterschied hinausrechnet, ist der Flugverkehr stärker gewachsen als alle anderen Mobilitätsarten.»

Video: Hinter den Kulissen des Flughafens Zürich

Auch im Juli 2017 war Kloten wieder Hub für Zehntausende Ferienreisende.

Nirgends spürt man den Flugboom so gut wie am Zürcher Flughafen. 2016 verzeichnete er etwa 27,5 Millionen Passagiere, das sind gut 2 Millionen mehr als 2014. Letztes Jahr zählte man in Kloten 8 Spitzentage, an denen mehr als 100'000 Personen ein-, aus- und umstiegen. «Dieses Jahr erwarten wir etwa 20 davon», sagt Sprecherin Sonja Zöchling. Am 28. Juli erreichte der Flughafen Zürich ­seinen bisherigen Passagierrekord: 108'000 Personen. Das sind fast so viele, wie Winterthur Ein­wohner hat.

An solchen Tagen gehört Warten dazu. Zum ersten Stau kommt es meistens auf den unterirdischen Bahnperrons. Fährt ein Zug ein, ballen sich kurz darauf die Menschen vor den Rolltreppen. Dabei drängt sich die halbe Welt auf wenigen Quadrat­metern. Man spricht Chinesisch oder Berndeutsch, trägt Burka oder Trägershirt. Etwas haben die Wartenden allerdings gemeinsam, diesen leicht besorgten Blick, in dem die Frage steht: Werde ich meinen Flug erwischen? Unnötig seien solche Sorgen, sagt Flughafensprecherin Sonja Zöchling. «Wir können die Wartezeiten auch an absoluten Spitzentagen erträglich halten.»

Junge Reiche tun es am meisten

Der Flugverkehr hat sich in den letzten 20 Jahren weltweit verdoppelt. Dieser Drang über die Wolken zeigt sich in der Schweiz aber besonders stark. Eine Studie aus dem Jahr 2012 schätzt, dass die Schweizer ungefähr doppelt so viel fliegen wie die Menschen in den benachbarten Ländern Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien.

Deutlich mehr Flüge pro Person schafft auf der ganzen Welt nur Norwegen. Dies lässt sich aus der Abgeschiedenheit und der Grösse des skandinavischen Landes erklären. Wer in Trondheim wohnt und nicht tagelang reisen möchte, dem bleibt nur das Flugzeug. Für die Schweiz trifft das Gegenteil zu: Inlandflüge bringen hier kaum einen Geschwindigkeitsvorteil. Und fast nirgends in Europa liegen so viele Metropolen so nahe.

Auch mit der boomenden, international ausgerichteten Schweizer Wirtschaft lässt sich die unbändige Fluglust nicht erklären. Die Geschäftsflüge haben nur ganz leicht zugenommen. Das Wachstum geht klar auf Kosten der privaten Reisen.

Experten haben unterschiedliche Erklärungen:

  • Der Frankenkurs: Die starke Währung lockt die Schweizerinnen und Schweizer in andere Länder.
  • Die Internationalisierung des Landes: Expats, die sich in der Schweiz niederlassen, fliegen eher häufiger.
  • Die Gewöhnung: Viele junge Erwachsene von heute sind schon als Kinder oft in die Ferien geflogen. Diese Gewohnheit führen sie nun fort. Laut Statistik fliegen die 18- bis 24-Jährigen am meisten, knapp gefolgt von den 25- bis 44-Jährigen. Danach geht die Häufigkeit deutlich zurück.

Als wichtigster Grund gilt jedoch der Preis. Die Schweizer heben so gerne ab, weil sie es sich leisten können. Aus dem Mikrozensus geht hervor: Je reicher die Menschen sind, desto häufiger fliegen sie. Dabei braucht man längst nicht mehr viel Geld für Flugreisen. Diese haben sich gemäss verschiedenen Experten in den letzten Jahren weiter vergünstigt. Noch nie habe man so viele Kilometer für so wenig Geld gekriegt. «Mit dem Flugzeug an eine Billigdestination zu fliegen, kostet konkurrenzlos wenig», sagt Philip Gehri, Sprecher der Umweltorganisation WWF.

Auf die Passagiere am Flughafen Zürich wartet nach der Perron-Rolltreppe bald der nächste Engpass: die Gepäckabgabe. An den Rekordtagen bilden sich in den drei Check-in-Hallen lange Schlangen. «Manchmal reihen sich die Menschen bis nach draussen», sagt Sonja Zöchling. In den letzten Jahren hat der Flughafen die Schalter neu angeordnet und zusätzliche eingebaut. «Damit bewältigen wir den Ansturm.» Reklamationen gebe es kaum. Die Wartenden würden spüren, dass es vorwärtsgehe.

Zwei weitere Hindernisse folgen: das Durchleuchten der Passagiere sowie die Passkontrolle vor den Nicht-Schengen-Flügen. Derentwegen schlängeln sich die Menschen zu Spitzenzeiten durch die Duty-free-Shops des Airside Center. Bei beiden Schleusen hat der Flughafen ebenfalls umgestellt und vergrössert, damit in kürzester Zeit Hunderte Leute hindurchpassen.

Video: Fliegen geht auch manchmal nicht so gut

Am Donnerstag startete eine A380 beim Anflug auf Kloten wegen eines Sturms dreimal durch.

Den Überblick über die Menschenströme haben die Mitarbeiter im Airport Steering, dieses Büro ist der Kontrollturm für den internen Fussverkehr. Dutzende Bildschirme zeigen alle Orte, wo sich Staus bilden können. «Sobald sich einer ankündet, fordern wir dort mehr Personal an», sagt Zöchling. Dank verschiedener Daten lassen sich die Ansammlungen oft relativ genau vorausberechnen.

