Die Verschweizerung Amerikas

Überfremdungsangst und Isolationismus: Donald Trumps politisches Profil ist eigentlich eine Schweizer Erfindung.

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Wenn sich der amerikanische Wahlkampf, wie jetzt gerade wieder, in immer neue Extreme katapultiert, dann heisst es oft: «Erfasst die Amerikanisierung nun auch uns?» Die USA sind so etwas wie der Nabel der Welt und der Zeit oftmals voraus. Themen und neue Ansätze, die dort für Furore sorgen, finden ihren Weg nicht selten über den Atlantik nach Europa und in die Schweiz.

Steht nun also auch bei uns die «Trumpisierung» an? Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Der Mogul des Grössenwahns verkörpert zwar mit jeder Faser die amerikanische Oversize-Kultur, mit seiner politischen Agenda tickt er jedoch eigentlich ausgesprochen europäisch. Mehr noch: Ohne es zu ahnen, hat er in den USA ein politisches Profil etabliert, das eigentlich eine schweizerische Erfindung ist.

Schon 1970 zeigte nämlich James Schwarzenbach mit seiner Überfremdungsinitiative, welche Sprengkraft in der Zuwanderungsfrage liegt. Es sollte fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis diese Botschaft auch in den USA angekommen ist. Das hat historische Gründe. Im Schmelztiegel und Einwanderungsland galt Überfremdungsangst lange als unamerikanisch. Viele sahen darin ein Merkmal des mutlosen, stagnierenden Europa. Noch der letzte republikanische Präsident, George W. Bush, nahm bei diesem Thema eine vergleichsweise offene Haltung ein.

Die emotionalsten Debatten der USA entzündeten sich in den letzten Jahren immer an der Gesellschaftspolitik: Wie hältst du es mit der Abtreibung, der Homo-Ehe, den Waffenrechten oder der Todesstrafe? Das sind, oder besser: waren, die amerikanischen Gretchenfragen.

Es geht um Abgrenzung, nicht um Moral

Doch mit Donald Trump sind nun plötzlich der Bau einer Mauer an der mexikanischen Grenze und der Kampf gegen den Freihandel zu Kernthemen geworden. Offensichtlich treffen diese einen Nerv. Denn trotz seiner Ignoranz und seiner Exzesse bricht Trump in den Umfragen nicht ein. Und das in einem Land, in dem Konservative sonst stets den frommen Schein zu wahren hatten. Heute sind selbst prüde Evangelikale bereit, einen bekennenden Grapscher und Ehebrecher zu wählen. Zu guter Letzt geht es offenbar auch hier weniger um Moral als um das Thema der Abgrenzung gegen aussen.

Damit sind wir wieder bei der Frage: «Wer hat es erfunden?» Schon Jahrzehnte vor Trump hat die Schweizerische Volkspartei genau auf dessen Kernthemen gesetzt: auf restriktive Migrationspolitik und auf den Kampf gegen die aussenpolitische Öffnung. Was für Trump das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) ist, war für Christoph Blocher immer schon die Europäische Union: nämlich ein Fehlkonstrukt einer abgehobenen, international gesinnten Elite.

So wie sich Trump heute mit öffentlichen Forderungen nach Staatsabbau zurückhält, tut es die SVP seit Jahren. Denn beide wissen, dass dies keine allzu populäre Forderung ist. Doch wie kommt es, dass dies die Schweizer so viel früher wussten als die Amerikaner?

Der «kleine Mann» wird gehört

Es liegt an der direkten Demokratie. Volksabstimmungen haben einen ganz ähnlichen Effekt wie die Social Media – nur wirkten sie lange schon vor der digitalen Revolution. Abstimmungen erlauben es der breiten Bevölkerung, sich direkt und anonym in die Debatte zu konkreten Themen einzumischen. So etwa bei der Schwarzenbach-­Initiative von 1970. Wie die Online-Kommentarspalten und Klickraten auf News-Sites verschaffen sie dem «kleinen Mann» Gehör.

Genau deshalb ist die Schweiz zur konservativen Avantgarde geworden. Und deshalb breiten sich mit den Neuen Medien die Erfolgsrezepte der SVP zunehmend in der ganzen westlichen Hemisphäre aus. Trump, der fleischgewordene Online-Kommentarschreiber, hat die Stimmungslage der rechten Medien aufgesogen. Er weiss, welche Themen Emotionen provozieren. Ganz so, wie dies Blocher und die seinen schon lange wissen.

Für einmal droht uns nicht die Amerikanisierung. Wenn schon, findet gerade eben eine Verschweizerung der USA statt. Für Progressive, die einmal stolz waren auf die liberale Schweizer Drogenpolitik oder auf innovative Ansätze in der Umweltpolitik, ist die Auszeichnung als konservative Avantgarde womöglich keine sehr erfreuliche. Immerhin hat dieses Land dadurch manchen Ausgleich und manche Justierung bereits vorgenommen, die andere erst noch leisten müssen.

Erstellt: 10.10.2016, 19:02 Uhr

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