Interview

«Die Verschuldung mit Kundenkarten wird zunehmen»

Schweizer Betreibungsämter melden Rekordzahlen. Warum geraten Menschen überhaupt in die Schuldenfalle? Welche Rolle spielen Konsumkredite? Wo muss Schuldenprävention ansetzen? Antworten gibt Schuldenberater Mario Roncoroni.

Oft Folge von angehäuften Schulden: Der Zahlungsbefehl. (Archivbild)

Oft Folge von angehäuften Schulden: Der Zahlungsbefehl. (Archivbild)

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383'455 Zahlungsbefehle und 181'553 Pfändungen: Der Kanton Zürich verzeichnet fürs Jahr 2012 einen neuen Betreibungsrekord. Auch in anderen Kantonen haben die Betreibungsämter mehr Arbeit. Was läuft schief, Herr Roncoroni?
Menschen mit Schuldenproblemen verdienen zu wenig. Sie haben ein immer knapperes Budget, weil die Wohnkosten und Krankenkassenprämien ständig steigen. Immer mehr Leute arbeiten in prekären Angestelltenverhältnissen. Sie arbeiten auf Abruf, zum Beispiel in der Gastro- oder der Reinigungsbranche – und das begünstigt Verschuldungen, weil sie kein dauerhaftes Einkommen haben. Bei tiefen Einkommen müssten die Menschen stabil und besser verdienen. Das haben inzwischen auch bürgerliche Politiker begriffen, wie die Diskussion um Mindestlöhne zeigt.

Ist es nicht so, dass viele verschuldete Personen Dienstleistungen konsumieren und Produkte kaufen, die sie gar nicht brauchen? Ist es denn für einen 20-Jährigen nötig, ein teures Auto zu besitzen?
Solche Fälle gibt es natürlich auch, das will ich nicht in Abrede stellen. Wenn man das Phänomen der Verschuldung anschaut, darf man aber nicht auf die moralisierende Seite kippen und klagen, dass die Menschen zu viel konsumieren. Es ist zu einfach zu sagen, dass die Leute ihr Handy oder ihre Kreditkarte benutzen, ohne über die finanziellen Konsequenzen nachzudenken. All dies muss man in Zusammenhang stellen mit der realen Kaufkraft der Menschen. Wenn eine Person mit tiefem Einkommen bei den Ausgaben falsche Prioritäten setzt, gerät sie in finanzielle Probleme.

Viele Jugendliche haben im Elternhaus den Umgang mit Geld offenbar nicht gelernt. Darum ist die Schule – auch bei diesem Problem – umso mehr gefordert. Was kann die Schule punkto Prävention leisten?
Das Erlernen von Finanzkompetenz muss zum obligatorischen Schulstoff werden. Im Lehrplan 21 ist dies glücklicherweise auch vorgesehen. Dann können folgende Themen bearbeitet werden: Was ist überhaupt ein Budget? Wie funktioniert ein Budget? Die neue Staatskunde sollte auf alltagspraktische Fragen und Problemstellungen eingehen. Am Ende der Mittelschule sollte ein Gymnasiast wissen, weshalb er eine Steuererklärung ausfüllen muss. Oder auch, wie Krankenkassen funktionieren. Das Glücksspiel, das ein Verschuldungsfaktor sein kann, könnte zum Beispiel im Mathematikunterricht thematisiert werden. Anhand von Wahrscheinlichkeitsrechnungen kann man lernen, wie klein die Wahrscheinlichkeit ist, beim Roulette zu gewinnen.

In welcher Klasse soll der Geldunterricht beginnen?
Finanzkompetenzen können schon sehr früh erlernt werden. Dies muss allerdings altersgerecht erfolgen. Drittklässler müssen noch nicht wissen, wie ein Budget funktioniert. Sie können aber einfache Schulfeste organisieren, bei denen sie sich über Ausgaben und Einnahmen Gedanken machen müssen. So lernen sie den Umgang mit Geld.

