Die Sicherheit steht über allem

Die Nagra hat mit ihrem Vorschlag, noch zwei Standorte für ein Atomendlager zu berücksichtigen, die Sicht der Wissenschaft aufgezeigt. Es braucht weitere Untersuchungen.

Erst dank neuen Daten konnte die Nagra sorgfältig die Standorte vergleichen: Probebohrung im Felslabor Grimsel der Nagra an der Gerstenegg oberhalb Guttannen BE. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Erst dank neuen Daten konnte die Nagra sorgfältig die Standorte vergleichen: Probebohrung im Felslabor Grimsel der Nagra an der Gerstenegg oberhalb Guttannen BE. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

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Der Entscheid der Nagra scheint auf den ersten Blick voreilig: Nur noch zwei Standorte kommen für die Lagerung radioaktiver Abfälle infrage. Die Gebiete Zürich-Nordost und Jura-Ost sollen dafür in den nächsten Jahren weiter untersucht werden. Weggefallen sind der Wellenberg, das Gebiet Jura-Südfuss und Südranden für die Lagerung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle, Nördlich Lägern, um hochradioaktiven Abfall zu bunkern. Die Nagra hat nun die Auswahl stark eingeengt. Die Betroffenheit der Bevölkerung in den ausgewählten Gebieten steigt damit nachvollziehbar.

Umso mehr ist nun eine sachliche Diskussion in den politischen Gremien und in der Bevölkerung notwendig. Die Nagra hat mit ihrem Vorschlag die Sicht der Wissenschaft aufgezeigt. Nun liegt es an den Sicherheitsbehörden und -kommissionen, die Arbeit sorgfältig zu prüfen. Der Bundesrat wird schliesslich voraussichtlich Mitte 2017 über die Auswahl entscheiden. Die provisorische Standortwahl soll gemäss Sachplan geologische Tiefenlager Mitte 2020 durch die Regierung erfolgen.

Die Geologie hätte überall ausgereicht

Die Nagra hat keineswegs überstürzt gehandelt. Erstens war sie gemäss dem Sachplan verpflichtet, die Auswahl an Standorten einzuengen. Zweitens konnte sie in den letzten Jahren neben den vorhandenen seismischen und geologischen Untersuchungen auf weitere Daten aus Bohrungen für Erdsonden und der Erdölindustrie zugreifen. Experten der Kantone, der Kommission für nukleare Sicherheit und die Expertengruppe Geologische Tiefenlager bestätigten letztes Jahr, dass die Datenbasis der Nagra ausreicht, um die verschiedenen Standorte zu vergleichen.

Die Studien ergaben, dass jeder der bisher sechs ausgewählten Standorte in der Gesamtbewertung geeignet gewesen wäre, um radioaktiven Abfall zu lagern. Auch der Wellenberg mit seinem Mergelfels hatte grundsätzlich die Voraussetzungen für die Lagerung von schwach- und mittelradioaktivem Abfall. Die Geologie hätte überall ausgereicht, damit über Hunderttausende von Jahren die Radioaktivität weit unter der natürlichen Belastung bleibt.

13 Indikatoren und 40 Kriterien

Trotzdem waren unter den besten sechs Standorten deutliche Nachteile auszumachen. Der Opalinuston erweist sich zwar eindeutig als bestes Tongestein. Trotzdem erachtete die Nagra im Gebiet Jura-Südfuss zum Beispiel die über dem Opalinuston liegenden Schichten aus Kalk und Mergel gesamthaft als Schwäche der natürlichen Schutzbarriere. Im Gebiet Nördlich Lägern waren es unter anderem tektonische Störungen im Untergrund, welche die Fläche des optimalen Lagerstandortes reduzierten.

13 Indikatoren und 40 Kriterien hat die Nagra berücksichtigt – und dabei ging es ausschliesslich um die Sicherheit des Tiefenlagers. Es leuchtet ein, dass politische und sozioökonomische Argumente bewusst ausser Acht gelassen wurden, um den sicherheitstechnisch besten Standort auszuwählen.

Datenlage lässt praktisch keinen Zweifel offen

Es stellt sich die Frage, warum nicht bereits früher die Auswahl eingeengt wurde. Schliesslich hat sich in den letzten Jahren abgezeichnet, dass vor allem die Standorte mit Opalinuston infrage kommen. Erst dank neuen Daten konnte die Nagra sorgfältig die Standorte vergleichen, um deren Qualität der Öffentlichkeit und der Politik verständlich und überzeugend darzulegen. Die Gunst der betroffenen Regionen kann zudem nur erworben werden, wenn die Bevölkerung schrittweise einbezogen wird und über die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch öffentlich diskutiert werden kann.

Sollte sich der Bundesrat dem Vorschlag der Nagra anschliessen, sind die wissenschaftlichen Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Es wird weitere seismische Untersuchungen und Bohrungen geben, um sich für einen Standort entscheiden zu können. Auch wenn die Datenlage praktisch keinen Zweifel offen lässt, dass der Lagerstandort im Zürcher Weinland sein wird, so ist das Vorgehen der Nagra aus wissenschaftlicher und sicherheitstechnischer Sicht korrekt. In der Geologie kann es immer wieder Überraschungen geben. Transparenz und Glaubwürdigkeit ist das beste Instrument, damit die politische und öffentliche Debatte nicht blockiert und die Betroffenen nicht verunsichert werden.

Erstellt: 30.01.2015, 16:07 Uhr

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