Dass kein Chaos ausbricht während der Sommer- und Herbstferien, liegt auch an den vielen wohlmeinenden Passagieren. Sie beachten die Ratschläge des Flughafens, mindestens zwei Stunden vor Abflug anzureisen. Der Flughafen hat ausserdem begonnen, den Beginn des Boardings schon eineinhalb Stunden vor dem Abflug anzuzeigen. «Vor allem ungeübte Passagiere richten sich danach», sagt Zöchling. Beide Massnahmen lockern den Andrang.

Wer fliegt, zahlt keine Steuern

Die Schweizer Flugeuphorie beschert der Branche wachsende Umsätze. Umweltschützer hingegen halten sie für eine Katastrophe. Laut WWF sorgt das Fliegen in der Schweiz bereits für 18 Prozent ­aller schädlichen Klimagase. In vielen Bereichen habe sich das Land dank Vorschriften und technologischem Fortschritt ökologisch verbessert, sagt Philip Gehri vom WWF. Beim Wohnen nehme der CO2-Ausstoss deutlich ab, auch beim Strassenverkehr sinke er, obwohl es in der Schweiz mehr Menschen und mehr Autos gebe. «Einzig bei der Fliegerei wird es immer schlimmer.» Eine umweltfreundlichere Technologie sei nicht in Sicht, sagt Gehri. «Und politisch wird die Branche gehätschelt und bevorzugt.»

Tatsächlich sind Fluggesellschaften von zwei entscheidenden Abgaben befreit: der Mehrwert- und der Mineralölsteuer. Begründet wird die Verschonung damit, dass fast alle anderen Länder aufgrund von UNO-Abkommen auf solche Steuern verzichten. «Viele Länder ziehen jedoch eine Abgabe auf Flugtickets ein», sagt Gehri.

Die Klotener SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf fordert in einem Postulat, dass auch die Schweiz eine solche Abgabe erheben soll. Das Parlament hat ihr Anliegen noch nicht behandelt. Der Bundesrat lehnt es ab. Eine Begründung dafür: Die Passagiere würden sonst ins günstigere Ausland ausweichen.

Diese Haltung erstaunt wenig. In der Schweiz hatte die Flugbranche bislang wenig zu befürchten. Doch das soll sich bald ändern. Die Flugkritiker haben gerade einen neuen Dachverband gegründet, um ihre Anliegen besser durchzusetzen. Grafik zum Vergrössern anklicken.

Wie der Bundesrat hält auch die Flugbranche nichts von einer Ticketsteuer. Die weltweite Luftfahrt trage lediglich 2 Prozent zum menschlichen CO2-Ausstoss bei, sagt Paul Kurrus, Präsident des Flugverbandes Aerosuisse. «Trotzdem nehmen wir unsere Verantwortung gegenüber der Umwelt wahr.» Dank besseren Motoren habe man etwa den Treibstoffverbrauch deutlich gesenkt. Ein modernes Verkehrsflugzeug verbrauche heute noch drei Liter Kerosin auf 100 Passagierkilometer.

Kurrus verweist weiter auf das globale Abkommen Corsia, das die Flugbranche letzten Herbst ausgehandelt hat. Der Vertrag sieht vor, allen CO2-Ausstoss, der nach 2020 zusätzlich anfällt, mit Klimazertifikaten zu kompensieren. «Keine andere Branche kann ähnliche Massnahmen vorweisen», sagt Kurrus. Auch der Bundesrat setzt seine Hoffnung auf das Corsia-Abkommen.

Kritiker halten dieses für viel zu schwach. Corsia betreffe nur einen kleinen Teil der Abgase. Und die CO2-Kompensation über Zertifikate funktioniere schlecht. «Es gibt viele Ramschpapiere», sagt Philip Gehri. Der Vertrag diene der Flugbranche vor allem als Ausrede, um nichts Wirksames zu unternehmen.

Uneins sind sich Flugbranche und Umweltschützer auch über den Schaden, den das Fliegen anrichtet. Das liegt daran, dass Flugzeuge ihre Abgase über den Wolken ablassen. Dort wirken sie stärker als am Boden. Folglich muss man den Einfluss, den das Fliegen auf die Atmosphäre ausübt, anders berechnen. Die meisten Wissenschaftler, Umweltverbände, aber auch das deutsche Umwelt-Bundesamt multiplizieren den CO2-Ausstoss von Flugzeugen mit zwei. So erhalte man den tatsächlichen Klimaeffekt («Global Warming Potential») des Fliegens. Aerosuisse hingegen geht aufgrund von Studien und den Angaben des Bundes von einem tieferen Faktor aus (1,35). So setzt die Flugbranche die Schädlichkeit des Fliegens tiefer an.

Am Himmel wird es eng

Vielleicht endet der Schweizer Flugboom dadurch, dass die Infrastruktur nicht mehr trägt. Am Boden könnte der Flughafen Zürich noch deutlich mehr Passagiere aufnehmen, sagt Sonja Zöchling. Doch am Himmel wird der Platz knapp.

Obwohl die Flugzeuge immer grösser werden, gibt es von Jahr zu Jahr mehr Flugbewegungen. 2016 starteten und landeten in Zürich-Kloten rund 269'000 Maschinen. 2030 soll es fast ein Drittel mehr sein. Damit wäre das Maximum erreicht, das der Flughafen ohne den Bau neuer Pisten bewältigen kann. Selbst über den Wolken ist die Kapazität nicht grenzenlos.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2017, 07:18 Uhr

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