Die Technikgläubigkeit der Grünen

Die Initiative «Grüne Wirtschaft» verspricht Nachhaltigkeit dank Technik und Regulierung. Kritiker fordern andere Massnahmen – und stören sich an der grünen Planwirtschaft.

Grüne Energie für den Kämpfer im Namen der Initiative: Nationalrat Bastien Girod. Foto: Esther Michel

Grüne Energie für den Kämpfer im Namen der Initiative: Nationalrat Bastien Girod. Foto: Esther Michel

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Im Initiativtext der «Grünen Wirtschaft» heisst es: «Bis ins Jahr 2050 wird der ökologische Fussabdruck der Schweiz so reduziert, dass er, auf die Weltbevölkerung hochgerechnet, eine Erde nicht überschreitet.» Der ökologische Fussabdruck, auch Footprint genannt, misst den Verbrauch an natürlichen Ressourcen. Er stellt den Verbrauch dem Angebot der Erde gegenüber. In Landfläche ausgedrückt, zeigt er den Ressourcenbedarf einer Person, eines Staates oder der Weltbevölkerung. Nachhaltig wäre ein Fussabdruck mit dem Wert 1 Planet. Aktuell umfasst der Footprint der Weltbevölkerung eine Fläche von 1,6 Planeten. Lebten alle Menschen wie die Schweizer, würde es 3,3 Erden brauchen.

Entwickelt wurde diese Buchhaltung des Ressourcenverbrauchs Anfang der 90er-Jahre vom Basler Nachhaltigkeitsforscher Mathis Wackernagel und dem kanadischen Professor William Rees. Die Stärke des Konzepts ist zugleich seine Schwäche: Sein Reduktionismus veranschaulicht den Ressourcenverbrauch und ist damit gut kommunizierbar und öffentlichkeitswirksam. Dafür vernachlässigt der Footprint gewisse Aspekte der Nachhaltigkeit. «Allein schon deshalb eignet er sich nicht als zentrale Steuerungsgrösse für eine moderne Volkswirtschaft», kritisiert Daniel Müller-Jentsch vom liberalen Thinktank Avenir Suisse. Die Initianten vergleichen den Footprint mit dem Bruttoinlandprodukt (BIP), das ebenfalls nicht alle Facetten des Wohlstands abbilden könne.

Girods Footprint: 2 Planeten

Auf der Website von WWF Schweiz lässt sich mittels eines Rechners der persönliche Fussabdruck spielerisch berechnen. 27 Multiple-Choice-Fragen müssen beantwortet werden, gewichtet wird wie folgt: allgemeiner Konsum (31 Prozent), Ernährung (28 Prozent), Wohnen (19 Prozent), private Mobilität (12 Prozent), Staat und Gesundheit (10 Prozent). Bastien Girod, Zürcher Nationalrat der Grünen und wissenschaftlicher Mitarbeiter der ETH, kämpft an vorderster Front für die Initiative. Er hat nach eigenen Angaben eine Umweltbelastung von «etwa 2 Planeten». 2011 füllten die Zürcher Regierungsratskandidaten auf Anfrage des TA den Fragebogen aus: Der heutige Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) kam auf 2 Planeten, Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) auf 2,4.

Wer bereits heute nachhaltig im Sinne der «Grünen Wirtschaft» lebt, muss sich gewaltig einschränken: nur einheimisches Obst und Gemüse, keine Milchprodukte, keine Eier, kein Fleisch und Fisch, fast kein Kaffee und Alkohol, der Rest muss biologisch sein, und nichts darf weggeworfen werden. Bei der Mobilität muss komplett auf das Autofahren, Fliegen und ÖV verzichtet werden – erlaubt ist nur die Fortbewegung durch menschliche Kraft. Wohnen sollte man nur auf einer Fläche von weniger als 30 Quadratmetern pro Person, dies möglichst in einem Mehrpersonenhaushalt und am besten mit Minergie-A-Standard (Nullenergie). Wer unbedingt heizen will, sollte es nur mit Sonnenkollektoren tun und den Thermostat nicht höher als 17 Grad einstellen. Der kleine Kühlschrank muss wiederum mindestens über die Effizienzklassifizierung A++ verfügen, Beleuchtung ist nur mit Energiesparlampen erlaubt, der Strom muss zu 100 Prozent ökologisch sein.

