Die Typen von der Mitte

Im Unternehmen Mitte in Basel entstand die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. So wie dieser Ort sähe die Schweiz aus, wenn es ein Grundeinkommen gäbe.

«Es ist ein Nullsummenspiel»: Daniel Häni (links) und Kampagnenleiter Che Wagner in ihrem Büro. Foto: Basile Bornand (13 Photo)

«Es ist ein Nullsummenspiel»: Daniel Häni (links) und Kampagnenleiter Che Wagner in ihrem Büro. Foto: Basile Bornand (13 Photo)

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Zuerst brennt die Sonne, dann regnet es. Daniel Häni, Co-Chef des Unternehmens Mitte, unterbricht das Gespräch und kurbelt die Storen herunter. Er muss ohnehin bald weiter. Auf dem Marktplatz, ein paar Schritte weiter, wartet ein Team von ORF. Eine Plastikplane wird später auf dem Platz ausgebreitet, das Kamerateam steigt auf das Dach des Rathauses und filmt von oben. Trockenes Wetter wäre von Vorteil.

Die mediale Aufmerksamkeit am Grundeinkommen ist riesig. Häni, der an diesem Frühlingsnachmittag vom Kampagnenverantwortlichen Che Wagner begleitet wird, ist ständig am Telefon. Nicht nur Schweizer Medien wollen mit ihm reden, auch die «Zeit» hat über sein Unternehmen berichtet, das Bayrische Fernsehen, die Berliner TAZ, die «Süddeutsche Zeitung» und viele andere. Im Gegensatz zum fiebrigen Interesse der Medien steht die fast schon irritierende Nonchalance, mit der Häni die Journalisten empfängt. Es gibt keine Begrüssung, keine Ansprache, keine Ansage, nichts. Die Helfer der Grundeinkommen-Initianten sind zum Marktplatz gekommen, um Flyer zu verteilen, sie begrüssen einander gut gelaunt. Die ORF-Leute stehen etwas orientierungslos herum, einige Passanten verlangsamen den Schritt. «Kannst du uns sagen, was jetzt dann geschieht?», fragt Häni einen aus seinem Team, und, als dieser ansetzt: «auf Hochdeutsch, bitte». Das sei nun fast schon aussergewöhnlich autoritär gewesen, sagt Che Wagner und lächelt. Normalerweise gibt Häni kaum Anweisungen. Im Unternehmen Mitte ist jeder der Chef – in seinem Bereich.

Gusseisen und Marmor

Die «Mitte», wie sie die Basler nennen, ist ein alternatives Kultur- und Begegnungszentrum mitten in der Stadt, laut Häni «das grösste Kaffeehaus der Schweiz». Vor 17 Jahren haben er und zwei Kollegen das Gebäude der Credit Suisse für faire 10 Millionen Franken abgekauft, mithilfe der Stiftung Edith Maryon, die soziale Wohn- und Arbeitsstätten fördert und der viele Liegenschaften in und um Basel gehören, unter anderem zwei Steiner-Schulen. Das Geld kam also von der Stiftung, die Idee von Häni.

In der Schalterhalle der früheren Volksbank wird heute Kaffee serviert, über die Steintreppe mit dem gusseisernen Geländer gelangt man in die oberen Etagen, wo einstige Bankdirektoren-Séparées und Comptoirs heute für Anlässe vermietet werden. In einem kirchenähnlichen Saal werden Yoga und Mediation unterrichtet, in der «Kombüse» wird Essen ausgegeben. Und dort, wo früher die «TagesWoche» gemacht wurde, ist heute das Kampagnenlabor, das Basislager der Grundeinkommen-Initiative. Die oberste Etage bewohnt Daniel Häni. Er hat an diesem Nachmittag keine Zeit, seine Wohnung zu zeigen, aber man kann sich die grossartige Loftwohnung und den Ausblick vorstellen.

Der Kaffee ist hier teurer als anderswo. Doch man muss ihn nicht konsumieren, um in einer der drei Kaffeestuben Platz nehmen zu dürfen. Man kann auch einfach Zeitung lesen, WLAN benutzen und die Kinder herumkrabbeln lassen. Die Kundschaft ist vielfältig: Nicht nur Wolle-Bast-Outfits prägen das Bild, auch Krawattenträger machen hier Kaffeepause. Doch das Unternehmen hat auch seine Kritiker: Die «Mitte- Typen» gelten bei manchen als sektiererisch und verschroben, Daniel Häni werden zwiespältige Fähigkeiten nachgesagt: Ideenreichtum und Unternehmergeist, aber auch Verführungskünste. Er könne Leute von seinen Ideen überzeugen, ohne dass diese danach in Worte fassen könnten, warum sie ein Projekt gut finden. So kam er auch zu dem Prachtbau an bester Lage: durch Beziehungen in Wirtschaftskreise, die er zu nutzen wusste. Selbst der damalige CS-Chef Lukas Mühlemann war von der Geschäftsidee überzeugt.