Die Finnen sind Weltmeister im Zahlen von Rechnungen. Geld ist dort ein Schulfach. Was machen die Finnen sonst noch besser als die Schweizer?
Die Schuldenberatung als solche wurde in Skandinavien erfunden. In den skandinavischen Ländern gibt es am ehesten ein Verständnis dafür, wie Verschuldungsprobleme vermieden werden können. Es gibt ganz einfache Präventionsmechanismen, die nichts mit moralisierenden Appellen zu tun haben, etwa die Quellensteuer. Wenn beim ausbezahlten Lohn die Steuern bereits abgezogen sind, ist das Risiko, dass Geld falsch ausgegeben wird, schon mal geringer. Eine solche Besteuerung würde auch in der Schweiz die Zahl der Schuldner erheblich reduzieren. 80 bis 90 Prozent unserer Klienten (der Berner Schuldenberatung, Anm. d. Redaktion) haben die Steuern nicht bezahlt. Ein weiterer Präventionsansatz wären einkommensabhängige Krankenkassenbeiträge anstelle von Kopfprämien – das ist allerdings politisch nicht realisierbar. 40 bis 50 Prozent unserer Klienten haben Schulden bei den Krankenkassen. Nach den Steuerämtern und den Krankenkassen sind die Banken der drittgrösste Gläubiger. Dabei stellen wir fest, dass Schuldner Kredit- und Leasingverträge eher erfüllen, als Steuern zu zahlen.

Konsumkredite sind umstritten, weil sie laut Kritikern die Verschuldung von Kreditnehmern mitverursachen sollen. Werden Konsumkredite in der Schweiz allzu leichtfertig vergeben?
Das ist so. Beispielsweise hat die Bank Now in letzter Zeit Expresskredite von bis zu 10'000 Franken mit sehr aggressiver Werbung gepusht. Grundsätzlich ist es so, dass in Überschuldungsfällen ein Gros der Kredite nicht hätte vergeben werden dürfen. Wenn die Kreditgeber die Kreditfähigkeitsprüfung so seriös durchführen würden, wie es das verschärfte Konsumkreditgesetz vorsieht, hätten wir deutlich weniger Kredite, die in die Überschuldung führen. Bei verschuldeten Spielsüchtigen stellen wir immer wieder fest, dass diese Personen ihren Kredit aufstocken konnten, obwohl dies nicht hätte geschehen dürfen. Ich staune, wie unsensibel Kreditgeber manchmal sind. Dazu kommt, dass viele Kreditgeber unanständig hohe Zinsen verlangen.

Wie schlimm ist die Verschuldungssituation der Menschen, die Sie und Ihre Kollegen bei der Berner Schuldenberatung zu betreuen haben?
Wir haben immer mehr Fälle, bei denen eine Sanierung aussichtslos ist. In einigen Fällen bringt selbst ein Privatkonkurs nichts. Da bleibt nichts anderes übrig, als die Schulden zu verwalten. Nur bei einer Minderheit unserer Klienten ist eine Sanierung möglich – am besten sind die Aussichten bei Schuldnern aus der Mittelschicht. In diesen Fällen ist trotz hoher Belastungen ein anständiges Einkommen verfügbar, das zum Abbau der Schulden verwendet werden kann.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Was macht Ihnen am meisten Sorgen?
Die Verschuldung mit Kundenkarten wird zunehmen – das stellen wir bereits fest. Neben den Kreditkarten haben immer mehr Leute Kundenkarten von Versandhäusern oder Elektronikgeschäften. Diese Art der Verschuldung ist für einen Teil der Betroffenen nicht zu überblicken – 3000 Franken und 5000 Franken dort. Bei unserer Präventionsarbeit sagen wir nicht: Ja keine Kundenkarten verwenden. Wir engagieren uns für einen vernünftigen und dosierten Umgang mit solchen Karten. Schulden an sich sind nichts Schlechtes. Man braucht aber in jedem Fall finanzielle Kompetenzen.

Erstellt: 09.04.2013, 16:33 Uhr

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