Kein Wunder, dass die Gegner der «Grünen Wirtschaft» leichtes Spiel haben: Die Initiative wolle das Warmduschen verbieten, Kaffee und Fleisch vom Menü der Bevölkerung streichen und Benzin bis 2050 auf 5 Franken pro Liter verteuern. Die Befürworter können über solche Behauptungen nur den Kopf schütteln. Christoph Rytz, der Kommunikationschef von WWF Schweiz, sagt: «Es geht bei der Initiative nicht um den individuellen Footprint. Die Initiative fordert nicht, dass alle Schweizer durch ihr individuelles Konsumverhalten einen Fussabdruck von 1 Planeten bis 2050 erreichen müssten.» Korrekt sei vielmehr, dass die Initiative wirksame Massnahmen nur von der Wirtschaft fordert. «Der Lebensstil der Bevölkerung ist und bleibt auch mit der Initiative Privatsache», so Rytz.

Gefahr des Rebound-Effekts

Gemäss den Buchstaben des Initiativtextes hat der WWF, der zusammen mit 25 Parteien, Verbänden und Organisationen die «Grüne Wirtschaft» fordert, recht. Dort heisst es: «Bund, Kantone und Gemeinden streben eine nachhaltige und ressourceneffiziente Wirtschaft an.» Zur Verwirklichung könne der Bund Forschung, Innovation und Vermarktung von Gütern und Dienstleistungen fördern, Vorschriften für Produktionsprozesse erlassen oder steuerliche Anreize schaffen. «So schafft die Initiative die richtigen politischen Rahmenbedingungen, um Konsumenten ein umweltfreundliches Leben zu erleichtern und die Unternehmen im Wandel zur ‹Grünen Wirtschaft› zu unterstützen», sagt Christoph Rytz.

Aber kommt das nicht auf das Gleiche heraus wie bei einem individuellen Footprint? Eine zur Nachhaltigkeit verpflichtete Wirtschaft und Politik schränkt automatisch durch ihr Angebot den Lebensstil ein. Teslas würden künftig steuerbefreit herumfahren, während benzinbetriebene Offroader steuerlich bestraft würden. Oder um die Vielfliegerei einzuschränken, ist eine Besteuerung des Kerosins überfällig. Girod löst den Widerspruch so auf: «Wer heute einen Fussabdruck von 3 Erden aufweist, kann 2050 bei gleichem Konsumverhalten auf eine Erde kommen – dank dem technischen Fortschritt und einer nachhaltig produzierenden Wirtschaft.»

Wachstumskritiker warnen, dass ein ruinöser Konsum bloss mit vermeintlich grünem Konsum ersetzt werde.

Zweifel sind angebracht. Man denke nur an den Rebound in der Energieökonomie. Dieser Abpralleffekt besagt, dass der technische Fortschritt laufend durch Zuwachs an Grösse, Leistung und Ausstattung zunichtegemacht wird. Zum Beispiel bei den Autos: Trotz einer 30-prozentigen Effizienzsteigerung der Motoren ist seit dem Jahr 1990 der durchschnittliche CO2 aller Personenwagen in der Schweiz kaum gesunken. Im Luftverkehr nahm die Energieeffizienz um 40 Prozent zu, aber der Verbrauch stieg aufgrund erhöhter Flugzahlen um 150 Prozent.

Wachstumskritiker warnen, dass ein ruinöser Konsum bloss mit vermeintlich grünem Konsum ersetzt werde. «Ich glaube nicht an den technischen Fortschritt», sagte der deutsche Professor für Produktion und Umwelt, Niko Paech, im «Spiegel». An einem genügsameren und sesshafteren Lebensstil würde kein Weg vorbeiführen.

Technik soll helfen

Bastien Girod, der über den Rebound-Effekt doktorierte, widerspricht: «Für den Energieverbrauch ist der Rebound viel relevanter als für die Umweltbelastung.» Deshalb könne man die Umweltbelastung komplett vom Konsum entkoppeln. «Luftschadstoffe wie Schwefel oder Blei wurden in den letzten 30 Jahren trotz Mehrkonsum um mehr als den Faktor vier reduziert.» Genauso würden Ecodesign, erneuerbare Energie und Wiederverwertung ermöglichen, dass man mehr konsumieren und trotzdem die Umweltbelastung um das Vierfache reduzieren könne.

Ökonom Daniel Müller-Jentsch glaubt ebenfalls an die positive Wirkung des technischen Fortschritts: «Durch die Digitalisierung beispielsweise kommt es in vielen Bereichen zu einer Entmaterialisierung des Konsums.» Aber dafür brauche es keine in alle Lebensbereiche hineinsteuernde Planwirtschaft, «zumal für die meisten betroffenen Politikfelder bereits konkrete Zielvorgaben und Strategien existieren». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2016, 09:32 Uhr

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