Video-Reportage

«Die Vereidigung war bewegend»

50 neue Parlamentarier hatten heute ihren Einstand in Bern. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat einen davon begleitet, den Ausserrhoder FDP-Nationalrat Andrea Caroni.

«Sehr bewegend»: Andrea Caroni über die Vereidigung. (Video: Jan Derrer)

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16 Uhr: Kurz nach der Vereidigung kommt Andrea Caroni aus dem Nationalratssaal, um in der Wandelhalle nochmals mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet zu sprechen. Viel Zeit hat er nicht, bei seiner Wahl zum Stimmenzähler muss er wieder am Platz sein.

«Es war ein sehr bewegendes Gefühl», sagt Caroni über die Vereidigung. «Die Landeshymne, das Rütli und das Schweizer Wappen - es war ein Gefühl von Glück und Erhabenheit, und Stolz, dabei sein zu können.»

Auf ins Bundeshaus

15.15 Uhr: Die Parlamentsmitglieder werden vereidigt, Noemi Nadelmann singt die Nationalhymne in vier Landessprachen.

13.30 Uhr: Die Eltern von Andrea Caroni und dessen Freundin gehen ins Bundeshaus, Caroni hat noch einen Termin beim Radio DRS.

Caroni setzt auf die herkömmliche Zauberformel

13 Uhr: Bevor das Mittagessen im Restaurant della Casa serviert wird, sagt Caroni im Interview, wie er sich den künftigen Bundesrat vorstellt: Die Zauberformel soll die alte bleiben, die drei grössten Parteien (gemessen am Stimmenanteil im Nationalrat) sollen je zwei Sitze erhalten. Der Logik, wonach SVP und FDP drei Sitze, die Mitte und die SP je zwei hätten, kann er nichts abgewinnen. Auch die Tatsache, dass CVP und FDP im Parlament gleich stark sind, zählt für ihn nicht: «Sitzzahlen sind durch Proporzglück stark verzerrt.» Er weiss, wen er wählen wird, sagt aber einstweilen nur: «Ich wähle mindestens zwei FDP-Vertreter.» Für kleine Parteien habe es im Bundesrat keinen Platz.

11.45 Uhr: Die Frisur ist fertig, Caroni bezahlt und geht ins Restaurant della Casa. Dort trifft er seine Amtsvorgängerin Marianne Kleiner, mit ihr und seiner Familie isst er zu Mittag.

Geplauder mit der Coiffeuse

11 Uhr: Nach dem Frühstück und einem Interview mit einer Appenzeller Lokalzeitung macht sich Andrea Caroni auf zum Bahnhof, wo er um 11 Uhr einen Termin fürs Haareschneiden hat. Immer zu einem Spässchen aufgelegt nimmt er auf dem Coiffeurstuhl die Kamera in die Hand und fotografiert in den Spiegel. Dann erzählt Caroni der Coiffeuse, Debora Wülser, von der bevorstehenden Vereidigung als Nationalrat. Während der ganzen Prozedur führt er mit ihr ein angeregtes Gespräch.

In diesem Coiffeur-Geschäft ist man sich den Umgang mit Politikern gewohnt, wenn es auch nicht jedes Mal «so auffällig» zu und hergehe, wie sich der Chef ausdrückt. Die Bundesräte Christoph Blocher und Micheline Calmy-Rey seien schon hier gewesen, Parlamentarier kämen auch regelmässig. Das habe mit den Öffnungszeiten und mit dem idealen Standort zu tun, mutmasst er.

Die Geheimnisse eines erfolgreichen Wahlkampfs

9.15 Uhr: Erich Niederer, Caronis Wahlhelfer und Präsident der SRG Ostschweiz, setzt sich an den Vierertisch in der Hotel-Lobby. Wir sprechen über Erwartungen gegenüber jungen Politikern ohne Leistungsausweis. «Bei Andrea Caroni muss man beachten, dass er mit seiner Wahl in den Nationalrat einen langjährigen populären SVP-Regierungsrat ausgestochen hat.»

