«Die Wut wird neopopulistischen Kräften Auftrieb geben»

Was auf die Schweiz zukommt, wenn sich die Vermögens- und Einkommensschere weiter auftut, sagt Soziologe Ueli Mäder im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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Sie veröffentlichen ein Buch über Reiche in der Schweiz. Zufall, dass es einen Monat vor der Steuerinitiative erscheint?
Sicher hat die Studie eine politische Implikation. Sie zeigt, dass es dringlich ist, für den sozialen Ausgleich in diesem Land mehr zu tun. Aber wir hatten es sicher nicht darauf angelegt, eine politische Kampfschrift zu lancieren.

Sie schreiben, der Steuerwettbewerb könne zu Ungunsten der mittleren und unteren Einkommensschichten ausfallen. Und das sei dem sozialen Zusammenhalt nicht förderlich. Müssen wir mit sozialen Unruhen rechnen?
Die soziale Brisanz wird zunehmen. Dies, weil die Einkommens- und Vermögensschere in der Schweiz in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Der soziale Frieden und der Arbeitsfrieden werden dadurch gefährdet. Die sozial Benachteiligten werden versuchen, ihre Interessen zu realisieren. Zudem wird die zunehmende Wut und Verunsicherung populistischen und neopopulistischen Kräften Auftrieb geben.

Müssen wir auch in der Schweiz mit Strassenunruhen rechnen?
Ich sagte bewusst, die soziale Brisanz wird zunehmen. Wie sich dies äussert ist eine andere Frage. Ich habe aber nicht primär das Bild von Strassenschlachten im Kopf.

Strassenunruhen gibt es in Frankreich, obwohl dort die Einkommens- und Vermögensschere weniger weit aufklafft. Warum ist es in der Schweiz trotz der grossen Unterschiede so ruhig?
Es sind andere Traditionen. In der Schweiz haben wir zum Beispiel das Friedensabkommen. Zudem sind die Reichen bei uns besser sichtbar. Gerade in Basel sind die Reichen halbwegs volksnah. Man sieht sie mit dem Hund spazieren oder im Laden einkaufen. Sobald etwas anfassbar wird, bekommt man damit einen anderen Umgang.

Sie schreiben, viele Reiche mit denen Sie gesprochen haben, würden mehr sozialen Ausgleich befürworten. Haben sie einfach Angst vor Unruhen, oder ist es soziales Mitgefühl?
Ich glaube beides ist der Fall. Einerseits die Einsicht, dass wenn die Entwicklung so weitergeht, das soziale Gefüge auseinander bricht. Und damit verbunden die Angst, dass dies zur Lose-lose-Situation führt – also alle werden verlieren, auch die Reichen. Es gibt aber auch Reiche, die dem scheinbar gelassen entgegen schauen. Herr Vasella sagt sich, dann gibt es halt Umbrüche. Das sei es, was die Gesellschaft weiterbringe. Aber das sagt er natürlich aus einer gesicherten Situation heraus, was sicherlich einfacher ist.

Sie bringen in ihrer neuen Schrift die Forderung nach einer stärkeren Besteuerung der Vermögen. Damit beissen Sie in der derzeitigen politischen Grosswetterlage in der Schweiz auf Granit.
Das mag sein. Trotzdem sollte es uns nicht daran hindern, diese Forderung zu formulieren. Es finden aber auch Verklärungen statt. Jemand, der Mindestlöhne fordert, wird plötzlich als Arbeitsplatzvernichter hingestellt. Und die Forderung nach höheren Vermögenssteuern wird als Reichensteuer verurteilt und dafür verantwortlich gemacht, dass Kapital abwandert.

Sie sagen, Reichtum-Studien befänden sich noch im Embriostadium. Was möchten sie denn noch wissen, wie fahren sie mit ihrer Forschung weiter?
Wir wollen weiterkommen im Bereich der Stiftungen. Uns interessiert zum Beispiel, inwiefern so Steuern umgangen werden können. Was wir auch erforschen wollen, ist der Einfluss der Medien. Sie berichten über Leben und Lebensstil und vernachlässigen aber den Machtfaktor. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.10.2010, 18:32 Uhr

Soziologieprofessor an der Uni Basel: Ueli Mäder.

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Rund jeder zehnte Milliardär der Welt wohnt in der Schweiz und drei Prozent der Schweizer Bevölkerung versteuern gleich viel Vermögen wie die restlichen 97 Prozent. Wer sind diese reichen Menschen? Wo und wie leben sie? Wie denken und lenken sie? Wie nehmen sie die sozialen Gegensätze wahr? Eine neu erschienene Studie der Universität Basel vermittelt aktuelle Antworten und interessante Einblicke zu den in der Schweiz wohnenden Reichen. Verfasst wurde die Studie von Ueli Mäder, Sarah Schilliger und Ganga Jey Aratnam vom Institut für Soziologie.

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