Die Urner Verwaltung beeinflusste eine Schlüsselperson im Fall Walker

Trotz Gewaltentrennung: Der Justizvollzug des Kantons mischte sich in den umstrittenen Gerichtsfall ein.

Verurteilter Auftragsschütze: Sasa Sindelic wird von der Polizei anlässlich des Berufungsprozesses im Fall Ignaz Walker zum Rathaus in Altdorf gebracht. Bild: Keystone/Alexandra Wey

Verurteilter Auftragsschütze: Sasa Sindelic wird von der Polizei anlässlich des Berufungsprozesses im Fall Ignaz Walker zum Rathaus in Altdorf gebracht. Bild: Keystone/Alexandra Wey

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als die Sache brenzlig wurde, schaltete sich die Urner Justizverwaltung in den pannenreichen Straffall Ignaz Walker ein. Sie nahm Einfluss auf eine Schlüsselperson im Verfahren gegen den Ex-Zuhälter Walker, der wegen eines angeblichen Mordauftrags angeklagt ist. Ein Sprecher des Kantons Uri sagt, die Justizdirektion habe sich nicht speziell um den inhaftierten Mann gesorgt: Alles sei «stets im Rahmen der massgebenden gesetzlichen Grundlagen» und «korrekt gehandhabt worden». Der Gefangene habe um ein Vollzugsgespräch ersucht.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Gewaltentrennung respektiert worden ist. Ein hochrangiger Vertreter des Urner Justizdepartements stand in engem Kontakt mit einem mutmasslichen Komplizen Walkers. Die Altdorfer Administration wählte dem verurteilten Sasa Sindelic gemäss TA-Recherchen sogar eine Anwältin aus, die versuchte, die Ausstrahlung eines TV-Interviews zu verhindern. Dieses Sindelic-Interview ist nun im Walker-Prozess ein zentrales Beweismittel.

«Die Schuld frisst mich auf»

Alles begann vor fast einem Jahr. Sindelic schreibt der TV-Sendung «Rundschau», er wolle auspacken: «Die Schweizer Bürgerinnen und Bürger sollen sehen, dass die Wahrheit früher oder später immer ans Licht kommt.» Er habe aber Angst, dass er danach nicht wegen guter Führung vorzeitig aus dem Strafvollzug entlassen und «schikaniert werde». Ein Fernsehjournalist besucht den zu achteinhalb Jahren Gefängnis Verurteilten in der Berner Strafanstalt Thorberg. Sindelic verfasst einen Text über eine von langer Hand geplante Intrige: Er, das angebliche Opfer und dessen neuer Partner hätten 2010 den Angriff auf Walkers Noch-Frau inszeniert, um den Nachtclub-Betreiber hinter Gitter zu bringen. Darüber will Sindelic auch reden. Seine Beweggründe: «Die Schuld frisst mich auf. Ich kann nicht mehr schweigen.»

Doch plötzlich will Sindelic, der zweimal schriftlich in ein Interview eingewilligt hat, nicht mehr interviewt werden. Seine Begründung: Er habe sich mit dem Abteilungsleiter Strafvollzug des Kantons Uri über eine vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis unterhalten. Joseph Zurfluh habe ihm gesagt, es sehe gut aus, dass er nach Verbüssung von zwei Dritteln der Strafe freikomme. Zurfluh habe ihm, so Sindelic, aber geraten: «Was das Fernsehen angeht, soll ich einfach nichts mehr sagen, da es sonst für mich schlimmer kommen könnte. Ich muss zugeben, dass mir die Aussage von Herrn Zurfluh sehr Angst gemacht hat.»

Gemäss einem Sprecher des Kantons gab es diesen Ratschlag des Strafvollzugs-Chefs nie: Als der Inhaftierte sich zu Walker geäussert habe, sei er «deutlich darauf hingewiesen» worden, «dass diese Thematik nicht Sache der Vollzugsbehörde sei». Die Gewaltentrennung wäre also respektiert worden.

