Die Stimme des Bundesrates ist verstummt

Als Bundesratssprecher verkörperte Achille Casanova wie kein zweiter Konkordanz und Mehrsprachigkeit der Schweiz. Am Sonntag ist er 74-jährig verstorben. Ein Nachruf.

Beklagte nach seinem Rücktritt im Sommer 2005 die zunehmende Intoleranz in der Politik: Achille Casanova. Foto: Keystone

Beklagte nach seinem Rücktritt im Sommer 2005 die zunehmende Intoleranz in der Politik: Achille Casanova. Foto: Keystone

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Er war die Stimme der Landesregierung, als es formell noch keinen Bundesratssprecher gab. Der Tessiner Achille Casanova informierte als Vizekanzler zwischen 1981 und 2005 an rund 1500 Medienkonferenzen über die Geschäfte des Bundesrates. Immer war er ein loyaler, aber niemals serviler Diener der Landesregierung, die er manchmal auch besser erscheinen liess, als sie war. «Das haben wir an Achille geschätzt», sagte Alt-Bundesrat Samuel Schmid gestern gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Wenn Casanova mit seiner sonoren, warmen Stimme («la voce») Regierungsentscheide kommentierte, vermittelte er den Eindruck, sieben Freunde hätten einträchtig zusammengesessen.

Casanova verkörperte die Mehrsprachigkeit der Schweiz wie nur wenige in Bundesbern. Er beantwortete die Journalistenfragen oft auf Französisch, etwas weniger häufig auf Deutsch, immer mit dem charmanten italienischen Timbre. Gelegentlich wechselte er auch ins Italienische, nur eines mochte er nicht: Wenn ein Grünschnabel unter den Bundeshauskorrespondenten im Zimmer 86 eine Frage auf Schweizerdeutsch stellte. Dann antwortete er schon mal im Tessiner Dialekt, um klarzustellen, welches die Gepflogenheiten im Bundeshaus sind. Unvergessen sind seine dreisprachig geführten Interviews mit neugewählten Mitgliedern des Bundesrates.

Mit 22 Jahren war Casanova nach Bern gekommen, um Rechts- und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Noch während des Studiums begann er als Journalist für die Schweizerische ­Depeschenagentur (SDA) zu arbeiten. Danach war er zehn Jahre Bundeshauskorrespondent des Tessiner Fernsehens. 1981 wurde der CVP-Mann zum Vizekanzler gewählt und wohnte von da an 1180 Bundesratssitzungen bei. Er arbeitete mit 26 Bundesräten zusammen, die Liste reicht von Kurt Furgler und Willi Ritschard über Elisabeth Kopp und Otto Stich bis zu Pascal Couchepin und Christoph Blocher. Mit allen Bundesratsmitgliedern habe er ein Vertrauensverhältnis aufbauen können, sagte Casanova einmal. Der Abschied fiel ihm jeweils schwer, wenn jemand aus dem Kollegium ausschied. Besonders berührten ihn die unfreiwillige Demission von Elisabeth Kopp, der Rücktritt von Jean-Pascal Delamuraz wegen eines Krebsleidens und die Abwahl Ruth Metzlers.

Er litt unter der Polarisierung

Im Jahr 2000, nach gehäuften Kommu­nikationspannen im Bundesrat, erhielt Casanova offiziell den Status eines Bundesratssprechers – ein Novum im Bundesstaat. Am Ende seiner Amtszeit­ bekundete er aber zunehmend Mühe mit der Polarisierung der Schweizer Politik, die 2003 mit der Wahl Christoph Blochers auch im Siebnergremium ­Einzug hielt. Nach seinem Rücktritt im Sommer 2005 beklagte Casanova in einem Interview die zunehmende Intoleranz in der Politik. Es fiel ihm schwer, dass Bundesratsentscheide nur noch als Sieg oder Niederlage einer Partei gesehen wurden. In einem Land, das nur aus Minderheiten bestehe, brauche es die Toleranz gegenüber Andersdenkenden, mahnte er.

Nach seinem Rücktritt wurde Casanova Ombudsmann bei der SRG. In den fast elf Jahren behandelte er rund 2000 Eingaben zu Radio- und Fernsehsendungen. Auf den 1. April dieses Jahres gab er das Amt an Roger Blum weiter. Am Sonntagabend verstarb Casanova nach schwerer Krankheit in Bern. Er wäre am 2. Oktober 75 Jahre alt geworden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 20:49 Uhr

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