Die Sportpolitiker-Lobby schlägt zu

Bei der Debatte über die Extrazüge für Sportfans feierten die Fan-Politiker im Bundeshaus einen ersten Erfolg. Wie haben sie das gemacht?

Machten in Sachen Fussballfans gemeinsame Sache: Aline Trede (m.) und Thomas Hurter (l.).

Machten in Sachen Fussballfans gemeinsame Sache: Aline Trede (m.) und Thomas Hurter (l.). Bild: Keystone

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Sie sassen an einem der tiefen, runden Tische in der Wandelhalle des Bundeshauses und steckten die Köpfe zusammen: Aline Trede von den Grünen, Thomas Hurter von der SVP, Jürg Grossen von den Grünliberalen. Die drei Nationalräte waren in ein Gespräch mit Thomas Gander vertieft, dem Geschäftsführer des Vereins Fanarbeit Schweiz, und mit Claudius Schäfer, dem CEO der Swiss Football League. Ein intensives Gespräch, wie es schien. Hände flogen durch die Luft, Köpfe wurden geschüttelt, manche Wortfetzen waren so laut, dass sich andere Parlamentarier in der Wandelhalle zum Tisch umdrehten.

Es war eine Strategiesitzung in aller Öffentlichkeit. Ziel: das revidierte Personenbeförderungsgesetz zu bodigen. Gestern Mittwoch konnte die Runde aus der Wandelhalle einen Erfolg einfahren: Der Nationalrat trat zwar auf die Vorlage ein, stimmte danach aber deutlich einem Rückweisungsantrag von SVP-Nationalrat Thomas Hurter (SH) zu. Nun soll mit allen Beteiligten eine neue Lösung gefunden werden.

Immer kritischere Fragen

Mit der Revision hatte der Bundesrat festschreiben wollen, was heute schon in jenen Kantonen möglich ist, die dem Hooligan-Konkordat beigetreten sind: Fans sollten künftig ausschliesslich mit einem Extrazug ans Auswärtsspiel ihres Clubs fahren dürfen, aus den regulären Zügen wären die Fans ausgesperrt gewesen, und für allfällige Schäden in den Extrazügen hätten neu die Vereine haften müssen.

Der Rückweisungsentscheid hatte sich angekündigt: Die vorberatende Verkehrskommission empfahl dem Parlament die Ablehnung des Gesetzes. «Die Vorlage sah auf den ersten Blick gut aus. Aber nur auf den ersten Blick», sagt Hurter über die Arbeit in der Verkehrskommission. Während der Beratung der Vorlage seien über ein Dutzend Experten eingeladen worden, und je länger die Debatte in der Kommission gedauert habe, desto kritischer seien die Fragen geworden. «Am Schluss stand die Umsetzung im Zentrum», sagt Hurter. «Wie wollen Sie an einem Bahnhof die gefährlichen Fans erkennen? Das würde in einen unverhältnismässigen Kontrollaufwand münden.»

Gleichzeitig wurde bereits in der Kommission und auch gestern in der Debatte von linker Seite grundsätzliche Kritik am als unverhältnismässig empfundenen Eingriff in die Grundrechte geäussert. SP-Nationalrat Matthias Aebischer (BE) warnte davor, mit der Aufweichung der Transportpflicht für Fans einen Präzedenzfall zu schaffen: Als Nächstes würden dann wohl Konzertbesucher oder «bestimmte Ethnien» nicht mehr transportiert.

Das Scheitern der Revision ist die vorläufige Pointe einer Debatte über Gewalt im Sport, deren Wesen sich innerhalb der vergangenen Monate grundsätzlich verändert hat: Noch vor einem Jahr schien es so gut wie ausgeschlossen, dass das Parlament gegen eine Vorlage stimmen könnte, die die Sicherheitsmassnahmen im Umfeld von Fussball- oder Eishockeyspielen verschärft.

Hilfe der Swiss Football League

Die Debatte war geprägt von Ausschreitungen wie derjenigen vor dem Cupfinal 2013, als Basler und Zürcher Fans in der Berner Innenstadt aneinandergerieten. Die Hooligan-Konkordate wurden daraufhin in den Kantonen mit überwältigenden Ja-Mehrheiten gutgeheissen, und die SBB beklagten – nicht zum ersten Mal – Schäden in ihren Fanzügen von über 3 Millionen Franken pro Jahr. «Die Kombination von Fussball und Gewalt bot in der vergangenen Zeit die perfekte Plattform, um sich als Politiker zu profilieren», sagt Thomas Gander.