Sie scheint zu funktionieren: Das Unternehmen Mitte setzt mittlerweile vier Millionen Franken pro Jahr um, das Ergebnis schwankt. Mal schreibe man Gewinn, mal Verlust, sagt Häni. Jedenfalls werde jeder erwirtschaftete Franken reinvestiert, niemand dürfe Gewinn aus der Firma nehmen. Der Stiftung bezahlt das Unternehmen eine Kostenmiete, also die tatsächlich anfallenden Kosten; nicht den Preis, den die Eigentümerin verlangen könnte.

«Das Geld ist schon da»

Doch über Zahlen redet Daniel Häni weniger gern. Es brauche nicht mehr Geld für das Grundeinkommen, als schon da sei, sagt er. «Jeder hat heute schon ein Grundeinkommen. Neu wäre nur die Bedingungslosigkeit der Existenz.»

Im Gespräch mit Häni entsteht der Eindruck, dass er sich auf einer anderen, höheren Ebene befindet als die Fragestellerin. Ihn interessieren Gedanken, Ideen, Visionen, Projekte. Finanzierungsmodelle langweilen ihn. So hält er auch nichts von der Mikrosteuer auf Finanztransaktionen, die Mitinitiant Oswald Sigg zur Deckung des Grundeinkommens vorschlägt. Die Frage, warum der Bundesrat eine Finanzierungslücke von 25 Milliarden errechnet hat, die Initianten aber von 2 Milliarden sprechen, führt ins Nichts. «Es ist ein Nullsummenspiel», sagt Häni. Das Grundeinkommen sei «kein Mathetest». Die Frage sei, ob wir es unseren Mitmenschen bedingungslos gönnen oder nicht.

«Übrigens: Haben Sie schon einen Flyer?», fragt er unvermittelt und zieht eine Zehnernote aus dem Hosensack. 1000 solcher Nötli wurden beim Kampagnenstart am HB Zürich in den Stosszeiten des frühen Morgens verteilt. Die Zehnernote symbolisiert: Warum guckst du so, wenn du bedingungslos Geld bekommst? Ist dein Verhältnis zu Geld gestört? Ist unser aller Verhältnis zu Geld gestört? Falls ja, so die implizite Schlussfolgerung, lass es uns mit einem Grundeinkommen versuchen.

Daniel Häni weiss um die Kraft und die Symbolik einprägsamer Bilder: ein Berg Fünfräppler vor dem Bundeshaus, Geldscheine als Werbemittel. Doch die Zehnernote-Aktion hat auch einen pragmatischen Hintergrund: Flyer hätten ähnlich viel gekostet (es wären dann allerdings mehr als 1000 Flyer gedruckt worden, und die Verteilaktion hätte länger als eine Viertelstunde gedauert). Der Einfachheit halber entschieden sich die Initianten, die Noten gleich in bar zu verteilen.

Es ist dieses Spannungsfeld, in dem sich auch das Unternehmen Mitte bewegt: zwischen Pragmatismus und anthroposophisch-visionärem Lebensstil. Steiner-Schüler Häni ist im bernischen Mühleberg aufgewachsen, kam mit 21 nach einer Lehre als technischer Zeichner und einem abgebrochenen Studium als Siedlungsplaner nach Basel, besetzte Häuser, las mit 24 zum ersten Mal vom bedingungslosen Grundeinkommen und ist seither beseelt davon. Zusammen mit dem Künstler Enno Schmidt habe er die Initiative ab 2006 so weit vorbereitet, dass sie startklar war für den Fall, dass jemand kommt und den Anstoss gibt. Tatsächlich: «2009 kam der Zürcher Flügel mit Daniel Straub und Christian Müller auf uns zu. Sie kamen mit der Überzeugung, dass es der richtige Zeitpunkt war, die Initiative zu lancieren.»

Alles kann, nichts muss. Das strahlt Häni aus, wenn er – eingehüllt in die allwettertaugliche Daunenjacke und mit einer Zigarette in der Hand – auf dem Pflastersteinplatz vor der «Mitte» sitzt. Und dieser Geist weht durch die Marmorhallen der einstigen Volksbank.

Man ahnt es: So wie dieser eigensinnige und geschäftige Mikrokosmos würde die Schweiz aussehen, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe. Zumindest in der Vorstellung der Basler Initianten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2016, 20:57 Uhr

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