Die Street-Parade der Trachtenvereine

Schwyz wird zum Laufsteg schweizerischen Brauchtums. Trachtenträger aus allen Kantonen treffen sich zum «Eidgenössischen».

Traditionsverbunden: Vertreter der Kantonalverbände am Schwing- und Älplerfest 2007 in Aarau.

Traditionsverbunden: Vertreter der Kantonalverbände am Schwing- und Älplerfest 2007 in Aarau. Bild: Keystone

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Der Talkessel am Fuss der Mythen vibriert. Denn Schwyz erwartet von heute bis Sonntag am Eidgenössischen Trachtenfest 30'000 bis 40'000 heimatverbundene Besucher, darunter Bundespräsidentin Doris Leuthard als Festrednerin und Christoph Blocher als einen der Hauptsponsoren. Hunderte von Helfern haben sich ins Zeug gelegt für die grösste Modenschau des föderalistischen Brauchtums, die nur alle zwölf Jahre stattfindet: Am Umzug vom Sonntag mit 50 Formationen werden sie vor dem Auge der TV-Nation die Vielfalt der Schweizer Trachten präsentieren. Ihr Motto: «Mitenand im Trachtegwand».

Es mangelt an Nachwuchs

Allein der Berner Verband (mit knapp 4000 Trachtenfreunden der grösste im Land) reist laut Obmann Heinz Wüthrich mit 1800 Mitgliedern an. Die Beteiligung der Zürcher Sektion, die 2200 Mitglieder umfasst, schätzt deren Präsident Peter Ringger auf über 30 Prozent. Ob der Aufmarsch in 12, 24 oder 48 Jahren noch so gross sein wird, ist allerdings ungewiss: Bis vor gut 20 Jahren nahm die Zahl der Trachtenvereinigungen stetig zu, seither geht sie zurück. Heute seien es noch rund 20'000 Aktivmitglieder, sagt Geschäftsführer Johannes Schmid-Kunz. Die Zahl der Trachtenbesitzerinnen schätzt er allerdings auf das Vierfache.

Doch es mangelt an Nachwuchs. «Die Jungen wollen sich nicht mehr binden», sagt der Berner Obmann Wüthrich. Für Projektchöre oder -tanzgruppen, die für eine Aufführung zusammenfinden und sich dann wieder auflösen, sei noch Interesse vorhanden. Für Vereinsverbundenheit eher nicht. Der Berner Verband hat deshalb eine Mitgliederwerbekommission gegründet. Der Zürcher Präsident Ringger bestätigt den Trend: «Es sterben mehr Mitglieder weg, als neue hinzukommen.» Vor allem die 12- bis 20-Jährigen seien gegen die Konkurrenz des riesigen Freizeitangebots schwierig für Trachten zu gewinnen. Viel Potenzial sieht er bei Volkstanzgruppen für die 4- bis 10-Jährigen. «Danach gehen sie ihre eigenen Wege. Doch wenn sie als Erwachsene sesshaft werden und eine Familie gründen, kommen sie zurück.»

Verband muss sich öffnen

Die Rettung des Trachtenbrauchtums liegt für Ringger besonders im urbanen Kanton Zürich darin, dass sich der Verband öffnet, Swissness mit Crossover-Projekten fördert und etwa Rapper, Steelbands und Jazzmusiker statt nur Handörgeli-Duos einlädt.

Ohnehin hat das Trachtenwesen als Ausdruck der nationalen Identitätsfindung, geistigen Landesverteidigung und Abgrenzung im 20. Jahrhundert eine starke urbane Tradition. Das erste gesamtschweizerische Trachtenfest sei 1896 in Zürich vom Lesezirkel Hottingen in der alten Tonhalle durchgeführt worden, alle übrigen (mit Montreux als Ausnahme) ebenfalls in grossen Städten wie Bern, Basel, Genf und Luzern, sagt Verbandsgeschäftsführer Schmid-Kunz: «Das Fest im ländlichen Schwyz ist eine Premiere.»

Weltoffene Traditionalisten

So düster wie die Obmänner aus Zürich und Bern sieht Schmid-Kunz die Zukunft nicht. Seine 10-jährige Tochter und ihre Freundin seien am Tag nach einem Tanzfest selbstbewusst mit der Tracht zur Schule gegangen und hätten keinerlei Befremdung ausgelöst. Die Trachtenträger sind für Schmid-Kunz «traditionsbewusste, aber weltoffene Leute ohne ausgeprägte nationalistische Ader». Hauptmotiv sei die Lust auf gemütliche Unbeschwertheit im Kreis von Gleichgesinnten. Als Eigenart gegenüber anderen folkloristischen Grossanlässen hebt Schmid-Kunz die Authentizität des Trachtenfestes hervor: «Wir machen keine Konzessionen an den Kommerz und stellen weder eine Chilbi noch ein Riesenrad auf.»

Für Unterhaltung ist am Trachtenfest trotzdem genügend gesorgt. Dutzende von Volksmusikkapellen sowie Handörgeli- und Schwyzerörgeli-Duos spielen zum Tanz auf, und fast durchgehend singen in Trachten gewandete Chöre zur Freude von Tausenden urbaner Sympathisanten: Diese finden laut soziologischen Studien in Krisenzeiten wieder besonderen Gefallen an traditionellen Werten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2010, 22:06 Uhr

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