Er habe im Wahlkampf wohl jedem Ausserrhoder die Hand geschüttelt, sagt Caroni. «Am Schluss waren wir auf jedem Viehmarkt». Er habe gemerkt, dass die Wahlberechtigten Wert auf den persönlichen Kontakt legen. «In Zürich ist das kaum möglich, aber bei uns besteht dieser Anspruch», sagt er. «Occupy Dorfplatz» sei zum Schluss sein Motto gewesen.

«Ich habe keine Mission»

8. 30 Uhr: In der Lobby des Hotels Bellevue erzählt der Jurist von seinen Plänen. Inhaltliche Schwerpunkte nennt er nicht. Er wolle kein Einthemenpolitiker werden, er habe keine politische Mission. «Ich muss ja bei jedem Dossier abstimmen.» Ob er nicht in einigen Jahren als profilierter Sachpolitiker mit spezifischen Kenntnissen wahrgenommen werden wolle, wird er gefragt. «Doch, das schon.» Staatsrecht und Aussenpolitik interessierten ihn besonders. Das Nachdiplomstudium in Boston dauert noch wenige Monate, nachher will er sich als Rechtsanwalt in Ausserrhoden selbständig machen. Vizepräsident der FDP zu werden könnte er sich vorstellen: «Wenn ich gefragt werden, überlege ich es mir.» Nationalrätin Doris Fiala hat in der Sonntagspresse Felix Gutzwiller als Präsident vorgeschlagen, Christian Wasserfallen und Andrea Caroni sollten sich das Vizepräsidium teilen. FDP-Präsident will Caroni aber nicht werden. «Das ist wohl der undankbarste Job in der Politik, den es gibt.»

Andrea Caroni fuhr mit seinen Eltern und seiner Freundin schon am Sonntag nach Bern. Nach einer Nacht im Hotel Bellevue steht am Montagvormittag einiges auf dem Programm: Frühstücken, Haare schneiden, Interviewtermin mit der «Appenzeller Zeitung», Stabsübergabe mit der Vorgängerin Marianne Kleiner, Mittagessen mit der Familie. Die Nationalratssession beginnt um 14.15 Uhr.

Vorschusslorbeeren

Christa Markwalder, Christian Wasserfallen und Raphael Comte bekommen ab heute Gesellschaft. Die nachrückende Generation der freisinnigen Bundeshausfraktion wird mit dem 31-jährigen Andrea Caroni um einen Kopf erweitert. Caroni ist es gelungen, den einzigen Ausserrhoder Nationalratssitz, der durch den Rücktritt von Marianne Kleiner freigeworden ist, für die FDP zu verteidigen. Das macht ihn zum Hoffnungsträger für die Partei der schwindenden Wählerschaft. Neben Wasserfallen ist auch Caroni als künftiger Vizepräsident der FDP im Gespräch.

Überhaupt wird Caroni, noch ehe er den Abstimmungsknopf seines Pults im Nationalratssaal ein erstes Mal getätigt hat, mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Das hängt auch damit zusammen, dass er für sein jugendliches Alter einen beachtlichen Lebenslauf (Anwaltspatent, Dissertation, mehrjährige Tätigkeit für Bundesrat Hans-Rudolf Merz) ausweist. Caroni befürwortet den Atomausstieg, wie er auf seiner Homepage schreibt.

Erstellt: 05.12.2011, 08:30 Uhr

«Die alte Zauberformel muss bestehen bleiben»: Andrea Caroni beim Mittagessen, kurz vor Sessionsbeginn. (Video: Jan Derrer)

Andrea Caroni beim Coiffeur. (Video: Jan Derrer)

«Mehr Krippen durch Abschaffen der elenden Hürden»: Andrea Caroni über Familienpolitik. (Video: Jan Derrer)

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