Die Spur führt ins Gefängnis

Der Mann, der einen Geheimpakt zwischen der Schweiz und den Palästinensern abgeschlossen haben soll, war zur fraglichen Zeit in Kriegsgefangenschaft.

Farouk Kaddoumi (rechts) 1983 an einer PLO-Versammlung in Algier. Foto: Getty Images

Farouk Kaddoumi (rechts) 1983 an einer PLO-Versammlung in Algier. Foto: Getty Images

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An den PLO-Vertreter Daoud Barakat haben erfahrene Schweizer Diplomaten gute Erinnerungen. Der Palästinenser sei ein «feiner, unaufgeregter, intelligenter Typ», heisst es einhellig über den 73-Jährigen. Obwohl der Ex-Diplomat nach seinem letzten Posten in Moskau heute seine Pension geniesst, ist sein Name in den letzten Wochen wiederholt in den Schweizer Medien aufgetaucht. Der Grund: Im Buch «Schweizer Terrorjahre» von NZZ-Chefreporter Marcel Gyr spielt Barakat als erster diplomatischer Vertreter der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) in Genf eine wichtige Rolle.

Gyrs These: Barakat habe sein PLO-Büro in den 70er-Jahren in Genf darum beziehen können, weil der damalige Schweizer Aussenminister Pierre Graber dem PLO-Aussenbeauftragten Farouk Kaddoumi in einem geheimen Stillhalteabkommen eine UNO-Vertretung versprochen hatte. Demnach habe Graber Kaddoumi während der Entführung einer Swissair-Maschine nach Zerqa, Jordanien, ohne Wissen seiner Bundesratskollegen in Genf getroffen. Beim angeblichen Treffen, noch während der Zerqa-Krise im September 1970, soll Graber angestrebt haben, die Schweiz vor weiteren palästinensischen Terrorattacken zu schützen. Der Autor geht in seinem Buch sogar davon aus, dass Graber Kaddoumi die Einstellung der Strafverfahren gegen jene palästinensischen Extremisten versprach, deren Paketbombe am 21. Februar 1970 an Bord einer Swissair-Maschine explodierte und 47 Menschen in den Tod riss.

«Das hat es nie gegeben»

Gyr beruft sich auf zwei anonyme Quellen. Kaddoumi selber – so schreibt der NZZ-Journalist – habe ihm in Tunesien den «Sachverhalt» bestätigt: Demnach habe es mehrtägige klandestine Gespräche in Genf mit Graber sowie dem damaligen Bundesanwalt und dem Geheimdienstchef gegeben. Gyr hat laut eigenen Angaben auch den Kontakt zu Daoud Barakat gesucht. In seinem Buch schreibt er: «Eine Gesprächsanfrage per Mail blieb unbeantwortet.»

Dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet ist es gelungen, Barakat in Rom zu kontaktieren. Der langjährige palästinensische Diplomat verwirft Gyrs These, dass es ein Stillhalteabkommen gegeben habe: «Ein solches Abkommen zwischen der Schweiz und der PLO hat es nie gegeben. Als erster Vertreter Palästinas an der UNO in Genf hätte ich davon erfahren.» Barakat weist ausserdem darauf hin, dass Farouk Kaddoumi, sein damaliger Chef und «heutiger guter Freund», im Jahr 1970 nicht Aussenbeauftragter der PLO gewesen sei. «In der PLO-Hierarchie war Kaddoumi damals nach Yassir Arafat und Salah Khalaf die Nummer drei und innerhalb des PLO-Exekutivkomitees für Gewerkschaften zuständig.»

Das Nachschlagewerk «Who’s Who in the Arabic World» führt Kaddoumi tatsächlich erst ab Juli 1974 als palästinensischen Aussenminister. Von 1968 bis 1974 besetzte Khaled al-Hassan den Posten. Der aktuelle palästinensische UNO-Botschafter in Genf, Ibrahim Khraishi, bestätigt: «Es ist ausgeschlossen, dass Kaddoumi 1970 Aussenbeauftragter war.» Das Aushandeln von Stillhalteabkommen hätte ohnehin nicht zu seinen Kompetenzen gehört, «das war Aufgabe der Geheimdienste», so Khraishi.

Kaddoumi war in Amman

Barakat hinterfragt einen weiteren Punkt in «Schweizer Terrorjahre»: dass der in Beirut weilende Kaddoumi während der Zerqa-Krise im September 1970 von der Schweiz um Hilfe gebeten worden und vor einer Reise an ein «Aussenministertreffen in Paris» bereit gewesen sei, in Genf einen Zwischenhalt einzuschalten. Gemäss Barakat war Kaddoumi nämlich im September 1970 keine Sekunde in Genf oder Paris und auch nicht in Beirut, sondern in der jordanischen Hauptstadt Amman. Mehr noch: Kaddoumi gelangte in jordanische Gefangenschaft, als ein Teil der Flugpassagiere aus der Schweiz noch in Geiselhaft war.

«Das gesamte PLO-Exekutivkomitee war in Amman, und Kaddoumi landete im Gefängnis», bestätigt Nabil Shaath die Recherchen des TA. Der frühere palästinensische Aussenminister ist heute aussenpolitischer Berater von Präsident Mahmoud Abbas. Damalige Agenturmeldungen von AP und UPI stützen seine Angaben. Dass Kaddoumi im September 1970 in Jordanien im Gefängnis sass, ist unter Historikern, darunter Henri Laurens, Professor am Collège de France, unbestritten. Laurens schreibt 2011 im Standardwerk «La question de Paléstine», die Jordanier hätten Kaddoumi vom 20. bis zum 28. September 1970 festgehalten.

