Die Schweizer lieben ihre Waffen

Seit Anfang Jahr können Soldaten ihre Waffe freiwillig im Zeughaus lagern. Doch das Angebot wird kaum genutzt. Viele Männer wollen ihr Sturmgewehr zu Hause behalten.

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«Nein, bisher hat noch niemand seine Dienstwaffe hier deponiert», sagt der Verantwortliche im Zeughaus Sitten. Die Walliser würden ihre persönliche Waffe nicht aus der Hand geben. Auch anderswo stösst die freiwillige Hinterlegung des Sturmgewehrs oder der Armeepistole auf wenig Interesse. Landesweit haben gerade mal 452 Wehrmänner ihre Waffe deponiert. Das sind bei insgesamt 218'000 Armeewaffen lediglich 0,2 Prozent. Vor allem in ländlichen Kantonen werden praktisch keine Waffen abgegeben, was sowohl mit einer eher militärfreundlichen Einstellung als auch mit längeren Anfahrtswegen zum Zeughaus zusammenhängen mag.

Die Logistikbasis der Armee ist in den Verträgen mit den Kantonen von einer Hinterlegungsrate von drei bis vier Prozent der Dienstwaffen ausgegangen. Nun muss die Armee diese Annahme revidieren. «Die Prognose ist aufgrund der ersten Erfahrungen zu hoch. Die Verträge mit den Kantonen werden angepasst», sagt Armeesprecher Christoph Brunner.

Genf mit Spitzenquote

Die Planungsannahme beruhte auf den Erfahrungen im Kanton Genf. Dieser hatte die Möglichkeit der freiwilligen Waffenhinterlegung – unter Umgehung von Bundesrecht – bereits 2008 angeboten. Genf ging davon aus, dass 10 Prozent der Soldaten ihre Waffen deponieren würden. Tatsächlich haben im Westschweizer Kanton bis heute aber bloss 228 von 5300 Wehrmännern vom Angebot Gebrauch gemacht – also 4,3 Prozent. Dennoch steht Genf mit dieser Quote einsam an der Spitze.

Schweizweit möglich ist die Hinterlegung des Sturmgewehrs oder der Pistole seit Anfang 2010. Der Bundesrat bewilligte die Massnahme nach dem Tötungsdelikt in Zürich-Höngg, wo ein 21-jähriger Soldat 2007 eine 16-Jährige an einer Bushaltestelle erschossen hatte.

«Versorgen und vergessen»

Im Kanton Bern haben bisher nur 38 von 29'600 Armeeangehörigen (0,1 Prozent) ihre Waffen deponiert. In Zürich sind es 64 von 32'400 Armeeangehörigen, womit der Kanton genau im Schweizer Durchschnitt von 0,2 Prozent liegt. «Wir haben mit mehr gerechnet», sagt Thomas Bär vom Zürcher Amt für Militär und Zivilschutz. Offenbar fühle sich die Bevölkerung durch die Heimabgabe der Waffe weniger bedroht, als man dies aufgrund von Medienberichten hätte annehmen können.

«Es ist für die meisten Wehrmänner zu mühsam, die Waffe für den WK und das obligatorische Schiessen jeweils im Zeughaus zu holen», sagt Bär. Dieser Faktor sei unabhängig von der politischen Einstellung des einzelnen Wehrmanns. Das sieht auch ein aktiver Kompaniekommandant so: «Wenn die Soldaten nach dem WK nach Hause kommen, wollen sie die Militärsachen versorgen und vergessen – und nicht noch mit der Waffe zum Zeughaus fahren.»

Wirkung auf Initiative unklar

Wenig erstaunt über das geringe Interesse an der freiwilligen Waffenhinterlegung ist Willy Pfund, Präsident der Waffenlobby Pro Tell: «Die Schweizer sind verantwortungsbewusst genug, um mit ihrer Waffe korrekt umzugehen.» Für ihn sind die aktuellen Zahlen zur Waffenhinterlegung ein «sehr schlechtes Signal» für die Volksinitiative «Schutz vor Waffengewalt», welche die Heimabgabe der Armeewaffen stoppen will und nächstes Jahr zur Abstimmung gelangt.

Ganz anders sieht das Patrick Angele vom Initiativkomitee: «Die tiefen Zahlen zur Waffenhinterlegung zeigen, dass freiwillige Massnahmen nicht genügen.» Zudem seien es eigentlich die falschen Personen, die ihre Waffen deponierten: «Die problematischen Fälle, die möglicherweise ihre Waffe missbrauchen, sind kaum unter ihnen.» Deshalb brauche es die Initiative, sagt der Sekretär der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA).

Erstellt: 17.07.2010, 06:39 Uhr

Total der freiwillig abgegebenen Armeewaffen nach Kantonen (per 30. Juni 2010). (Bild: TA-Grafik / Armee)

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