Dass sie das heute nicht mehr zu sein scheint, daran hat neben Gander auch Claudius Schäfer, der CEO der Schweizer Fussballliga, einen Anteil. Schäfer ist der erste vollamtliche Geschäftsführer der Liga und bringt sich offensiv im aktuellen Diskurs ein. Über den Entscheid des Nationalrats ist Schäfer froh; nun könne man die bestehenden lokalen Projekte wie etwa in Bern weiter verbessern. Er hat auch angeboten, bei einer Überarbeitung des Geschäfts die Koordination zwischen dem Bund und den Clubs zu übernehmen.

Unterstützt wurden Schäfer und Gander von Sportpolitikern im Bundeshaus, die sich im September zur parlamentarischen Gruppe Fanpolitik zusammengeschlossen haben. Das Co-Präsidium bilden mit Markus Lehmann (CVP, BS), Matthias Aebischer (SP, BE) und Lukas Reimann (SVP, SG) drei Vertreter aus drei grossen Fussballregionen der Schweiz, die Gruppe hat rund 30 Mitglieder und laut Gander «viel zu einer differenzierten Debatte beigetragen».

Geholfen hat allerdings auch, dass es die SBB bei den angeblichen Schäden, die durch Fans in Extrazügen verursacht werden, nicht so genau nehmen. Von den 3 Millionen Franken an ungedeckten Kosten sind nur 162'000 Franken (Zahlen aus dem Jahr 2012) tatsächlich auf Sachschäden in Fanzügen zurückzuführen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2014, 07:33 Uhr

Fussballfans

Behörden können Extrazüge bereits heute anordnen
Wer nicht den Fanzug benutzen will, den muss die Bahn nicht mehr befördern: Mit dieser Lockerung der Transportpflicht wollte der Bundesrat Fussballfans dazu bringen, nur noch im Sonderzug an die Auswärtsspiele zu reisen. Doch der Nationalrat hat das Geschäft gestern zurückgewiesen.

Die Behörden haben indes bereits heute Möglichkeiten, um die Transportpflicht aufzuweichen und die Anreise per Extrazug anzuordnen. Den Hebel hierzu stellt die im Hooligan-Konkordat vorgesehene Bewilligungspflicht für Fussballspiele der oberen Ligen dar. Das Konkordat erlaubt es den Behörden, eine Bewilligung mit Auflagen zu verknüpfen. Unter anderem können sie verlangen, dass die Fans der Gastmannschaft per Extrazug anreisen. Das reicht aus, um die generelle Transportpflicht der Bahnen aufzuheben. So schreibt es der Bundesrat in einem Bericht, so bestätigt es das Bundesamt für Verkehr auf Nachfrage. «Eine städtische oder kantonale Anordnung würde der Transportpflicht der Verkehrsbetriebe vorgehen», sagt Sprecherin Olivia Ebinger.

Konkret bedeutet dies: Die Stadt Zürich etwa kann die Bewilligung für ein Spiel der Grasshoppers gegen die Berner Young Boys davon abhängig machen, dass die Gästefans im Extrazug anreisen, der im Bahnhof Altstetten hält. Die SBB wiederum wären nicht verpflichtet, die Gästefans in den regulären Zügen zu befördern.

Für Roger Schneeberger, Generalsekretär der Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz (KKJPD), kann ein solches Vorgehen durchaus Sinn machen. Anders als bei der geplanten Lockerung des Personenbeförderungsgesetzes würde die Verantwortung allerdings von den SBB auf die kommunalen Behörden verlagert. Zudem müsse jeweils im Einzelfall geklärt werden, ob sich die mit der Bewilligung verknüpften Auflagen als verhältnismässig erwiesen.

In der Praxis machten die Behörden von der Möglichkeit bislang nur selten Gebrauch. Für Schlagzeilen sorgte im vergangenen Jahr die Neuenburger Polizei. Sie ordnete im Vorfeld des Cupspiels zwischen Neuchâtel Xamax und dem FC Aarau an, dass die Anhänger des Gastclubs per Car und unter teilweiser Polizeibegleitung anzureisen hätten. Der FC Aarau rief daraufhin seine Anhänger dazu auf, die Reise nach Neuenburg individuell zu planen und sich ein Ticket für einen anderen Stadionsektor zu besorgen.

Häufig ist allerdings gar kein Druck notwendig, um die Fans in die Sonderzüge zu bringen. Das betont Thomas Gander vom Verein Fanarbeit Schweiz. Schon heute organisieren die SBB jährlich gut 260 Extrafahrten. In der Saison 2010/11 wurden so 60 000 Fussballanhänger transportiert. Die Fans werden von Fanarbeitern und unbewaffneten Transportpolizisten begleitet. Kommt es unterwegs zu Sachbeschädigungen, sind die Clubs allerdings nicht haftbar. Das hätte die gestern zurückgewiesene Vorlage korrigiert. Nicht zuletzt aus diesem Grund hatten die Fussballclubs die Revision bekämpft. (Stefan Schürer, Bern)

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