Die Zeitung, die Parolen der Lega unters Volk bringt

Der Tessiner «Mattino» feiert ein Vierteljahrhundert. Das Kampfblatt stand am Anfang der inzwischen mächtigen Lega dei Ticinesi.

Protest- und Parteiblatt: Der «Mattino» im Druck. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

Protest- und Parteiblatt: Der «Mattino» im Druck. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

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«Dieses Blatt wird sich höchstens einige Monate halten.» Das war der gängige Kommentar des politischen Establishments im Tessin, als vor 25 Jahren die erste Nummer der Sonntagszeitung «Il Mattino della Domenica» erschien. Die politischen Auguren sollten sich täuschen. Denn was am 18. März 1990 mit der Nummer 1 des «Mattino» begann, ist bis heute lebendig. Als die Lega dei Ticinesi kürzlich das Jubiläum der Zeitung in Lugano feierte, donnerte der Satz «Wir sind immer noch da!» wie ein Mantra durch die Messehalle.

Sonntag für Sonntag heizt der «Mattino» den Lesern ein, verulkt Politiker oder stellt sie obszön dar. An den Bars im Kanton amüsiert man sich offen, manchmal auch heimlich über Titel, Karikaturen und Artikel, während sich die politischen Gegner dafür schämen, dass ein solches Produkt überhaupt in ihrem Kanton existiert. Die FDP-Politikerin Natalia Ferrara Micocci meinte neulich, mit dem «Mattino» würde sie höchstens ihr Cheminée anfeuern.

«Kohärent tolerant»

Als der «Mattino» 1990 erstmals erschien, war er noch eine «normale» Sonntagszeitung – zwar provokativ, aber durchaus professionell gemacht. Der umtriebige Journalist Flavio Maspoli (1950–2007) leitete als Chefredaktor die Geschicke von Locarno aus. Wie Bauunternehmer Giuliano Bignasca, der das Blatt finanzierte, war Maspoli ein enttäuschter Liberaler, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, den etablierten politischen Parteien im Kanton an den Karren zu fahren. Der erste Kommentar Maspolis trug den Titel «Coerentemente tollerante» (Kohärent tolerant) und sprach sich für Meinungsvielfalt aus. Selbst eine deutschsprachige Seite gab es.

Doch damit war bald Schluss. Bi­gnas­ca verlegte die Redaktion nach Lugano ins Hauptquartier seiner Baufirma und modelte das Blatt in ein Sprachrohr der neuen Lega dei Ticinesi um. «Ich habe gemerkt, dass es nicht reicht, Dinge anzuprangern, damit sie sich ändern», schrieb Maspoli am 13. Januar 1991. Das war die offizielle Ankündigung der Gründung der Lega als politische Partei. Vier Tage später wurde Giuliano Bignasca von drei Personen (darunter er selbst) zum «Präsidenten auf Lebenszeit» ernannt. Noch im selben Jahr zogen die ersten Vertreter der Bewegung in den Grossen Rat und in den Nationalrat ein, darunter Flavio Maspoli.

«Mattino» und Lega: Das ist eine Einheit geworden. «Der ‹Mattino› ist die Lega», sagt Politikwissenschafter Oscar Mazzoleni. Damit hebt sich die Bewegung von allen anderen politischen Parteien ab. Parteikongresse, Vorstandssitzungen, Revision von Parteiprogrammen: All das kennt die Lega nicht. Bi­gnasca sagte stets: «Wir brauchen keine Kongresse, weil wir jeden Sonntag im ‹Mattino› einen Kongress abhalten.» Das Programm sei doch klar: Nein zur EU, Ja zum Bankgeheimnis und «das Tessin den Tessinern».

So ist es auch nach dem überraschenden Tod von Giuliano Bignasca im März 2013 geblieben. Im kleinen Kreis der politischen Würdenträger wird entschieden; dann bringt der «Mattino» die Parolen am Sonntag unters Volk. Statt langer Wahlveranstaltungen und zähen Diskussionen organisiert man etwa im Hinblick auf die kommenden Kantonswahlen lieber ein geselliges Zusammensein und Mittagessen mit den Unterstützern. Eine undemokratische Partei? «Diese Frage stelle ich mir nicht – wir sind einfach etwas informaler», antwortet der langjährige Richter und Lega-Staatsrat Claudio Zali.

Nahe beim Volk

Der «Mattino» hat nicht nur die Bewegung Lega dei Ticinesi hervorgebracht, sondern in zwei Jahrzehnten die politische Landschaft und Kultur des Kantons umgepflügt. Mit einem einfachen, häufig dialektalen und manchmal vulgären Wortschatz hat sich die Lega als «soziale Rechte» eine Volksnähe verschafft, ganz ähnlich wie die SVP in der deutschen Schweiz. Bignasca sagte stets, die Zeitung solle denen eine Stimme gegeben, die normalerweise nicht zu Wort kämen.

Das galt auch für den Stil und die Wortwahl. Etliche Anzeigen wegen Diffamierung und übler Nachrede für den Herausgeber Giuliano Bignasca waren die Folge. Mehrmals wurde er verurteilt. Seit seinem Tod ist das Blatt etwas zahmer geworden.

Obwohl die Lega von einer kleinen Protestbewegung zu einer Partei aufgestiegen ist, die seit 2011 mit zwei Staatsräten die relative Mehrheit in der Kantonsregierung stellt, hängt der «Mattino» nach wie vor am Tropf der Familie Bignasca. Lega-Gründer Giuliano Bi­gnasca bezifferte den Zustupf zuletzt auf jährlich 200'000 bis 300'000 Franken. Was passiert, wenn die Quelle versiegt, weiss niemand. Denn ohne «Mattino» gibt es – wie gesagt – keine Lega.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2015, 20:52 Uhr

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