Richterschwester eingeschaltet

Sindelic ist hin- und hergerissen. Doch am 21. Mai 2015 erzählt er rund eine Stunde lang vor laufender Kamera von der angeblichen Verschwörung. Die «Rundschau» informiert Oberstaatsanwalt Imholz über den brisanten Inhalt. Sindelic schreibt Strafvollzugs-Chef Zurfluh, dass sein Interview in etwa drei Wochen ausgestrahlt werde.

Plötzlich will Zurfluh Sindelic auf dem Thorberg besuchen. Doch als die «Rundschau» davon erfährt, sagt der Strafvollzugs-Chef seine Reise ins Bernbiet kurzfristig wieder ab, angeblich aus Termingründen. Stattdessen gibt es ein Telefonat mit Sindelic. Dem Gefangenen wird in Aussicht gestellt, dass ein lange gehegter Wunsch erfüllt wird: die Verlegung in die Zuger Strafanstalt Bostadel. Postwendend schreibt Sindelic einen Brief an den Justizvollzugs-Chef, vor dem er eben noch Angst gehabt haben will. Darin steht, dass «Herr Zurfluh immer korrekt war». Sindelic möchte plötzlich nicht mehr, dass sein Interview ausgestrahlt wird: «Das TV schiebt mich in eine Richtung, die nicht meine ist.»

Aus Altdorf wird eine Liste mit Urner Anwälten auf den Thorberg geschickt. Sindelic bekommt den Hinweis, er solle die darauf aufgeführte Ruth Wipfli-Stein­egger anrufen. Ein Sprecher des Kantons Uri sagt: «Das stimmt nicht.» Sindelic habe jene Liste mit Rechtsanwälten erhalten, die auch im Internet abrufbar sei. Jedenfalls wählt Sindelic die Nummer der Frau des Ex-FDP-Präsidenten Franz Steinegger, die auch die Schwester eines Oberrichters ist, der über Ignaz Walker urteilt. Der Gefangene hält fest, er habe der Anwältin nur kurz gesagt, «sie solle sich bei der Justizdirektion melden». Dort werde man ihr «alles erklären». «Danach habe ich nie wieder was von ihr gehört», schreibt Sindelic. Wer Wipfli-Steinegger bezahlt habe, wisse er nicht. Die Anwältin interveniert sofort beim Fernsehen und untersagt die Ausstrahlung des Interviews. Die Aussagen werden trotzdem ausgestrahlt.

Sindelic wird kurz darauf dazu einvernommen. Angesprochen auf die angeblichen Druckversuche des TV-Journalisten, sagt er: «Man drängte mich, Aussagen zu machen. Man hat mich aber nicht gedrängt, falsche Aussagen zu machen.» Vor dem Obergericht bestätigt Sindelic am 19. Oktober, seine Angaben im TV-Interview seien korrekt. Er befindet sich jetzt in Bostadel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2015, 07:36 Uhr

Artikel zum Thema

Verheimlichte Beweismittel und ein toter Drogenboss

Urner Oberstaatsanwälte hintergingen im Fall Ignaz Walker das Gericht. Sie müssen mit einem Strafverfahren rechnen. Mehr...

Widersprüche des «Auftragmord-Opfers»

Wer schoss auf die Frau des Urner Cabaretbetreibers Ignaz Walker? Vor Gericht verstrickte sie sich in Widersprüche. Mehr...

Es ist etwas faul im Lande Tells

Analyse Aus dem Fall Ignaz Walker ist ein Justizskandal geworden, wie ihn die Schweiz bisher kaum gekannt hat. Uri wird in den Grundfesten erschüttert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Mamablog Erstklassig unterwegs als Schwangere

Sweet Home Best of: Die 10 Gebote der Kochkunst

Die Welt in Bildern

Andocken: Ein F-22 Kampfjet der US-Luftwaffe tankt während eines Trainings in Norwegen mitten im Flug. (15. August 2018)
(Bild: Andrea Shalal) Mehr...