In Gefangenschaft gerieten PLO-Vertreter wie Kaddoumi, weil palästinische Guerilleros im September 1970 den jordanischen König Hussein I. stürzen wollten. Sie strebten die Kontrolle über den Staat an, dessen Bevölkerung mehrheitlich palästinensischer Abstammung war. Nach einem gescheiterten Attentat auf König Hussein am 1. September brach am 17. September ein Bürgerkrieg aus, den die Palästinenser später als «Schwarzen September» bezeichneten.

Dank der Vermittlung des ägyptischen Machthabers Gamel Nasser konnten die Gefangenen, inklusive Kaddoumi, schliesslich nach Kairo ausreisen, wo am 27. September ein Waffenstillstandsabkommen zustande kam. Ex-Aussenminister Shaath sagt: «Ich habe Kaddoumi Ende September in Kairo getroffen. Es ist ausgeschlossen, dass er in dieser Zeit in Genf war.»

War Kaddoumi allenfalls zwischen dem Beginn der Flugzeugentführung am 6. September und seiner Festnahme am 20. September in der Schweiz? Barakat und Shaath halten dies für ausgeschlossen. Shaath sagt: «Ich war damals mit Yassir Arafat ständig in Kontakt und hätte so etwas erfahren.» Barakat irritiert zusätzlich, dass Kaddoumi gemäss Gyr nach seinem Trip nach Genf an ein «Aussenministertreffen in Paris» gegangen sein soll, obwohl er ja nicht PLO-Aussenbeauftragter war.

Auch Marcel Boisard, der als IKRK-Delegierter in Amman die Freilassung der letzten Geiseln der Flugzeugentführung erwirkte, schliesst einen Abstecher von Kaddoumi nach Genf aus. Boisard sagt: «Die gesamte PLO-Führung war in Amman. Die Gewalt im Bürgerkrieg eskalierte, die Stadt war im Ausnahmezustand und während Tagen abgeriegelt. Der Flughafen war geschlossen. Ab- und Anreisen waren unmöglich.»

«Palästinensische Präsenz»

Der TA hat mit Unterstützung der palästinensischen UNO-Mission in Genf und auf anderen Wegen versucht, Kaddoumi zu erreichen. Am Montag kam von Botschafter Khraishi eine Absage: «Kaddoumi spricht nicht mehr mit Journalisten, egal welches Thema es betrifft.»

Was nach dem September 1970 geschah, beschreibt Barakat so: «Die PLO-Führung war noch bis August 1971 in Amman, wo der Schweizer Botschafter Kontakt zu ihr aufnahm und eine Delegation zu Gesprächen nach Bern einlud.» Im Februar 1971 reisten Barakat und sein Kollege Hanna Mikhail in die Schweiz. Auch die Regierungen in Paris, London und Bonn hätten sich zu dieser Zeit mit der PLO ausgetauscht, sagt Barakat. Das Gespräch ist in einer Aktennotiz des Aussendepartements vom 10. November 1971 dokumentiert mit der Angabe «Palästinensische Präsenz».

Barakat sagt: «Der PLO ging es darum, international anerkannt zu werden.» So kam die Idee auf, Barakat in Genf zunächst als Journalisten zu tarnen. 1972 wurde er als palästinensischer UNO-Vertreter zunächst in die Arabische Liga integriert. 1975 anerkannte die Schweiz die palästinensische UNO-Mission. «Danach – aber erst danach», erinnert sich Barakat, «ist dann auch Farouk Kaddoumi öfters nach Genf gekommen und hat die Stadt sehr geschätzt.»

Die NZZ kommentiert die Recherchen des TA nicht. Reporter Gyr will sich wie folgt zitieren lassen: «Aufgrund meiner Erfahrung mit Fragekatalogen des ‹Tages-Anzeigers› verzichte ich gerne auf eine Stellungnahme.»

Erstellt: 23.02.2016, 23:44 Uhr

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Walter Buser

Der Ex-Bundeskanzler lobt das Buch, teilt die These aber nicht

Der ehemalige Bundeskanzler Walter Buser hält einen Geheimdeal zwischen der Schweiz und der PLO für unwahrscheinlich. «Während der Flugzeugentführung nach Zerqa wäre es Aussenminister Pierre Graber wegen der vielen Sitzungen zeitlich gar nicht möglich gewesen, nach Genf zu reisen», sagt Buser, der damals die Bundesratssitzungen protokollierte. NZZ-Chefreporter Marcel Gyr habe ihm die These des klandestinen Abkommens schon während des Interviews für sein Buch präsentiert, worauf er Skepsis geäussert habe. Er habe Gyr nach der Lektüre des Buches «Schweizer Terrorjahre» nochmals in einem Brief mitgeteilt, dass er die These nicht teile, so Buser. Eine Kopie des Schreibens schickte er der interdepartementalen Arbeitsgruppe des Bundes, die untersucht, ob es ein Geheimabkommen gab oder nicht.

Als korrekt bezeichnet Buser Marcel Gyrs Schilderung über seine Erinnerungen an eine Bundesratssitzung: Dort habe Aussenminister Graber beiläufig erwähnt, es gebe gewisse Kontakte mit palästinensischen Kreisen, die SP-Nationalrat Jean Ziegler vermittelt habe. Auch lobt Walter Buser den Journalisten: «Gyr hat die Geschehnisse in Bern während der Flugzeugentführung und den politischen Notstand gut dargestellt.»

Dass das Strafverfahren gegen die mutmasslichen Attentäter im Fall Würenlingen nicht weiterverfolgt wurde, führt der ehemalige Bundeskanzler aber nicht auf ein angebliches Geheimabkommen zurück. Er gehe vielmehr davon aus, sagt er, dass die Bundesanwaltschaft diesen Fall wegen «Aussichtslosigkeit, die Schuldigen je vor Gericht zu bringen, ad acta legte». (phr)

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